Reportage | Fütterungsberatung 12.07.2017

Von Ernährungsmythen und langen Leidenswegen

Kathrin Irgang ist Expertin für die Ernährung von Pferden und Kleintieren. Aus ihrem Büro führt sie industrieunabhängige Fütterungsberatungen durch und berechnet Rationen für eine bessere Tiergesundheit.

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Foto: Kathrin Irgang

Hechelnde Distanzpferde, allergiegeplagte Hunde oder niereninsuffiziente Katzen: Häufig haben Tierhalter, die Kathrin Irgang kontaktieren, schon einen langen Leidensweg hinter sich. Sie kommen auf das Anraten von Tierärzten, Zahnspezialisten, Heilpraktikern, Hufschmieden und Osteopathen, die selbst mit ihrem Latein am Ende sind. Die Hoffnung der Patientenbesitzer: dass die Beratung der Expertin endlich das Ende eines meist langen Diagnostikmarathons für sie und ihr Tier bedeutet.
Irgang, die auf eine langjährige Praxiserfahrung im Pferde- und Kleintierbereich zurückblicken kann, hat die Zusatzbezeichnung Ernährungsberatung Kleintiere 2010 in Bayern absolviert und sich auf die computergestützte Rationsberechnung spezialisiert. Neben Hunde- und Katzenhaltern suchen auch Pferdebesitzer ihren Rat. Denn obwohl es noch keine entsprechende Weiterbildung zur Ernährungsberaterin Pferd mit einheitlichen Ausbildungsstandards gibt, spielen auch unter Reitern die artgerechte sowie leistungsoptimierende Fütterung und ernährungsbedingte Erkrankungen eine große Rolle. Schließlich erreichen immer mehr Pferde ein hohes Alter, viele Tiere plagen Zahnprobleme oder wiederholte Koliken. Und Höchstleistungen, wie sie zum Beispiel im Distanzsport erwartet werden, kann eine optimale Fütterung unterstützen.

Büro statt Praxis
Eine klassische Praxis mit Behandlungsräumen oder fahrendem Tierärztemobil hat Kathrin Irgang nicht. Wer die Beratung der Expertin in Anspruch nehmen will, muss ein Anamneseformular ausfüllen und wird anschließend schriftlich und im Telefongespräch eingehend über die ermittelten Fütterungsempfehlungen informiert. „Mein Arbeitsalltag findet zu großen Teilen am Schreibtisch statt“, erzählt die Berlinerin, wobei sie auch regelmäßig für Vorträge und Seminare für Hunde- und Pferdebesitzer, Vereine, Stallbetreiber, TFA‘s und Tierärzte unterwegs ist. Hausbesuche sind eher selten, aber möglich, wenn gewünscht.
Die Spezialisierung auf den Bereich der Ernährungsberatung mache aus Kathrin Irgangs Erfahrung doppelt Sinn: Denn neben dem speziellen Fachwissen, das ihre Arbeit erfordert, ist auch der Zeitaufwand für eine Rationsberechnung nicht zu unterschätzen. Allein die Bedienung der entsprechende Software zur Berechnung der Rationen will gelernt sein. Und bevor es überhaupt an den Computer des Büros in Berlin-Spandau geht, sichtet die Expertin Anamnesebögen sowie Fotos ihrer Fernpatienten und sieht, je nach Fall, schon mal einen ganzen Ordner diagnostischer Befunde durch. Damit die Rationen auch wirklich in den Futtertrögen und Hundenäpfen landen, müssten sie letztlich noch auf den Besitzer abgestimmt werden − Kochmuffel bekommen in der Regel andere Vorgaben als routinierte Küchenprofis. „Kein Tierarzt, der eine normale Sprechstunde anbietet, hat für all das Zeit“, sagt die Tierärztin selbst. Die Kosten für die Ernährungsberatung richteten sich demnach auch immer nach dem Umfang des Falls. Besitzer müssen mit Aufwänden von ca. 100−200 Euro rechnen.

Dicke Heubäuche – ein Trend?
Auf die Frage, welche Fütterungstrends die Tierärztin in ihrem Arbeitsalltag sieht, berichtet Kathrin Irgang, dass das Getreide nicht nur bei Mensch und Hund unter Beschuss steht. Auch bei den Pferden wird es für eine Reihe von Stoffwechselerkrankungen wie Hufrehe verantwortlich gemacht. Somit würden Reiter vermehrt auf Heu und stärkearme Rationen setzen. Die raufutterbetonte Ernährung sei laut der Expertin zu begrüßen, wobei stets bedacht werden müsse, dass auch die Ad-libitum-Gabe von Heu bei wenig belasteten Freizeitpferden bereits zu Übergewicht führen könne. „Viele Besitzer füttern mehr, als sie reiten“, erzählt Irgang mit einem Augenzwinkern. Häufig fehle bei ihnen aber auch einfach das Gefühl für Portionsgrößen. Wer die Vorgaben der Expertin umsetzen will, müsse da schon mal zur Waage greifen. Dies gilt auch für Hunde- und Katzenbesitzer, die das Futter ihrer Tiere selbst zubereiten wollen. „Das BARFen ist weiterhin ein Supertrend“, weiß Irgang. In städtischen Gebieten gäbe es sogar Gemüsesmoothies für Hunde.

Falls auch Sie einen schwierigen Fall in Ihrer Praxis haben, können Sie diesen gern an Kathrin Irgang überweisen.

Redaktioneller Tipp für Kleintierärzte: Damit sich Ernährungsmythen gar nicht erst verbreiten, haben wir die Tierhalterbroschüre "Wahr oder falsch: Ernährungsmythen bei Hund und Katze" erstellt, die Sie hier kostenfrei bestellen können. Darin klären wir über zehn häufige Märchen, wie z.B. Getreide als einziger Auslöser von Juckreiz, schädlichen Zucker oder zu schnelles Wachstum durch Proteine, auf.