Diätetik | Urolithiasis 28.04.2017

Harnsteinbildung unter Allopurinol − ein Fall aus der Praxis

Ein an Leishmaniose erkrankter und mit Allopurinol vorbehandelter Hund wird in eine neue Praxis überwiesen. Die Tierärztin fragt sich, ob ihr Patient purinarm ernährt werden sollte.

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Foto: Ksenila - Fotolia.com

Eine Frage aus dem Praxisalltag: Tierärztin Bärbel Klinkenborg übernahm einen Patienten, der unter Leishmaniose litt und vorberichtlich seit drei Monaten mit Allopurinol behandelt wurde. Der Hund hatte weiterhin sein gewohntes Futter bekommen und Klinkenborg musste nun abklären, ob sich Xanthinsteine gebildet hatten. Die Tierärztin wandte sich an Prof. Dr. Rafael Nickel, den Experten für Urologie im fachforum kleintiere, und fragte, ob unter Allopurinol grundsätzlich eine purinarme Diät anzuraten sei oder ob die Ernährung erst umgestellt werden sollte, wenn sich erste Probleme zeigen?

Hintergrund: Allopurinol wird zum einen in nicht-endemischen Gebieten in einer Dosierung von 10 mg/kg/Tag zur Dauertherapie der Leishmaniose eingesetzt. Zum anderen kann der Wirkstoff auch zur Therapie von Uratsteinen genutzt werden. Hierfür liegt die empfohlene Dosierung bei 15 mg/kg alle zwölf Stunden. Urat entsteht beim Abbau von Purinen und wird von Hunden normalerweise weiter verstoffwechselt, bevor es in Form von Allantoin mit dem Harn ausgeschieden wird. Doch manche Hunde bestimmter Rassen wie Dalmatiner, Russische Terrier oder Englische Bulldoggen können Urat nur schlecht abbauen. Bei betroffenen Tieren kommt es zu einer hohen Uratkonzentration im Urin und Uratsteine können sich bilden.

Uratsteine gehen, Xanthinsteine kommen
Allopurinol hemmt die Xanthinoxidase. Dieses Enzym katalysiert die Umwandlung von Xanthin und Hypoxanthin in Harnsäure. Eine Behandlung mit Allopurinol führt daher zum einen zu niedrigeren Uratkonzentrationen und zum anderen zu erhöhten Konzentrationen von Xanthin und Hypoxanthin im Harn. Da Xanthin und Hypoxanthin löslicher sind als Urat, kommt es nicht so schnell zur Kristallisation und Harnsteinbildung. Unter Allopurinolanwendung kann in einigen Fällen auch eine Auflösung der Urat­steine beobachtet werden. Bei hohen Xanthinkonzentrationen im Harn kann es aber auch zur Steinbildung in der Niere und den unteren Harnwegen kommen. Es entstehen entweder reine Xanthinsteine oder eine Xanthin-Umhüllung bereits vorhandener Uratsteine.
Xanthin wird bei der Verstoffwechslung von Purinen gebildet. Es macht also Sinn, genau wie bei der Vorbeugung von Uratsteinen, mit einer eiweiß- und purin­arme n Diät Einfluss auf die Harneigenschaften zu nehmen, um das Risiko der Xanthinsteinbildung zu senken.
Hunde nehmen Purine als Bestandteile tierischer Zellen normalerweise in großer Menge mit dem Futter auf. Reich an Purinen sind Fleischprodukte oder Innereien, Proteinlieferanten mit geringem Puringehalt sind beispielsweise Ei- und Milchprodukte. Verschiedene purinreduzierte Diätfuttermittel sind kommerziell erhältlich.

Empfehlung des Experten: Rafael Nickel rät eine purin­arme Diät mit den betroffenen Tierhaltern zu diskutieren, wenn Allopurinol verschrieben wird: „Es besteht zwar das Risiko, dass man viele Hunde mit einem für sie wenig attraktiven Futter versorgt, die keine Steine bekommen hätten. Allerdings ist die Vorbeugung vor allem der Nierensteine schon einen gewissen Aufwand wert.“ Nickel berichtet im Fachforum von eigenen Patienten mit Nieren- und Uretersteinen aus Xanthin, es habe sich um durchaus gravierende Fälle gehandelt. Bei Dauertherapie mit Allopurinol empfiehlt es sich, Nierenwerte und Harnsediment zu überprüfen, aussagekräftiger ist aber die Sonografie von Niere und Blase. Bei Hinweisen auf Xanthinsteinbildung, z. B. durch typische Muster in den Nierenkelchen oder Urolithen in der Harnblase, muss das Allopurinol zunächst abgesetzt und andere Strategien zur Behandlung der Leishmaniose müssen in Erwägung gezogen werden. Erfahrungen amerikanischer Kollegen und auch bei Nickels eigenen Patienten sprechen für eine Auflösung von Nierensteinen aus Xanthin unter eiweißarmer Ernährung und nach Absetzen des Allopurinols. (vm)