Journal Club 01.09.2011

Zwei Ausbrüche von Infektionen mit virulenten systemischen felinen Caliciviren bei Katzen in Deutschland

Klinik: Hohes Fieber, Ödeme, Ulzerationen, Blutungen, Enteritis, Pneumonie und Ikterus sind Symptomate einer neuen Infektion mit den virulenten systemischen Caliciviren.

Das feline Calicivirus (FCV) ist ein RNA-Virus, das bei Katzen typischerweise klinische Symptome einer oberen Atemwegserkrankung hervorruft. Rhinitis, Anorexie, Fieber und Ulzerationen der Zunge oder des harten Gaumens galten bisher als die charakteristischen Symptome einer Calicivirusinfektion. FCV ist ferner ätiologisch in den felinen-Stomatitis-Komplex mit involviert. In Tierheimen oder Mehrkatzenhaushalten ist die Prävalenz von FCV sehr hoch, da viele Katzen nach einer akuten Infektion persistent infiziert bleiben und so zu Dauerausscheidern werden. In den vergangenen Jahren tauchte – im Gegensatz zu der bekannten Symptomatik einer Calicivirusinfektion – ein neues klinisches Bild auf. Verursacher waren virulente systemische Caliciviren (VS-FCV).

Bei dem ersten Ausbruch in Kalifornien in 1998 zeigten die betroffenen Katzen hohes Fieber, Ödeme des Gesichts und der Gliedmaßen, Ulzerationen der Haut und der Mundhöhle, Ikterus, Lahmheiten und Anzeichen von Vaskulitis und DIC. Auch in anderen geografischen Regionen der USA sowie in England und Frankreich wurde von Ausbrüchen mit einer ähnlichen Symptomatik berichtet. Der vorliegende Bericht hatte zum Ziel, die ersten zwei Ausbrüche von Infektionen mit virulenten systemischen felinen Caliciviren in Deutschland zu dokumentieren. Der erste Ausbruch in Deutschland wurde in einem Tierheim in Hessen im Winter 2004 verzeichnet. Die meisten der 55 betroffenen Katzen waren adult und geimpft, 25 Katzen zeigten schwere Symptome. Diese bestanden aus Augen- und Nasenausfluss, Dyspnoe, Anorexie, hohem Fieber und Ödemen. Trotz Therapie mit Antibiotika, Flüssigkeitsersatz und Feliserin® (spezifische Antikörper gegen felines Herpesvirus, FCV, felines Parvovirus, IDT Biologika GmbH, D) konnten zwölf der 25 Katzen nicht gerettet werden. Der zweite Ausbruch geschah im Jahr 2005 an der LMU München und betraf insgesamt vier Katzen. Der erste Fall wurde mit akutem Durchfall und Erbrechen an der Klinik vorgestellt, wurde positiv auf Parvovirus getestet und erhielt Feliserin®. Einige Tage danach zeigte die Katze purulenten okulären und nasalen Ausfluss, Ulzerationen der Zunge, Speicheln, Lethargie und Fieber. Nach einigen Tagen begannen in der Klinik auch drei andere Katzen ähnliche Symptome zu zeigen, zwei Katzen hatten schwere ulzerative Veränderungen an den Fussballen. Die Therapie bestand aus Antibiotika, Flüssigkeitstherapie, Mukolytika und Feliserin®. Nur die erste Katze konnte erfolgreich wieder nach Hause entlassen werden, die anderen wurden euthanasiert. Die Tiere waren alle adult und bis auf ein Tier nicht geimpft. Signifikante Funde der Sektion von innerhalb des ersten Ausbruchs erkrankten drei Katzen bestanden in einer nekrotischen Enteritis mit Depletion der Peyerschen Platten (drei Tiere), Blutungen in der Milz (ein Tier), blutiger Perikarderguss (ein Tier) und interstitielle Pneumonie (drei Tiere). Außerdem fiel bei zwei von drei Katzen der Parvovirus-Antigen-Test positiv aus. Die signifikanten Befunde des zweiten Ausbruchs bei zwei Tieren beinhalteten Befunde wie ulzerierende purulente Pododermatitis (beide Tiere), eine purulent-nekrotisierende Pneumonie und Lebernekrosen (ein Tier). Das feline Calicivirus wurde mittels PCR nachgewiesen, gefolgt von einer Sequenzierung der PCR-Produkte. Trotz ähnlicher Symptomatik wie in den USA und den anderen Ländern stellte sich heraus, dass phylogenetisch betrachtet keine Verwandschaft bestand. Immunhistochemisch wurde eine starke Immunreaktivität von VS-FCV im Zytoplasma der Makrophagen und der Plasmazellen in der Milz, den Lymphknoten und auch in einigen Alveolarmakrophagen nachgewiesen. Zusammenfassend kann aus den vorliegenden Fällen und deren Ergebnissen geschlossen werden, dass eine Infektion mit VS-FCV ein weltweit bestehendes Problem ist und mit Symptomen wie hohem Fieber, Ödemen, Ulzerationen an Haut- und Mundschleimhaut, Blutungstendenzen, Enteritis, Ikterus und Pneumonie einhergeht. Mit hoher Mortalität und rascher Ausbreitungstendenz ist zu rechnen. Einzudämmen ist diese Infektion nur durch Quarantäne sowie durch Hygiene- und Desinfektionsmaßnahmen. Das Ergebnis der phylogenetischen Untersuchung des Virusgenoms bestätigt die hohe genetische Variabilität des FCV. Neben der PCR-Methode kann die Immunhistochemie die Diagnose einer systemischen Calicivirusinfektion bei Katzen absichern.

Quelle:
Schulz BS, Hartmann K, Unterer S, Eichhorn W, Majzoub, Homeier- Bachmann T, Truyen U, Ellenberger C, Huebner J (2011):
Two outbreaks of virulent systemic feline calicivirus infection in cats in Germany. Berl Münch Tierärztl Wochenschr 124: 186–193.

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