Kleintiere | Neurologie 21.04.2017

Junghund mit progressiver Parese − ein Fall zum Mitdenken

Ein vier Monate alter Tierschutzwelpe aus Italien wird mit fortschreitender Lähmung der Hintergliedmaße in der Tierklinik vorgestelllt. Zunächst wird ein Trauma vermutet.

 - Der Mischling als ausgewachsener Hund.
Der Mischling als ausgewachsener Hund.
Foto: Engelmeier

Begonnen hatte die Symptomatik laut der vermittelnden Tierschutzorganisation in Italien mit einer schlaffen Lähmung einer Hintergliedmaße. Zum Zeitpunkt der Vorstellung in der Klinik in Deutschland zwei Wochen später befanden sich die Hinterbeine des Maremanno-Mischlings bereits in hochgradiger Hyperextensionsstellung mit ausgeprägter Muskelatrophie - sodass das Tier nicht gehfähig war. Unabhängig von der neurologischen Symptomatik war das klinische Allgemeinbefinden des Welpen aber ungestört und der Entwicklungszustand altersgemäß. Auch das Schmerzempfinden war erhalten. Die Kontraktur der Hinterbeine war allerdings so stark ausgeprägt, dass die Gliedmaßen sogar in Narkose nicht gebeugt werden konnten.

Welche Differenzialdiagnosen fallen Ihnen ein?
Diskusprolaps, Wirbelfraktur/-luxation, Blutung, Infektionskrankheiten, fibrokartilaginöse Embolie, Thromboembolie, Wirbelsäulenfehlbildungen, Meningozele, Diskospondylitis, Osteomyelitis, Abszess, Myelitis, Spondylosis deformans, lumbosakrale Stenose, Dura-mater-Verknöcherung, Tumoren .

Wie gehen Sie weiter vor?
Im Falle des hier vorgestellten Hundes wurden eine serologische Untersuchung, sowie Röntgen, MRT (mit und ohne Kontrastmittel), eine Muskelbiopsie aus dem vastus lateralis des Quadrizeps femoris und eine Liquoruntersuchung angeschlossen.

 - granulomatöse Myositis
granulomatöse Myositis
Foto: Engelmeier

Liste der Befunde:
Serologie: hohe Antikörpertiter gegen Neospora caninum
Bildgebung: o.b.B.
Liquor cerebrospinalis: makroskopisch klar, durchsichtig, keine Gerinnung. Spezifisches Gewicht: 1007 (Norm: 1003-12), Pandy-Test negativ. Zellzahl: 3,75 Leukozyten/ul. Neospora caninum AK > 1:8
Muskelbioptat: mononukleäre Myostits mit Faserverlust und beginnender Vernarbung.

Welche Diagnose würden Sie stellen?

Diagnose: Aufgrund der Ergebnisse von Liquoruntersuchung, Serologie und Muskelbiopsie konnte eine Infektion mit Neospora caninum diagnostiziert werden. Das klinische Bild zum Zeitpunkt der Vorstellung in der Tierklinik entsprach dem Polyradikuloneuritis-Myositis-Syndrom.

Therapie: Der Welpe bekam über vier Wochen Clindamycin (22 mg/kg KG p. o., zweimal täglich) und Sulfonamid/Trimethoprim (15 mg/kg KG p. o., zweimal täglich). Die medikamentöse Therapie wurde mit täglicher Physiotherapie kombiniert. Die pathologischen Veränderungen an den Hintergliedmaßen waren zum Zeitpunkt der Behandlung allerdings bereits so weit fortgeschritten, dass die Therapie zu keiner Verbesserung des Zustandes führte. Die Kontraktur der Hintergliedmaßen infolge der Myositis besteht weiterhin (siehe Bild 2). Der Junghund hat inzwischen gelernt, mit seinem Handicap umzugehen, und kann sogar laufen, indem er die Hintergliedmaßen als Stütze benutzt.

Hintergrundinformationen zur Neosporose des Hundes finden Sie im Artikel „Neosporose beim Junghund − eine Parasitose mit variablem klinischen Erscheinungsbild" von Leila Engelmeier in der aktuellen Ausgabe der Kleintierpraxis.