Journal Club 01.10.2009

Therapie der Alopecia X mit Trilostan bei einem Alaskan Malamute

Dermatopathie: Der Alaskan Malamute gehört neben anderen Hunderassen wie Sibirischer Husky, Samojede, Wolfsspitz, Finnenspitz, Zwergspitz und Chow-Chow zu den so genannten „plüschfelligen“ Rassen, die für eine seltene alopezische Hauterkrankung prädisponiert sind, deren Pathogenese weitgehend unklar ist und die deshalb „Alopecia X“ genannt wird.

Betroffene Hunde werden durch einen progressiven, nicht juckenden Haarverlust auffällig, welcher in der Regel zwischen dem zweiten und sechsten Lebensjahr erstmalig beobachtet wird. Eine Geschlechtsdisposition ist nicht bekannt. Während zu Beginn der Erkrankung nur die Primärhaare von der Alopezie betroffen sind, weitet sich der Haarverlust im späteren Krankheitsstadium auch auf die Sekundärhaare aus und führt meist zur Alopezie und Hyperpigmentierung zirkulär am Hals, im Bereich der Rute, im dorso-lateralen Rückenbereich sowie kaudal der Schultern, am Perineum und an den Kaudalflächen der Hintergliedmaßen. Die Kopfregion und die distalen Gliedmaßenbereiche bleiben meist unverändert. Das verbleibende Fell wird zunehmend trocken, spröde und glanzlos.

Erkrankte Hunde sind abgesehen von den beschriebenen dermatologischen Veränderungen klinisch unauffällig. Pathogenetisch wurden in der Vergangenheit verschiedene endokrinologische Abnormalitäten sowie Haarfollikelstörungen diskutiert und betroffene Tiere daher empirisch mit Wachstumshormonen, Geschlechtshormonen, Miotane oder Melatonin konservativ behandelt oder aber kastriert. Die Therapieerfolge waren sehr unterschiedlich. Selbst bei einem Ansprechen auf eine der oben genannten Therapieformen ist häufig mit Rezidiven zu rechnen. Die Alopecia X wird auch mit dem Bild eines milden hypophysären Hyperadrenokortizismus in Verbindung gebracht. Aus diesem Grund wurde die Erkrankung beim Zwergspitz und Zwergpudel mit Trilostan behandelt. Nach einer früheren Studie kann daher Trilostan auch effektiv und sicher zur Behandlung der Alopecia X beim Alaskan Malamute eingesetzt werden.

Der vorliegende Fallbericht handelt von einem zehn Jahre alten unkastrierten Alaskan Malamute Rüde, der in der Kleintierklinik in Duisburg-Asterlagen vorgestellt wurde. Vorberichtlich wurde der Hund bereits seit zwei Jahren aufgrund von Haut- und Haarkleidveränderungen und eines erniedrigten Blutspiegels von freiem Thyroxin substituierend mit Levothyroxin behandelt. Klinischchemisch konnte durch einen Low-Dose-Dexamethason-Suppressionstest ein Hyperadrenokortizismus nicht nachgewiesen werden.

Bei der klinischen Untersuchung war das Allgemeinbefinden des Hundes unauffällig. Der Patient zeigte eine symmetrische Alopezie mit Hyperpigmentierung der haarlosen Areale vor allem zirkulär am Hals, dorso-lateral am Rücken, an der seitlichen Brustwand und ventral am Bauch. Ein Juckreiz konnte nicht beobachtet werden. Vor der weiteren diagnostischen Aufarbeitung des Patienten wurde die Substitution mit Levothyroxin eingestellt und der Hund drei Wochen später abgeklärt. Neben der Kontrolle der Leber- und Schilddrüsenparameter wurden sechs in Formalin fixierte Stanzbiopsien im Bereich der veränderten Hautregionen entnommen und diese für die pathologisch-histologische Untersuchung eingeschickt.

Die Ergebnisse der histologischen Untersuchung zeigten in der Epidermis eine geringe orthokeratotische Hyperkeratose, Hyperplasie und Pigmentierung. In der oberflächlichen Dermis wurden perivaskulär vereinzelt mononukleäre Entzündungszellen gefunden. Die Haarfollikel befanden sich überwiegend in der telogenen Phase und es bestand eine deutlich vermehrte tricholemmale Keratinisierung. Dabei waren zackenförmige Ausläufer bis tief in die Follikelwand nachweisbar. Diese „flammenartige“ Morphologie der Keratisierung in den Haarfollikeln hat in der Literatur zu der Bezeichnung „flame follicles“ geführt. Auch wenn diese „flame follicles“ nicht als pathognomisches Merkmal zu bewerten sind, ist das vermehrte Auftreten doch hochverdächtig für eine Alopecia X. Daher wurde aufgrund der Anamnese, der klinischen Untersuchung und der weiterführenden Untersuchungen bei dem hier vorgestellten Alaskan Malamute die Diagnose „Alopecia X“ gestellt.

