Praxis 06.10.2005

Der Vormarsch der Vogelgrippe

Die Zeit des Vogelzuges hat begonnen, die Meldungen über die Ausbreitung des H5N1- Virus sind besorgniserregend: Wie groß schätzen Experten die Gefahr tatsächlich ein?

„RÜCKKEHR DES KILLERVIRUS“; „H5N1 kommt nach Europa“: So oder so ähnlich klangen Presseberichte anlässlich des erstmaligen Auftretens der hochpathogenen aviären Influenza in der Russischen Föderation. Einige sahen gleich eine Grippe-Pandemie in Europa einmarschieren, obwohl H5N1 trotz bereits stattgefundener Veränderungen im genetischen Code immer noch ein aviäres Influenzavirus ist.

Risiko durch Zugvögel?
Als das Virus lediglich in Ostasien grassierte, war man hierzulande noch nicht allzu beunruhigt, denn ein direkter Vogelzug nach Europa findet von dort schlichtweg nicht statt. Zudem galt die Verbreitung des Virus unter Zugvögeln als gering. Die Alarmglocken begannen jedoch zu klingeln, als chinesische Wissenschaftler von der University of Hongkong die Erkrankung von Zugvögeln am Qinghai-See meldeten: Erste erkrankte Vögel registrierten sie Ende April, und bis Mitte Mai waren bereits 1500 Wildgänse und Möwen verendet. Yi Guan und Kollegen drückten in ihrer Veröffentlichung Besorgnis aus: „Andere Wildvögel wurden zuvor mit Symptomen der Vogelgrippe gefunden, aber in der Nähe von Geflügelhaltungen“, so die Wissenschaftler. „Es hat zuvor keinen Beweis dafür gegeben, dass sich das Virus auch innerhalb von Wildvogel-Populationen verbreitet.“ Diesen konnten die Wissenschaftler aus Hongkong nun liefern und gaben gleichzeitig den dringenden Ratschlag, dass auch Geflügelhalter in Indien und Europa wachsam gegenüber Krankheitsanzeichen sein sollten. Kurze Zeit später zeigten Ausbrüche in Nordchina, Kasachstan und schließlich in der Russischen Föderation, dass die Vogelgrippe tatsächlich langsam näher rückt. „Die Vermutung liegt nahe, dass die Verbreitung über Wasservögel erfolgt, bei denen es sich um Zugvögel handelt“, sagen auch die Experten des Friedrich- Loeffler-Instituts (FLI) in ihrer aktuellen Risikoabschätzung. „Jedoch sind solche Vermutungen mit Vorsicht zu werten, weil derzeit unklar ist, ob eine genaue epidemiologische Analyse durchgeführt worden ist.“

Vogelzug hat begonnen
Seit etwa Mitte September ist der Vogelzug nun in vollem Gang. Wie wahrscheinlich ist es, dass tatsächlich Zugvögel das Virus nach Europa oder gar Deutschland bringen? In seiner Risikobewertung beurteilt das FLI das Risiko der Einschleppung von H5N1 aus Russland in die EU und nach Deutschland als gering und auch während der Zeit des Vogelzuges nur als mäßig. Als potentielle Überträger können vor allem bestimmte Entenarten gelten, die weiter und schneller fliegen als viele andere Vogelarten. Zudem haben Studien gezeigt, dass Enten Infektionen mit für Hühner tödlichen Infektionsdosen ohne größere klinische Symptome überstehen. Enten könnten außerdem das Virus über längere Zeiträume als Hühner ausscheiden, das hierbei seine hochpathogenen Eigenschaften für Hühner behält, so das Friedrich- Loeffler-Insitut. Trotzdem halten die Experten es für wenig wahrscheinlich, dass ein infiziertes Tier das Virus quasi über einen „Nonstop-Flug“ nach Deutschland einschleppt. Wahrscheinlicher ist eher die schrittweise Verbreitung von Osten nach Westen über die Vermischung von Vögeln auf Mauser-, Rastund Überwinterungsplätzen. Die Möglichkeit einer Einschleppung über illegalen und informellen Handel oder andere anthropogene Übertragungswege in die jetzt betroffenen Regionen müsse ebenfalls in Betracht gezogen werden.

Risiko durch illegale Importe
Diese Möglichkeit sieht das Institut sogar als viel gefährlicher an: Die Wahrscheinlichkeit einer Einschleppung hochpathogener aviärer Influenza durch illegale Importe mit Geflügeln oder Ziervögeln, Trophäen, Federn und anderen Produkten wird als hoch eingeschätzt: „Der Reiseverkehr zwischen der Russischen Föderation und Deutschland auf dem Luft- und dem Landweg ist erheblich.“ Maßnahmen zum Unterbinden illegaler Importe seien dringend erforderlich. Das Verbraucherministerium ließ daher verlauten, dass Einreise-Kontrollen – insbesondere an den Flughäfen – intensiviert werden sollen. Dazu wollen sich auch die Bundesländer mit dem Zoll eng abstimmen.

