ITIS | Schmerzerkennung 24.02.2017

Was schmerzt das Schwein?

Schweine sind eine besonders stressempfindliche Spezies. Ferkel reagieren schon bei der kurzfristigen Trennung von Artgenossen oder Fixation oft sehr ängstlich. Teils ist es nicht einfach zu erkennen, was ihnen Schmerz bereitet.

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Leider erfahren immer noch viele Ferkel innerhalb ihrer ersten Lebenswoche potenziell schmerzhafte Eingriffe wie eine Kastration oder das Schwanzkupieren ohne Anästhesie und Analgesie. Die Methoden, um Schmerzen zu beurteilen, sind häufig wenig spezifisch. Die Initiative tiermedizinische Schmerztherapie (ITIS) geht davon aus, dass geeignete Methoden, um Schmerzen zu erkennen und zu quantifizieren, eine Voraussetzung sind, um effektive Strategien für die Schmerzlinderung zu entwickeln.

Goldstandard für die Schmerzbeurteilung beim Menschen ist der verbale Bericht des Patienten. Bei Tieren ist dies also eine echte Herausforderung!  Da Schmerzen immer eine subjektive Empfindung sind ist eine direkte Messung des erfahrenen Schmerzes unmöglich, es kann nur auf der Basis anderer Messungen auf den Schmerz geschlossen werden. Eine Literaturübersicht fasst den aktuellen Stand der Schmerzbeurteilung beim Schwein zusammen.

Auslöser für Schmerzen beim Schwein
Hier sind zunächst schmerzhafte und in der Schweinehaltung häufig durchgeführte Managementmaßnahmen zu nennen wie das Kupieren der Schwänze, das Zähneziehen, die Kastration, aber auch das Einziehen von Ohrmarken oder Injektionen. Alle diese Maßnahmen führen neben dem akuten (nozizeptiven) Schmerz während der Eingriffe auch zu einer Gewebeschädigung, die potenziell ein größeres Risiko für Entzündungen und Infektionen und daraus resultierende weitere Schmerzen birgt.

Schmerzen des Bewegungsapparats äußern sich auch bei Schweinen durch Lahmheit oder die Unfähigkeit aufzustehen und sich zu bewegen. Lahmheit bedingen häufig starke Schmerzen und sind zudem sehr häufig: 10 bis 20 % der Schweine in kommerzieller Haltung sollen betroffen sein. Auch die ökonomischen Folgen sind gravierend, weil Lahmheiten häufig zu frühzeitiger Schlachtung oder Euthanasie führen sowie zu Tierarztkosten und einem Wertverlust des Schlachtkörpers beitragen. Weiterhin können Verletzungen Ursache von teils starken Schmerzen beim Schwein sein. Wunden, aber auch Frakturen und Muskelrisse können durch Fehler beim Handling der Tiere, suboptimale Haltungsbedingungen oder aggressives Verhalten der Schweine untereinander entstehen. Die Prävalenz von Verletzungen an Gliedmaßen und Zitzen ist hoch.

Eine weitere potenzielle Schmerzquelle ist die Geburt. Untersuchungen weisen darauf hin, dass Schweine nicht nur nach einer Dystokie, sondern auch nach dem problemlosen Abferkeln Schmerzen haben können. Bei Dystokien ist der Schmerz stärker, diese kommen aber nur bei einem geringen Prozentsatz der Sauen vor. Häufiger sind Schwierigkeiten beim Abferkeln, die eine innere Untersuchung oder Oxytocininjektionen erfordern, welche wiederum zu stärkeren Schmerzen führen können.

Erkrankungen wie Mastitis oder Streptokokken-Meningitis sind in der Schweinehaltung weit verbreitet und wahrscheinlich eine bedeutsame Ursache von Schmerzen. Schließlich werden Schweine häufig als Modell in der biomedizinischen Forschung verwendet und teils sehr schmerzhaften Eingriffen unterzogen, sodass auch hier eine effektive perioperative Schmerztherapie benötigt wird.

Beurteilung von Schmerzen
Mögliche Indikatoren für Schmerzen müssen sehr gründlich durch experimentelle Studien evaluiert und validiert werden, um eine objektive Einschätzung der subjektiven Empfindung "Schmerz" zu erlauben. Untersucht wurden Verhaltensantworten, Vokalisation und verschiedene physiologische Parameter. Als verlässlichste Indikatoren für Schmerzen haben sich in verschiedenen Studien spontan im Zusammenhang mit Schmerzen auftretende Verhaltensweisen erwiesen. Speziell ein Verhalten, das für den jeweiligen Schmerzauslöser spezifisch ist wie Beinschütteln oder Rutschen auf dem Hinterteil nach der Kastration, scheint Schmerzen verlässlich anzuzeigen. Bei der Untersuchung anderer Faktoren wie Körperhaltung, veränderte soziale Interaktion oder Explorationsverhalten gab es hingegen divergierende Ergebnisse.

Problematisch ist, dass spontane Verhaltensweisen oft mit geringer Frequenz und individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt auftreten, sodass sie nur durch langes Beobachten erfasst werden können. Doch komplexe Verhaltensmuster reflektieren den Schmerz wahrscheinlich deutlich besser, als einfache Reflexantworten. Für die klinische Beurteilung im Betrieb ist es also dringend nötig, validierte, praxisgerechte Scores zu entwickeln, die verschiedene Verhaltensweisen und klinischen Symptome kombinieren. Hier kann es nützlich sein, Methoden, die in der Schmerzforschung für Labornager entwickelt wurden, für Schweine anzupassen.

Ein Beispiel sind sogenannte Grimace Scales (= "Schmerzgesichter"), welche die Veränderung der Gesichtszüge durch Schmerzen erfassen sollen. Eine erste Grimace Scale für Ferkel während der Kastration und beim Kupieren wurde gerade in einer Pilotstudie entworfen. Um daraus ein in der täglichen Praxis verwendetes Werkzeug für die Schmerzbeurteilung zu machen, sind jedoch noch weitere Untersuchungen nötig. Auch eine Evaluierung nach Gabe von Analgetika wäre hilfreich, um mögliche Verwechslungen von Schmerz mit Stress oder Angst auszuschließen.   (vm)