Eine Behandlung mit Trilostan in einer Dosierung von 3 mg/kg KGW zweimal täglich oral wurde begonnen. Eine klinische Kontrolluntersuchung sechs Wochen nach Therapiebeginn ergab, dass alte Fellareale abgestoßen wurden und sich bereits ein neu nachwachsendes gesundes Haarkleid entwickelte. Weitere drei Wochen später wurde der Hund mit einem fast komplett wieder nachgewachsenen Fell vorgestellt. Nach einer Therapiedauer von sechs Monaten wurde Trilostan versuchsweise abgesetzt. Im weiteren Verlauf wurde der Hund zu regelmäßigen Kontrollen in der Klinik vorgestellt. Hierbei blieb der Patient klinisch weiterhin unauffällig.

Der Hund im hier vorliegenden Fall zeigte bei der Vorstellung in der Klinik Haut- und Fellveränderungen wie sie häufig bei hormonell bedingten Hauterkrankungen beobachtet werden können. Dazu gehören insbesondere eine symmetrische Alopezie im Flankenbereich, fehlender Juckreiz und eine Hyperpigmentierung. Bei der klinischen Aufarbeitung solcher Patienten gehört die Hypothyreose zu den am häufigsten überdiagnostizierten Hormonstörungen. Die kanine Hypothyreose ist meist eine primäre Erkrankung der Schilddrüse, deren Funktionsstörung zu einer Erniedrigung der Schilddrüsenhormone führt. Jedoch können eine Vielzahl von nicht Schilddrüsen-bedingten Erkrankungen, zu denen unter anderem chronische Leber- und Nierenerkrankungen zählen, sowie verschiedene Medikamente den Stoffwechsel der Schilddrüse verändern, wodurch Schilddrüsenhormonwerte absinken können. Zu den Medikamenten, welche den Schilddrüsenhormonstoffwechsel verändern, zählen z. B. Glukokortikoide, Carprofen, Phenylbutazon, Sulfonamide und Phenobarbital.

Als weitere Differenzialdiagnosen einer hormonellen Hauterkrankung sind beim Hund des Weiteren eine Imbalanz der Geschlechtshormone sowie der Hyperadrenokortizismus zu nennen. Beim Hund ist neben dem Leydigzelltumor vor allem der Sertolizelltumor als Östrogenquelle mit dem klinischen Bild einer Feminisierung bekannt. Die Serumspiegel der Geschlechtshormone können hierbei durchaus im Normbereich liegen, so dass sich die Verdachtsdiagnose einer Imbalanz der Geschlechtshormone vor allem auf die Anamnese und die klinische Untersuchung stützt.

In der Literatur wird die Alopecia X auch als Pseudo-Cushing- Syndrom, Kastrations-reaktive Dermatose, Östrogen-reaktive Dermatose, Testosteron-abhängige Dermatose oder auch als Wachstumshormon- reaktive Dermatose beschrieben. Diese Vielfalt der Bezeichnungen zeigt, dass sehr unterschiedliche Therapieformen zur Behandlung der Erkrankung beschrieben wurden. Die derzeit gebräuchliche Bezeichnung „Alopecia X“ soll hervorheben, dass die Ätiologie und Pathogenese der Erkrankung auch derzeit weitgehend unbekannt sind.

Nach heutigen Erkenntnissen geht man davon aus, dass es sich bei der Erkrankung vermutlich um ein rein dermatologisches Problem ohne Konsequenzen auf den Gesamtorganismus handelt. Biochemische Untersuchungen zeigten, dass bei an Alopecia X erkrankten Hunden signifikante Abweichungen der Steroid-Zwischenprodukte der Nebenniere nachweisbar sind, weshalb einige Autoren pathogenetisch eine subklinische Form des Hyperadrenokortizismus vermuten. Aus diesem Ansatz heraus wurden betroffene Hunde der Rassen Zwergspitz und Zwergpudel mit Trilostan behandelt. Auch in diesem Fall konnte Trilostan, ein Medikament zur Behandlung des Hyperadrenokortizismus, erfolgreich zur Behandlung der Alopecia X eingesetzt werden. Unerwünschte Nebenwirkungen aufgrund der Suppression der Nebenniere wurden hierbei nicht beobachtet.

(Quelle: A. Schwan et al. (2008): Therapie der Alopecia X mit Trilostan bei einem Alaskan Malamute. Kleintierpraxis 53, 11, 694–699.)

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