Interview | Social Media 04.04.2017

Tierarzt und Blogger Ralph Rückert: „Wer nicht wirbt, stirbt"

Wie wird aus einem Kleintierpraktiker ein Blogger? Ein Gespräch über die Gefahren und den Nutzen von Social Media, Shitstorms und moderne Meinungsmache.

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Foto: Ralph Rückert

Wer am Schild vorbei in die Ulmer Praxis tritt, staunt nicht schlecht: stylische Sofas, Steinwände, hochaufgelöste Tierfotografie. Was erst ungewöhnlich scheint, fügt sich schnell ins Bild. Denn hier arbeitet kein gewöhnlicher Tierarzt. Der 57-jährige Kleintierpraktiker schreibt einen der bestgelesenen Tiermedizinblogs Deutschlands.

Herr Rückert, wie sind Sie zum Bloggen gekommen?
R. Rückert: Primär wollte ich meinen Standpunkt klarmachen. Es kursieren ja ewig viele Latrinenparolen, die jeder von jedem abschreibt. Ich sah im Blog meine Chance, Themen zu besetzen, bevor sie bei irgendeinem Stammtisch besprochen werden. Außerdem wollte ich mit meinen zum Teil. provokanten Texten eine kleine Vorauswahl treffen − wer meine Artikel unerträglich findet, wird nicht in meine Praxis kommen und das erspart allen Stress. Kunden, die den Blog mögen, sind hingegen meist auf meine Wellenlänge „getuned“.

Wie haben Sie angefangen?
Als ich gemerkt habe, dass alle jungen Leute auf Facebook hocken, wusste ich, dass ich da was machen muss. Erst habe ich mich privat angemeldet, aber sofort meine Finger wieder zurückgezogen, der Umgangston war mir doch sehr fremd. Dann habe ich mich als mein Hund, Nogger, angemeldet. Da taucht man in eine Parallelwelt ein, das Facebook der Tiere, mit Millionen Accounts. Die Engländer tauschen sich da auf „Doglisch“ aus (lacht). Mein Hund hatte sofort Hunderte von Freunden und ich habe gelernt, wie Facebook funktioniert. Danach habe ich die Praxisseite aufgezogen. Der Impact hat sich schnell multipliziert; derzeit habe ich fast 19 000 Abonnenten.

Welches war Ihr meistgeklickter Artikel?
Das war der mit der Plattnase, die ihren Tubus mag. Der hat 2,3 Millionen Leute erreicht. Aber das ist nicht der Durchschnitt. Der liegt eher bei 50–100 000 erreichten Leuten.

Können Sie abschätzen, welche Artikel besonders gut gehen?
Ja, bei der Bulldogge wusste ich, dass der ein Läufer wird. Emotionales mit Botschaft geht gut. Eine Kollegin hat mal über die Gefahr von Eichenprozessionsspinnern geschrieben. Dieser Artikel hat 3,4 Millionen Leute erreicht. Warnmeldungen laufen. Leser wollen dann andere informieren, außerdem herrscht auf Facebook immer eine gewisse Grundhysterie.

Sie scheuen ja auch nicht vor kontroversen Themen zurück …
Nein, manchmal bin ich auf Krawall gebürstet (grinst). Aber da muss ich auch in der Stimmung sein, das dann aushalten zu können. Meine Frau kennt das: Oft traue ich mich zwei Tage nicht vom Computer weg, um Kontrolle über die Kommentare zu behalten. Das kann schnell ausarten. Was unsachliche Kritik angeht, gehe ich mit dem eisernen Besen durch. Blödsinnige Kommentare lösche ich und lasse die Personen von Facebook sperren. Schließlich gelten dort meine Maßstäbe: Wer mir nicht passt, fliegt!

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?
  Aus Beiträgen, die auf Facebook für Diskussionen sorgen oder meinem Praxisalltag. Oft sehe ich Fotos aus der Praxis und denke, ach darüber könntest Du mal was schreiben. Die Ideen halte ich auf losen Zetteln fest, die ich im Portemonnaie mit mir herumtrage. Gucken Sie. Rückert öffnet sein Portemonnaie und zeigt mir seinen Ideenfundus: Kleine weiße Zettelchen, auf denen Stichwörter und Gedanken stehen.  Daraus werden mit der Zeit Artikel.

