Hypertension | Katze 22.03.2017

Angst vorm weißen Kittel: der White-Coat-Effekt bei der Katze

Viele Katzen haben Bluthochdruck. Messfehler wie der White-Coat-Effekt können bei der Diagnosestellung zum Problem werden

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Foto: Dr. Petra Richter

Die systemische Hypertension wird bei älteren Katzen in der Mehrzahl der Fälle durch eine Grunderkrankung (chronische Nephropathie, Hyperthyreose, Diabetes mellitus oder Hyperaldosteronismus) bedingt. Werden Werte von 180/120 mmHg überschritten, besteht ein hohes Risiko für Endorganschäden an Auge, Niere, Gehirn und Herz. Im Verdachtsfall sollte aus diesem Grund immer eine Überprüfung des Blutdrucks mittels indirekter Verfahren (Doppler-Sonografie oder High-Definition-Oszillometrie) erfolgen.

Bei einigen Katzen stellt der White-Coat-Effekt ("Weißkitteleffekt") ein signifikantes Problem beim Messvorgang dar. Bei diesem zeigen die Tiere, ausgelöst durch den Stress des Handlings und der Begleitumstände beim Messvorgang, eine transiente Erhöhung des Blutdrucks. Im Allgemeinen haben diese Tiere normale Blutdruckwerte. Bei widerspenstigen, nervösen oder unkooperativen Katzen sind erhöhte Blutdruckwerte aus diesem Grund kritisch zu betrachten. Die Interpretation sollte stets unter Berücksichtigung aller vorliegenden Untersuchungsergebnisse und des Stresslevels des Patienten erfolgen. Eine hohe Herzfrequenz ist kein verlässlicher Indikator für eine „White-Coat-Hypertension“ bei Katzen, sondern kann auch ein Hinweis auf eine vorliegende systemische Erkrankung sein und z. B. auf eine vorliegende Hyperthyreose hindeuten. Eine parasympathische Überaktivität kann vorübergehend zu einer Erniedrigung der Messwerte führen. Eine Dehydratation bei einem Patienten mit Hypertonie kann eine transienten Erniedrigung der Messwerte bedingen.

Um zuverlässige Werte bei der Blutdruckmessung zu erzielen, empfiehlt es sich, die Messung auf Basis eines Standardprotokolls durchzuführen. Zentrale Punkte sind folgende:

  • Die Blutdruckmessung sollte, wenn möglich, vor der Durchführung weiterer Untersuchungen und ohne vorherige lange Wartezeiten erfolgen.
  • Ergibt sich erst im Laufe der klinischen Untersuchungen die Notwendigkeit der Durchführung einer Blutdruckmessung, sollte der Katze eine entsprechende Entspannungszeit eingeräumt werden, bevor die Blutdruckmessung durchgeführt wird.
  • Etwaig notwendige Sedation oder Anästhesie sollte nach der Blutdruckmessung erfolgen.
  • Unnötiges Rasieren, z. B. der Stelle, an welcher die Manschette angebracht wird, ist zu vermeiden (die Messstelle des Sensors bei der Doppler-Methode muss i. d. R. ausrasiert werden).
  • Die Durchführung der Blutdruckmessung sollte in einer ruhigen Umgebung erfolgen.
  • Die Katze sollte sich zunächst ein paar Minuten in dem Raum akklimatisieren können, bevor die Messung durchgeführt wird. Anhand des Verhaltens der Katze wird entschieden, wann mit der Blutdruckmessung begonnen werden kann.
  • Die Dämmung des Lichts ist insbesondere bei ängstlichen Tieren hilfreich.
  • Wenn möglich sollte die Katze während der Untersuchung von dem Besitzer oder durch geschultes Personal gehalten werden.
  • Die Messung sollte durch eine speziell geschulte Person durchgeführt werden.
  • Die Genauigkeit der Messwerte erhöht sich, wenn Durchschnittswerte von mindestens fünf, idealerweise sieben einzelnen Messwerten beurteilt werden. Die erste Messung wird jeweils verworfen. Wenn einem Messergebnis nicht vertraut wird (z. B. wenn die Variabilität > 20 % liegt), sollte dieses verworfen werden.
  • Die Erfassung der Herzfrequenz während der Blutdruckmessung dient als möglicher Indikator für eine zugrunde liegende Erkrankung (z. B. Hyperthyreose). Bei der HDO-Technik wird die Herzfrequenz miterfasst.
  • Wahl der Manschette: Bei der Doppler-Methode sollte der Umfang der Gliedmaße bzw. des Schwanzes mit einem Maßband gemessen werden. Es sollte eine Manschette mit einer Weite von etwa 30–40 % des gemessenen Umfangs ausgewählt werden. Bei Verwendung der HDO-Technologie ist das nicht nötig, da hier eine integrierte Volumenerkennung vorhanden ist.
  • Die Verwendung einer Manschetteneinheitsgröße oder defekter (nicht mehr selbstklebender) Manschetten sollte vermieden werden, da diese zu fehlerhaften Messwerten führen können. Auf keinen Fall dürfen nicht mehr selbstklebende Manschetten getapt werden.
  • Die Blutdruckmanschette sollte so nah wie möglich zum rechten Atrium angebracht werden oder sich zumindest auf Höhe der Herzbasis befinden.
  • Zu protokollieren sind der Untersucher, das Befinden des Tieres (ruhig, entspannt, ängstlich, nervös), der Umgebungsgeräuschpegel, ob die Messung ungestört erfolgen konnte, die Messmethode, die Größe und Position der Manschette, die gemessenen Einzelmesswerte und deren Mittelwert, die Interpretation der Ergebnisse und ggf. die eingeleitete Therapie oder Therapieanpassung.

Lesen Sie den auführlichen Fortbildungsbeitrag von Astrid Wehner „Die systemische Hypertension bei der Katze – Diagnostik und Behandlung" in der aktuellen Ausgabe der Kleintierpraxis.