Welpe | Erstversorgung 17.05.2017

Der Neonaten Check-up

Vor allem nach schwierigen Geburten muss der Tierarzt die Vitalität der neugeborenen Welpen überprüfen. Dabei sollten verschiedene Parameter kontrolliert werden.

1. Vitalparameter
Soll Atemfrequenz: 15−35/Min
Problem: Atemdepression

Lösung: Als erstes sollten die Atemwege mithilfe eines Schleimabsaugers, bzw. Nasensaugers für Kinder oder einer 1-Milliliter Spritze mit Zitzenhütchen freigelegt werden. Das Schütteln oder Schleudern der Neonaten ist unbedingt zu unterlassen, da dies zu Hirnblutungen oder zur Aspiration von Mageninhalt führen kann. Das gründliche Trockenreiben regt die Atmung ebenfalls an. Medikamentell kann Doxapram in einer Dosierung von 2 mg pro Welpe subkutan, sublingual oder intravenös verabreicht werden. Auch das Setzen einer Akupunktur-Nadel an den Renzhong Akupunkturpunk t (liegt zwischen den Nasenöffnungen, in der Mitte der geringfügigen Vertiefung) kann hilfreich sein. Bei einer weiteren Methode, dem „ Accordion squeeze“, werden Kopf und Vordergliedmaßen mit einer Hand und das Becken und die Hintergliedmaßen mit der zweiten Hand umfasst. Durch Beugen und Strecken des Welpen soll eine passive Beatmung erreicht werden. Hält die Apnoe trotz aller Therapieversuche an, muss der Welpe intubiert werden. Sobald die Atmung einsetzt, kann die Zufuhr von Sauerstoff den Welpen helfen, die stets auftretende gemischt respiratorisch-metabolische Azidose auszugleichen.

Bei Neonaten, die per Kaiserschnitt geboren wurden, muss je nach verwendetem Anästhetikum, eventuell eine Antagonisierung des Wirkstoffes vorgenommen werden:

Anästhetikum  Antagonist 
Opiode (Bsp. Methadon, Fentanyl) Naloxon
Alpha-2-Adrenoagonisten (Bsp. Xylazin, Medetomidin) Atipamezol
Benzodiazepine (Bsp. Diazepam, Midazolam) Flumazenil

Soll Herzfrequenz: 180−220/Min
Problem: Bradykardie

Lösung: Die Bradykardie ist bei Welpen nicht vagal, sondern meist durch eine myokardiale Hypoxie bedingt. Die Anwendung von Atropin ist bei ihnen demnach kontraindiziert. Bei Herzstillstand kann Epinephrin in einer Dosierung von initial 0,1 – 0,3 mg/kg verabreicht werden. Ist ein Herzschlag vorhanden, muss die Reanimation über mindestens 20 Minuten fortgesetzt werden.
Soll Temperatur: 35,5 – 36,5 °C
Das Soll Gewicht unterscheidet sich nach Rasse und Größe:

Zwergrassen 100-200 g
mittelgroße Rassen 200-400 g
große Rassen 400-500 g
übergroße Rassen >600 g

 2. Apgar-Score
Mithilfe des Apgar-Scores soll die postnatale Adaptation des Neugeborenen an das extrauterine Leben beurteilt werden. Der Score wird jeweils eine, fünf und zehn Minuten nach der Geburt ermittelt und liefert eine objektive Einschätzung der Vitalität des Tieres.

  Herzfre-quenz/min Atemfrequenz/min und Vokalisation Motilität Relexerreg-barkeit Farbe SH
O Punkte < 180 < 6, keine Vokalisation Nicht motil Keine Reaktion Zyanotisch
1 Punkte 180 - 220 6 – 15, leises Wimmern Wenig motil Schwache Reaktion Blass
2 Punkte > 220 > 15, lautes Schreien Sehr motil Starke Reaktion Rosa

Quelle: modifizierter Apgar Score für Welpen nach Veronesi et al. (2009).

Beurteilung: Die erreichten Punkte werden addiert, Welpen mit 7–10 Punkten gelten als vital: Neonaten mit 4–6 Punkten werden als gefährdet und Tiere mit 0–4 Punkten als stark gefährdet angesehen.

3. Kolostrumaufnahme
Da Hündinnen eine Plazenta endotheliochorialis besitzen, können Sie kaum Antikörper auf ihre Welpen übertragen. 85–95 % der Immunglobuline müssen demnach über die Biestmilch aufgenommen werden. Da die Darmschranke bereits nach 24 Stunden verschlossen ist, ist eine rascher Trinkbeginn notwendig.

Problem: ausbleibende Zitzensuche/Welpe kann oder will nicht trinken

Lösung: Die Hündin kann abgemolken und das Kolostrum dem Welpen per Sonde zugeführt werden. Insgesamt ist eine Menge von 1,5 ml/100 g KM Kolostrum notwendig.

Problem:  Agalaktie der Hündin

Lösung: In diesem Fall kann Fremdkolostrum gefüttert werden. Hierfür kommt das Kolostrum einer Hündin am zweiten Tag post partum in Frage, da es es noch genug Antikörper enthält, die eigenen Welpen sind aber schon versorgt sind. Alternativ ist die orale Gabe von 3 ml Serum eines adulten Tieres auf 100 Gramm Körpergewicht des Welpens möglich, wobei eine ausreichende Immunisierung des Welpen mit dieser Methode nicht immer erreicht werden kann.

Den ausführlichen Beitrag von Teresa Conze „Tierärztliche Erstversorgung von Hundewelpen nach Spontan- und Schwergeburt" finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Der Praktische Tierarzt. (lp)