Wie viel Zeit nimmt der Blog in Anspruch?
Viel. Täglich eine Stunde Kommentare. Auch ein Blogartikel dauert, obwohl mir das Schreiben leichtfällt. Ich verfolge auch andere Blogs, beteilige mich an Diskussionen und versuche, bei Fragen oder in Facebookgruppen häufig Rat zu geben.

Welchen Nutzen bringt der Blog für Ihre Praxis?
Dreierlei: Einmal dauerhafte mediale Präsenz. Wer nicht wirbt, stirbt. Dann die bereits angesprochene Selektion von angenehmen Kunden. Das optische Design unserer neuen Praxis haben wir ganz bewusst so gewählt – wer hier reinkommt, weiß, dass das keine Billigpraxis ist. Außerdem mussten wir den Umzug und mehr Personal finanzieren. Für all das musste ich eine Umsatzbugwelle aufbauen, auf der ich in die neue Praxis surfen konnte.

Wie konnte der Blog dazu beitragen?
Durch die Reichweite wird Umsatz generiert. Wir haben viele Kunden, die von weit her kommen. Zudem kann der Blog Themen besetzen: So führe ich als einer der einzigen Tierärzte in Süddeutschland die Vasektomie beim Rüden durch. Wer diesen Begriff googelt, bekommt an Stelle eins meinen Artikel angezeigt und wird darauf aufmerksam. Zufriedene Kunden lassen dann wieder eine positive Bewertung bei Google da. Werbung möchte ich nicht schalten, obwohl es inzwischen viele attraktive Angebote gäbe. Aber ich habe den Ruf, dass ich sage, was ich will, ohne mich beeinflussen zu lassen. Wenn ich anfinge, mit Werbepartnern zusammenzuarbeiten, würde ich meine komplette Glaubwürdigkeit verlieren. Das ist mir kein Geld der Welt wert.

Nutzen Sie auch andere Social Media-Plattformen wie Instagram?
Ich habe mich lange verweigert und hatte auch kein Smartphone. Irgendwie fand ich das immer gruselig, weil ich das Gefühl habe, jeder kann dich hacken und abhören. Bei Instagram hab ich jetzt aber mal einen Account angelegt, aber so richtig kapiert, wie das da funktioniert, habe ich noch nicht. Ich beobachte das, auch Twitter.

Andere Branchen gewinnen über Ihre Social Media Auftritte auch neue Mitarbeiter. Ist Ihnen das auch schon einmal passiert?
(Kurze Nachdenkpause) Ich überlege grade ob es Leute gibt, die nicht über Facebook zu mir gekommen sind. Kaum. Die Auszubildenden schreiben oft in ihren Initiativbewerbungen, dass Sie über den Blog auf die Praxis aufmerksam geworden sind und den Wunsch haben, zu uns zu kommen. Auch wenn es mal ganz plötzlich zu einem Personalausfall kommt ist Facebook sicher einer der schnellsten Kanäle, um jemand neuen zu finden. Den würde ich in einem solchen Fall sicher nutzen.

Blogs machen etablierten (Print)medien immer mehr Konkurrenz. Sind Blogger die neuen Meinungsmacher?
Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass Blogartikel gut recherchierte Printartikel ersetzen können. Aber und das sehe ich immer wieder an meinem Blog: Wer gute Artikel bringt und glaubwürdig schreibt, kann die Meinungen von Leuten beeinflussen, ganz klar. Ohne abgehoben klingen zu wollen glaube ich schon, dass ich mit meinem Blog die Denkweise über einige tiermedizinsche Themen prägen konnte.

Das Interview sowie weitere Social Media-Tipps von Ralph Rückert sind in der aktuellen Ausgabe von Der Praktische Tierarzt erschienen und können hier kostenfrei eingesehen werden.