Verhalten | Hund 27.02.2019

Aggressive Hunde: was können Wesenstests leisten?

Werden Hunde aufgrund eines Beißvorfalls als gefährlich eingestuft, müssen sie einen Wesenstest bestehen. Eine aktuelle frei zugängliche Untersuchung zeigt, wo die Stärken und Schwächen des Niedersächsischen Tests liegen.

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Nachdem im Juni 2000 in Hamburg ein sechsjähriges Kind durch Pitbulls getötet worden war, wurden in allen deutschen Bundesländern Vorschriften zur Hundehaltung erlassen, die Rasselisten enthielten. 2014 bewertete das Bundesverwaltungsgericht diese als vertretbar, wies jedoch darauf hin, dass aggressives Verhalten nicht allein genetisch bedingt ist

Ne ben der Genetik können folgende Ursachen für Aggression führen:

  • mangelnde Sozialisation (z.B. fehlender Kontakt zu Artgenossen) , schlechte Lernerfahrung
  • fehlende Sachkunde des Halters -> unangemessene Bestrafung
  • Schmerz und Krankheit (vor allem des Bewegungsapparates)
  • Hormone
  • Angst/Furcht

Existierende Beißstatistiken zeigen keinen Zusammenhang zwischen der Listung einer Rasse und der Häufigkeit von Beißvorfällen. Ebenso kamen verschiedene Studien zu dem Ergebnis, dass keine Hunderasse per se eine erhöhte Bereitschaft zu aggressivem Verhalten zeigt. Niedersachsen schaffte 2003 als erstes Bundesland die Rasselisten wieder ab. Im aktuellen Niedersächsischen Gesetz über das Halten von Hunden werden Hunde unabhängig der Rassezugehörigkeit individuell nach einem gefährdenden Vorfall als gefährlich eingestuft (NHundG, § 7).

Wozu dienen Wesenstests?
Wesenstests haben das Ziel, anhand des beobachteten Verhaltens zuverlässige Aussagen über zukünftiges Verhalten des Hundes in ähnlichen Situationen zu treffen. Durch die Konfrontation des Hundes mit unterschiedlichen Stressorten werden seine Toleranzgrenzen ausgetestet. Hunde mit niedriger Toleranzgrenze zeigen zügiger aggressives Verhalten und weisen demnach ein höheres Gefahrenpotenzial auf. Ebenso wird so die Sozialkompetenz und die Kommunikationsfähigkeiten des Hundes gegenüber Menschen und Hunden überprüft.

Ablauf in Niedersachsen:

  • Untersuchung durch den Tierarzt
  • Frustrationstest sowie gegebenenfalls eine Kontrolle auf eigenen Territorium
  • Abnahme des Tests durch verhaltenstherapeutisch tätige Tierärzte

Schwächen des Tests:

  • Testszenario: Da der Test nur einzelne Situationen isoliert wertet, stellt er immer nur eine Momentaufnahme unter den gegebenen Bedingungen dar.
    Unberücksichtigt bleiben: vorangegangene Situationen, die individuelle Gestimmtheit und die Verfassung des Hundes und der Einfluss des Halters, das Verhalten gegenüber Kindern oder bestimmten Menschen- und Hundetypen, Terretorialverhalten. So kann es sein, dass eventuelle Schlüsselreize, die aggressives Verhalten beim jeweiligen Hund auslösen, im Wesenstest nicht vorhanden sind. Besser: ausführliche Anamnese und Setzen von Schlüsselreizen, Tests auf eigenem Terretorium.
  • Gutachter: Derzeit existiert keine detaillierte Einarbeitung sowie regelmäßige Fortbildungen für diesen Bereich. Der Niedersächsische Wesenstest kann von Tierärzten, welche 2001 eine Fortbildung besuchten, sowie von verhaltenstherapeutisch geschulten Tierärzten mit entsprechender Berechtigung abegnommen werden. Besser:

Wie aussagekräftig ist der Test nun?
Schöning (2006) kommt zu dem Ergebnis, dass das Testergebnis eine Prognose für das zukünftige Verhalten des Hundes erlaubt. Schalke (2012) hingegen beurteilt den Niedersächsischen Wesenstest hinsichtlich seiner Validität und Reliabilität als nur bedingt geeignet, da ein Schluss auf das zukünftige Verhalten anhand der Ergebnisse nicht bzw. nur eingeschränkt möglich ist und die Reliabilität von einer ausreichenden Schulung des Gutachters abhängt.

Lesen Sie den vollständigen Artikel zum Niedersächsischen Wesenstest hier.