Journal Club 01.04.2009

Kaniner und feliner Diabetes mellitus – ein epidemiologischer Rückblick (1996–2006)

Hyperglykämie: Der Diabetes mellitus bei Hund und Katze ist eine Endokrinopathie mit multifaktorieller Genese. Insulinmangel bzw. -resistenz führen zu einer transienten Hyperglykämie und Glukosurie mit den darauf folgenden klinischen Manifestationen.

Kardinalsymptome sind Polyurie, Polydipsie und Polyphagie, häufig einhergehend mit Gewichtsverlust. Aufgrund des erhöhten Infektionsrisikos der diabetischen Patienten können Komplikationen in Form von z. B. Zystitiden oder Dermatitiden entstehen oder im Fall eines schlecht eingestellten Blutzuckers zu einer lebensbedrohlichen diabetischen Ketoazidose führen. Zu den Folgen einer persistierenden Hyperglykämie zählen unter anderem eine Katarakt und eine periphere Neuropathie.

Die Einteilung des Diabetes mellitus erfolgt bei Hund und Katze in Anlehnung an die Klassifikation des humanen Diabetes mellitus. Hiernach werden vier verschiedene Diabetes-Typen differenziert. Eine dem Typ I des Menschen verwandte Form stellt bei den kaninen diabetischen Patienten die größte Gruppe dar (ca. 50 %). Durch eine Destruktion der ß-Zellen kommt es zu einer Hypoinsulinämie, die eine lebenslange Insulinsubstitution erfordert. Bei Katzen dominiert eine dem Diabetes mellitus Typ II des Menschen verwandte Form. Betroffen sind vornehmlich ältere und adipöse Tiere. Ätiologisch und Pathogenese sind noch nicht vollständig geklärt. Die Existenz eines mit dem Typ II des Menschen vergleichbaren Diabetes mellitus wird beim Hund lediglich vermutet. Studien konnten dies bisher nicht sicher belegen. Der progesteroninduzierte Diabetes mellitus während des Diöstrus ähnelt dem Gestationsdiabetes des Menschen. Unter „sonstige Diabetes-Typen“ fallen zum einen der medikamentös induzierte, aber auch der auf eine chronische Pankreatitis folgende oder der bei diversen anderen endokrinologischen Erkrankungen auftretende Diabetes mellitus.

Der humane Diabetes mellitus Typ II stellt eine Zivilisationskrankheit dar, an der derzeit ca. 10 % der deutschen Bevölkerung leiden. Die Tendenz ist steigend. Auch bei Hund und Katze weist der Diabetes mellitus eine zunehmende Inzidenz auf. In der vorliegenden Studie wurde die Prävalenz der an der Tierärztlichen Hochschule Hannover vorgestellten diabetischen Hunde und Katzen der Neuzugänge 1996–2006 bestimmt und nach Alter, Rasse, Gewicht, Geschlecht und Kastrationsstatus differenziert.

In den Jahren 1996 bis 2006 wurden 16 920 Katzen und 63 858 Hunde vorgestellt. Hiervon waren 167 Katzen (1,0 %) und 256 Hunde (0,4 %) an Diabetes mellitus erkrankt. Der kanine Diabetes mellitus wies keine steigende Tendenz auf. Hingegen litten 1996 von 1640 Katzen 9 (0,55 %) an Diabetes mellitus und 2006 waren es bereits 22 (1,23 %) von 1615 Katzen.

Sowohl bei Hunden als auch bei Katzen ließ sich der Diabetes mellitus bei kastrierten Tieren signifikant häufiger diagnostizieren. Kastrierte Hündinnen waren zu 0,79 % (64 von 8076 insgesamt vorgestellten kastrierten Hündinnen) und unkastrierte Hündinnen zu 0,48 % (102 von 21 308) diabetische Patienten. Von 2741 unkastrierten Kätzinnen waren drei (0,11 %) an Diabetes mellitus erkrankt.

Von 34 474 vorgestellten Rüden waren 89 Diabetiker (0,258 %). Dagegen litten von 29 384 Hündinnen 166 an Diabetes, was einem prozentualen Anteil von 0,565 % entspricht. Bei den Katzen zeigten sich die männlichen Tiere signifikant häufiger betroffen. Von 9560 Katern waren 115 (1,2 %) und von 7360 Katzen 52 (0,70 %) erkrankt. Den größten Anteil bei den Katzen nahmen kastrierte Kater mit 1,5 % (110 von 7251) ein.

