Haftung | Arbeitsunfall 22.02.2017

Mitverschulden bei Pferdetritt

Tierärzte müssen erkennbar gefährliche Situationen sachgemäß einschätzen können. Nach einem aktuellen Urteil gehört dazu auch der mögliche Widerstand eines Tieres in einer engen Pferdebox.

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Verletzt eine Stute einen Tierarzt, der ihr Fohlen behandeln will, kann dem Tierarzt ein Mitverschulden anzurechnen sein. Richter am Oberlandesgericht Hamm urteilten, dass sich der Tierarzt der Stute in einer erkennbar gefährlichen Situation unsachgemäß genähert habe.

Im vorliegenden Fall hatte ein Tierarzt aus Werl gegen einen Hobbypferdezüchter aus Bad Sassendorf geklagt. Der Tierarzt sollte ein an Durchfall erkranktes Fohlen einer bisher ungerittenen Zuchtstute im Reitstall des Beklagten ärztlich behandeln. Beim Eintreffen des Klägers befanden sich die Stute und das etwa drei Wochen alte Fohlen in einer ca. 3,18 x 3,15 m großen Pferdebox. Der Züchter hatte die Stute mit Halfter und Führstrick angebunden. Um das Fohlen zum Zwecke der Untersuchung und Behandlung von der Stute zu trennen, versuchte er zunächst vergeblich, dem Jungtier einen Halfter über den Kopf zu streifen. Daraufhin begab sich der Tierarzt ca. einen Meter weit in den vorderen Teil der Box, um das Fohlen von vorn am Kopf des Tieres zu fixieren. In diesem Moment drehte sich die Stute mit der Kruppe in Richtung Boxentür um und trat aus, wobei sie den Veterinär am linken Oberschenkel traf und schwer verletzte. Er erlitt Frakturen, Muskel-, Kreuzband-, Gelenkkapsel- und Meniskusverletzungen, musste operiert und stationär behandelt werden.

Der Tierarzt hatte vom Pferdezüchter vollen Schadensersatz verlangt. Ihm sei kein Mitverschulden anzulasten, weil er aufgrund der Berufsordnung zur Behandlung des erkrankten Fohlens verpflichtet gewesen sei und dem Beklagten beim Ausführen des Fohlens aus der Pferdebox habe helfen müssen. Ein vom Haftpflichtversicherer des Beklagten auf der Basis einer 50-prozentigen Haftungsquote unterbreitetes Vergleichsangebot hatte der Tierarzt abgelehnt.
Nach Ansicht der Richter hafte der Pferdezüchter aus dem Gesichtspunkt der Gefährdungshaftung zwar als Tierhalter für den Schaden, den seine Stute an der Gesundheit des Tierarztes verursacht habe. Dem Kläger sei allerdings ein Mitverschulden mit einer Quote von einem Viertel anzulasten, das in seinem Verhalten vor der Verletzung begründet sei.

Vor dem Betreten der Pferdebox sei für den Arzt unschwer erkennbar gewesen, dass er in der für beide Pferde erheblich zu gering dimensionierten Pferdebox an jeder Stelle vom Huf der sichtlich erregten Stute habe getroffen werden können. Am Unfalltage hätte mit einem Widerstand der Stute gegen die gebotene Trennung von Muttertier und Fohlen gerechnet werden müssen, wobei das Anbinden der Stute ihren Erregungszustand noch erhöht habe. In dieser Situation hätte der Kläger die Pferdebox nicht betreten dürfen.
Um die beiden Pferde zu trennen, hätte nach Einschätzung tiermedizinischer Sachverständiger eine wesentlich weniger risikobehaftete Methode zur Verfügung gestanden. So hätten die Stute und ihr Fohlen durch ein Hinaus- und wieder Hineinführen beider Pferde aus und in die Box, gegebenenfalls mit Zuhilfenahme einer Nachbarbox und unter Umständen in mehreren solchen Versuchen, voneinander getrennt werden können, indem die Boxentür zwischen Stute und Fohlen geschlossen worden wäre. Dieses zum Trennen der Tiere geeignete Vorgehen wäre dem Tierarzt auch zumutbar gewesen und hätte die Gefahr einer Verletzung erheblich verringert. ( at)

Oberlandesgericht Hamm: Urteil des 6. Zivilsenats vom 19. Dezember 2016, Az. 6 U 104/15