Fütterung | Kälber 13.03.2017

Mehr Resistenzen durch antibiotikahaltige Milch?

In der EU erhalten Kälber Kolostrum und Milch von Kühen, die mit Antibiotika behandelt werden bzw. wurden. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie resistente Bakterien mit dem Kot ausscheiden.

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Foto: Evelyn Theis - Fotolia.com

Die intramammäre Antibiotikabehandlung von Kühen sowohl in der Trockenstehperiode als auch während der Laktation ist eine gängige Methode in der EU, um Euterinfektionen zu behandeln bzw. vorzubeugen. Dabei kommen vor allem Penicilline allein oder in Kombination mit Aminoglykosiden sowie Cephalosporine der ersten und zweiten Generation zum Einsatz. In einigen EU-Mitgliedsländern werden auch Cephalosporine der dritten und vierten Generation regelmäßig eingesetzt. Bei der Aufzucht von Kälbern ist es gängige Praxis, dass Kälber mit Kolostrum, Milch bzw. Wegwerfmilch von Kühen gefüttert werden, die in der Behandlung sind, da auch während der Wartezeit gemolken wird. Somit besteht die Möglichkeit, dass Kälber Milch aufnehmen, die Antibiotikarückstände enthält.

Studie
Diese Studie wurde von dem zur europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit gehörenden wissenschaftlichen Ausschuss für biologische Gefahren (BIOHAZ) durchgeführt. Den Auftrag hatte die Europäische Kommission erteilt. Dabei sollten folgende Punkte beurteilt werden:
1.) Einschätzung des Risikos für die Entwicklung antimikrobieller Resistenzen durch die Kolostrumfütterung an Kälber, das potenziell Antibiotikarückstände enthält
2.) Einschätzung des Risikos für die Entwicklung antimikrobieller Resistenzen durch die Fütterung von Milch, die von Kühen stammt,
welche während der Laktation antibiotisch behandelt wurden
3.) Vorschläge zu Optionen, die dieses Risiko abmildern könnten, falls notwendig
Vorgehen
Die Analyse erfolgte anhand qualitativer Daten: Dafür wertete die BIOHAZ wissenschaftliche Literatur zum Thema sowie Daten von nationalen Überwachungs- und Monitoringprogrammen aus. Ebenso wurden Informationen aus einem Fragebogen ausgewertet, welchen die Europäische Kommission an EU-Mitglieder gesendet hatte. Bei der Datenanalyse wurde ein besonderes Augenmerk auf folgende Punkte gelegt: gängiges Vorgehen auf Farmen unterschiedlicher EU-Länder in Bezug auf die Behandlung von Kühen mit Antibiotika, Umgang mit potenziell antibiotikahaltiger Milch als Futter für Kälber, bestehende Antibiotikarückstände in Milch und Kolostrum behandelter Kühe, Erregerspektrum und Existenz resistenter Erreger in der Milch, Beschreibungen experimenteller Studien, die konkrete Beweise über die Effekte der Fütterung von antibiotikahaltiger „Abfallmilch“ liefern, Analyse der gesammelten Daten im Vergleich zu bestehender wissenschaftlicher Literatur, potenzielle Fütterungsoptionen sowie Möglichkeiten, um das Risiko einer Resistenzentwicklung zu mindern.

Ergebnisse
Kolostrum
Sofern der Zeitraum zwischen der Trockenstellbehandlung und der Abkalbung der auf dem Beipackzettel des Antibiotikums genannten Wartezeit entspricht, besteht kein erhöhtes Risiko, dass Kälber resistente Bakterien mit dem Kot ausscheiden. Wird die Wartezeit hingegen nicht eingehalten, sind der Wirkstoffanteil von antibiotischen Rückständen im Kolostrum und damit die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Kälber resistente Bakterien ausscheiden. Allerdings konnte aufgrund der Datenlage nicht quantifiziert werden, wie stark der Anstieg dieser Wahrscheinlichkeit ist.
Milch
Experimentelle Studien haben gezeigt, dass die Milch von Kühen, die während der Laktation mit Antibiotika behandelt werden, erhebliche Mengen antimikrobieller Rückstände enthält. Die Verfütterung solcher Milch erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Kälber resistente Keime ausscheiden. Dies trifft vor allem auf junge Tiere im Alter von zwei bis drei Wochen zu und nimmt im Alter von sechs bis sieben Wochen mit statistischer Signifikanz wieder ab. Eine weitere Untersuchung hat gezeigt, dass die Fütterung pas­teurisierter Wegwerfmilch die Anzahl fäkal ausgeschiedener antibiotikaresistenter E. c oli durch Kälber nicht vermindert. Daraus wurde geschlossen, dass die Präsenz antibiotikaresistenter Keime in der Milch eine geringere Rolle spielt als Antibiotikarückstände in Wegwerfmilch.

Möglichkeiten der Risikominimierung
In der Studie werden drei Maßnahmepakete zur Risikominimierung angesprochen. Zu ihnen zählen: Maßnahmen, die das Fütterungsmanagement von Kälbern betreffen; solche, die Antibiotikarückstände in der Milch vor ihrer Verfütterung zerstören; Maßnahmen, um antibiotikaresistente Bakterien aus Kolostrum und Wegwerfmilch zu entfernen.
Die Untersuchungen zeigen, dass alle Behandlungsmöglichkeiten (z. B. Hitzeanwendung, pH-Wert-Veränderung, Ultrafiltration) für Milch unterschiedliche Vor- und Nachteile besitzen, wobei sich die meisten Verfahren als nicht vollständig effektiv herausgestellt haben. Spezifische N-Lactamasen können z. B. die Gehalte von N-Lactamantibiotika in der Milch auf ein nicht mehr nachweisbares Level senken. Die Erhitzung von Milch und Kolostrum auf bestimmte Temperaturen vermag vegetative Bakterien und damit auch antibiotikaresistente Keime abzutöten, eliminiert aber keine Antibiotikarückstände. Insgesamt sollte die Fütterung von Milch und Kolostrum an Kälber mit Antibiotikarückständen, die zur Selektierung resistenter Keime beitragen, vermieden werden. Sowohl Antibiotikarückstände als auch resistente Bakterien im Kot von Kälbern können zur Resistenzentwicklung auf Betrieben beitragen. Weitere Feldstudien, die Antibiotikagehalte in Milch- und Kolostrumproben bestimmen und ausloten, welche Mengen Resis­tenzen bei Kälbern hervorrufen, sowie Untersuchungen, die die Effizienz der Minimierungsmaßnahmen beurteilen, sollten künftig angestrebt werden. (lp)