Für Katzen konnte über eine lineare Regression ein stetig steigendes Risiko mit zunehmenden Alter (bis zu 11 Jahren) festgestellt werden. Die höchste Inzidenz lag bei einem Alter von 11– 12 Jahren und fiel anschließend ab. Diabetische Hunde waren zwischen acht und 12 Jahren am häufigsten betroffen.

Vergleicht man die Gewichte der insgesamt vorgestellten Katzen der Jahre 1994/1995 mit dem der Jahre 2005/2006, lässt sich ein Anstieg des medianen Gewichts von 3,98/3,94 kg auf 4,42/4,42 kg verzeichnen. Die Diabetiker der Jahrgänge 2005 und 2006 wogen im Durchschnitt 5,05 bzw. 5,41 kg und waren damit 0,5– 1 kg schwerer als die übrigen vorgestellten Tiere. Bei den Hunden waren Tiere der Gewichtsklasse bis zu 10 kg unter den Diabetikern am häufigsten vertreten.

Cairn Terrier und West Highland Terrier stellten mit 2,35 % (10 von 426) bzw. 1,07 % (20 von 1868) die am häufigsten betroffenen Rassen dar. Die geringste Prävalenz zeigten Teckel (0,23 %; 9 von 3946) und Deutsche Schäferhunde (0,16 %; 8 von 4993).

Insgesamt konnte in der vorliegenden Studie eine zunehmende Tendenz für den felinen Diabetes mellitus verzeichnet werden. Verantwortlich hierfür ist vermutlich der Wandel der Lebensweise dieser Patienten. Die zunehmende Haltung von Katzen in der Wohnung schränkt ihre natürliche Aktivität ein. Inaktivität wurde bereits in einer früheren Studie als Diabetes-Risikofaktor beschrieben. Beim Menschen wird als ätiologischer Hintergrund eine negative Wirkung auf die Insulinresistenz vermutet. Aber auch die hieraus resultierende Gewichtszunahme ist für das steigende Diabetesrisiko entscheidend. So besitzen adipöse Katzen ein 3,9-fach höheres Risiko, an Diabetes zu erkranken, als normalgewichtige. Die Art der Fütterung scheint ebenfalls einen maßgeblichen Einfluss zu haben. Die ursprünglich ausschließlich karnivore Ernährung der Katzen wurde in den letzten Jahrzehnten zunehmend durch Fertigfutter ersetzt, das einen großen Anteil an kurzkettigen Kohlenhydraten beinhaltet. Dies führt zu einer gesteigerten Hyperglykämie. Durch die hiermit verbundene Glukotoxizität kommt es zu einer verminderten Insulinausschüttung. Vergleicht man Gewicht, Alter und Geschlecht von felinen diabetischen Patienten dieser und früherer Studien, zeigt sich, dass die Prävalenz des Diabetes mit zunehmenden Gewicht und Alter steigt und vor allem kastrierte Kater betroffen sind. Außerdem konnte ein erhöhtes Risiko mit fortschreitendem Alter festgestellt werden, wobei das höchste Risiko bei 11–12 Jahren lag. Dies bestätigen Ergebnisse von Studien aus Großbritannien und den USA . Auch waren in dieser Studie kastrierte Hündinnen signifikant häufiger betroffen als nicht kastrierte. Somit stellt sich die Frage ob es – wie in der Literatur propagiert – tatsächlich sinnvoll ist, Hündinnen zu kastrieren und ob man damit das Risiko erhöht, dass die Tiere an Diabetes erkranken. Andererseits gilt eine Kastration für die Behandlung des Diabetes als essenziell, da der Anstieg des Progesteronspiegels im Diöstrus eine temporäre Insulinresistenz zur Folge hat. Nichtsdestotrotz geht eine Kastration häufig mit einer verstärkten Inaktivität einher, die ebenfalls die Progression eines Diabetes mellitus fördern kann.

Abschließend ist zu bemerken, dass die Ergebnisse dieser Studie einige Übereinstimmungen mit Untersuchungen aus andere Ländern und Kontinenten aufweisen, jedoch auch einige Differenzen. Daher sollten weitere Studien z. B. den Einfluss der Kastration und der Adipositas sowie die genetische Prädisposition genauer untersucht werden, um die zugrunde liegenden Pathomechanismen besser verstehen und Konsequenzen hieraus ziehen zu können. Die Herausarbeitung der Risikofaktoren bietet die Grundlage für eine ausführliche Beratung des Patientenbesitzers sowie für eine Prävention des Diabetes mellitus.

(Quelle: J. Rieder et al. (2008): Kaniner und feliner Diabetes mellitus – ein epidemiologischer Rückblick (1996–2006). Tierärztl. Prax. 2008; 36 (K), 169–175.)

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