Journal Club 01.09.2009

Lumbosakrale Übergangswirbel beim Hund

Malformation: Die Wirbelsäule des Hundes wird aus ungefähr 50 Wirbeln gebildet. Sie ist in fünf Abschnitte unterteilt, und in jedem Abschnitt ist die Anzahl der Wirbel weitgehend konstant.

Die meisten Hunde besitzen 7 Halswirbel, 13 Brustwirbel, 7 Lendenwirbel, 3 Kreuzwirbel und zirka 20 Schwanzwirbel. Die Wirbel eines Abschnitts unterscheiden sich durch anatomische Eigenarten von den benachbarten Abschnitten. So besitzen die Brustwirbel beispielsweise eine gelenkige Verbindung zu den Rippen. Die Kreuzwirbel wiederum sind miteinander zum Kreuzbein (Sakrum) verschmolzen und stehen in Kontakt zum Becken. Wirbel, die am Übergang zwischen zwei Abschnitten liegen und anatomische Eigenarten von beiden Abschnitten aufweisen, werden als Übergangswirbel oder Schaltwirbel bezeichnet. So kann zum Beispiel einem Brustwirbel eine oder beide Rippen fehlen, oder umgekehrt kann der letzte Halswirbel oder der erste Lendenwirbel ein- oder beidseitig Rippen tragen.

Derartige Missbildungen sind in der Regel klinisch bedeutungslos, weil sie weder schmerzen noch den Hund behindern. Problematischer sind Übergangswirbel am Lenden-Kreuz-Übergang, wo schon bei Hunden mit normaler Anatomie gehäuft Schädigungen der Bandscheibe zu beobachten sind. Es ist erwiesen, dass bei Hunden mit einem Übergangswirbel zwischen Lende und Kreuzbein die letzte Zwischenwirbelscheibe gehäuft geschädigt ist, was zu einer Quetschung und Entzündung der Nerven im Wirbelkanal führen kann. Das sehr schmerzhafte Krankheitsbild wird als Cauda equina Syndrom (CES) oder degenerative lumbosakrale Stenose (DLSS) bezeichnet. Übergangswirbel können auch eine Verkippung des Beckens zur Folge haben, was eine einseitige oder einseitig schwerere Hüftgelenksdysplasie (HD) zur Folge haben kann.

Übergangswirbel können unterschiedlich ausgebildet sein. Häufig sind die seitlich abgehenden knöchernen Fortsätze (Querfortsätze) abnormal entwickelt. Unterschieden werden symmetrische Übergangswirbel, also solche, bei denen der linke und rechte Querfortsatz die gleiche Form aufweisen, und asymmetrische Übergangswirbel, bei denen die Querfortsätze unterschiedlich geformt sind. In einer Studie an 4000 Hunden aus der Dysplasiekommision Zürich zeigten 3,5 %, also etwa 1 von 30 Hunden einen lumbosakralen Übergangswirbel. Allerdings schwankte die Befallsrate zwischen den Rassen erheblich. Übermäßig stark betroffen war der Deutsche Schäferhund mit 5,7 %, der Große Schweizer Sennenhund mit 9,4 % und der Shar Pei mit 19,2 %.

Neben den erwähnten Formen kommt noch ein weiterer Typ von Übergangswirbel vor, bei dem der Dornfortsatz des ersten Kreuzwirbels nicht mit den fusionierten Dornfortsätzen des 2. und 3. Kreuzwirbels verschmolzen ist. Diese Variante ist gemäß einer Untersuchung der Universität Gießen an 5000 Hunden bei 23 % der Hunde und damit sehr häufig zu finden. Sie ist in der Regel aber für den einzelnen Hund selber belanglos und auf den Röntgenaufnahmen nicht immer zu erkennen, insbesondere dann nicht, wenn röntgendichter Kot im Enddarm die Beurteilung dieser Region erschwert oder die Aufnahme unterbelichtet ist.

Die Dysplasiekommision Bern und Zürich haben den Übergangswirbeln in den vergangenen Jahren vermehrt Beachtung geschenkt und eine ausgeprägte Missbildung auf den Befundblättern jeweils vermerkt. In Zusammenarbeit mit führenden Dysplasiegutachtern aus Deutschland wurde eine einfache Typisierung der lumbosakralen Übergangswirbel entwickelt. Sie basiert auf den beiden Kriterien a) Verschmelzung der Dornfortsätze des Kreuzbeines und b) Symmetrie der Verbindung zwischen Übergangswirbel und Becken. Ein normaler lumbosakraler Übergang wird als Typ 0 bezeichnet, die ausgebliebene Verschmelzung der Dornfortsätze des ersten und zweiten Kreuzwirbels als Typ 1. Eine symmetrische Missbildung der Querfortsätze wird als Typ 2 bezeichnet. Bei unterschiedlich geformten Querfortsätzen, also einem asymmetrischen lumbosakralen Übergangswirbel, besteht ein Typ 3.

Es ist bis heute noch nicht abschließend geklärt, ob und wie Übergangswirbel vererbt werden. Die Beobachtung, dass diese bei gewissen Rassen häufig vorkommen und manchmal fast alle Hunde eines Wurfes erfassen, macht eine erbliche Komponente wahrscheinlich. Diverse Rasseclubs empfehlen, Hunde mit Übergangswirbeln nicht zur Zucht zu verwenden oder belegen sie sogar mit einer Zuchtsperre. Diese Maßnahmen beruhen auf dem Verdacht, dass die Ausbildung von Übergangswirbeln eine genetische Basis hat, d. h. dass die Veranlagung dazu vererbt wird. Wie hoch die Erblichkeit ist und welche Rolle Gene dabei haben, ist allerdings noch nicht bekannt.

(Quelle: M. Flückinger et al. (2008): Lumbosakrale Übergangswirbel: Welche Bedeutung haben sie für die Gesundheit von betroffenen Hunden? Schw. Arch. Tierheilk., Band 151, Heft 3, 133–135.)

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