Vorsichtsmaßnahmen
Zum 1. September hat die Verbraucherministerin eine Eilverordnung erlassen, die den sofortigen Beginn eines verstärkten Wildvogelmonitoring vorschreibt, also die flächendeckende Beobachtung und stichprobenartige Untersuchung von Wildvögeln auf das H5N1-Virus. Diese sollen Jagdschutzbeauftragte sowie die Vogelschutzwarte und die Naturschutzinstitutionen durchführen. Das ergänzende Monitoring von Hausgeflügel beinhaltet ebenfalls die verstärkte Beobachtung und Untersuchungen der Vögel. Von einem Aufstallungsgebot wie in den Niederlanden sieht das Ministerium zunächst einmal ab. Auch das FLI sieht hier nicht nur Vorteile: Zwar könne eine Aufstallung das Einschleppungsrisiko in die Bestände mindern. Allerdings sei dies schwer durchsetzbar. So muss die Aufstallung auch kontrolliert werden. Dies bindet viele Kräfte im Tiergesundheitsbereich, und bei einer nicht konsequenten Überwachung besteht die Gefahr, dass das Risiko einer Einschleppung unterschätzt wird. „Das Aufstallungsgebot ist nicht vom Tisch. Wir werden diesen Schritt aber erst dann gehen, wenn es die Situation erfordert“, ist daher die Auffassung von Renate Künast. Sobald sich die Gefahrenlage verschärfe, werde die nächste Stufe im Krisenplan gegen die Vogelgrippe in Gang gesetzt: Eine weitere Eilverordnung, die alle Geflügelhalter verpflichtet, ihre Tiere in Ställe zu sperren. Diese sei vorbereitet und könne im Bedarfsfall von heute auf morgen in Kraft gesetzt werden, so das Ministerium.

Sorgenkind Föderalismus
Gerade im Zusammenhang mit der Prävention und Bekämpfung von Tierseuchen kann unser föderalistisches System zu großen Nachteilen führen, wenn nicht alle an einem Strang ziehen. Genau damit hat die Tierärzteschaft im Moment zu kämpfen: „Die Länder verschenken wertvolle Zeit, wenn im Ernstfall ein Einsatz praktizierender Tierärzte bei der Bekämpfung der Tierseuche nötig wird“, beklagt auch bpt-Präsident Dr. Hans-Joachim Götz. Obwohl die Tierärzteschaft schon seit längerem in Verhandlungen mit den Bundesländern stehe, haben diese bis jetzt das Zustandekommen einer einheitlichen flächendeckenden Regelung zum Tierarzt-Einsatz im Krisenfall verzögert. So müssen nach derzeitigem Stand Landesregierungen und Veterinärämter mit jedem einzelnen Tierarzt über seine Mitarbeit verhandeln. Dies sei, so der bpt, „undenkbar, wenn im Ernstfall jede Stunde, jede Minute zählen könnte, eine Verschleppung von Viren zu verhindern“. Auch bei der Vorbereitung des schlimmsten aller Fälle, einer Grippe- Pandemie unter Menschen, zeigen sich hier gravierende Mängel: So lagern in Deutschland nicht alle Bundesländer im gleichen Maße Neuraminidase-Hemmer wie Oseltamivir ein. Für den Präsidenten des Robert-Koch-Instituts (RKI), Reinhard Kurth, ist die Strategie der Länder, Grippemedikamente gemeinsam anzuschaffen, zwar kostensparend, aber nicht realistisch: „Welcher Ministerpräsident würde im Ernstfall etwas von seinen Beständen hergeben?“, gibt er zu Bedenken.

Gefahr einer Pandemie
Noch haben wir es allerdings nicht mit einem Virus zu tun, das sich von Mensch zu Mensch zu verbreiten vermag. Trotzdem ist ein verändertes H5N1-Virus für die meisten Experten immer noch der heißeste Kandidat als Auslöser einer Grippe- Pandemie. Die Verbreitung eines gefährlichen Geflügelvirus in diesem Ausmaß, sowohl geographisch als auch, was unterschiedliche Tierarten betrifft, wurde laut Klaus Stöhr, Koordinator des internationalen Grippeprogramms der World Health Organization WHO, noch nie beobachtet. Auch das angesehene Fachmagazin Nature widmete Mitte des Jahres eine ganze Ausgabe den intensiven Warnungen von Wissenschaftlern unterschiedlichster Fachrichtungen, die die mangelnden Präventionsmaßnahmen anprangern. Mit gutem Grund macht die Wissenschaft Druck, denn eine Grippe- Pandemie ist überfällig: „Wir können eindeutig belegen, dass es seit 1000 Jahren in jedem Jahrhundert zwei bis drei große Pandemien gegeben hat“, sagt Klaus Stöhr. „Im Durchschnitt vergehen 27,5 Jahre von einer Pandemie zur nächsten. Die bislang letzte war 1968.“

Die aktuellsten Informationen zum Thema Vogelgrippe sind im Internet abrufbar unter:
www.who.int/csr/ disease/avian_influenza/en/ www.oie.int/downld/AVIAN%20I NFLUENZA/A_AI-Asia.htm www.fao.org/ag/againfo/subjects/ en/health/diseasescards/ special_avian.html. www.verbraucherministerium.de

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