Journal Club 02.06.2009

Aktuelle Aspekte zur Kälbergrippe

Erkrankung: Nach wie vor tritt die enzootische Bronchopneumonie („Kälbergrippe“) einerseits gehäuft bei nass-kalten Wetterlagen mit hoher Luftfeuchtigkeit auf („saisonale Form“) und wird andererseits regelmäßig nach Vermarktung und Transport bei zwei bis vier Wochen alten Kälbern („Crowding-assoziierte Form“) beobachtet.

In jedem Fall handelt es sich um eine klassische Faktorenerkrankung, die durch das Zusammenwirken von unbelebten und belebten Faktoren entsteht. Zu den finanziellen Einbußen durch verendete Kälber addieren sich wirtschaftliche Verluste durch verminderte Tageszunahmen erkrankter Tiere, die schlechte Entwicklung von chronisch kranken Kälbern, Aufwendungen für Tierarzt und Medikamente sowie den erhöhten zeitlichen Aufwand für die Betreuung kranker Kälber. Der Einfluss von Ventilationsstörungen auf die spätere Leistung von Tieren wird allgemein gravierend unterschätzt. Für Masttiere wurden signifikant verminderte Tageszunahmen bei Tieren mit subakuten bzw. chronischen Lungenschäden nachgewiesen. Bezüglich der weiblichen Kälber gilt die zügige Aufzucht unter Vermeidung von Jungtiererkrankungen als zwingende Voraussetzung für ein niedriges Erstkalbealter und eine hohe Leistung.

Grundsätzlich sind Pneumonien als Bestandsproblem Indikator für ein insuffizientes Haltungs- und Hygienemanagement. Viele Erreger der enzootischen Bronchopneumonie werden nahezu ubiquitär im Respirationstrakt auch gesunder Kälber gefunden. Bakterielle Infektionen (insbesondere mit Mannheimia haemolytica, Pasteurella multocida, Histophilus somni) entwickeln sich in den meisten Fällen nach einer viralen Primärinfektion (u. a. Parainfluenza- 3, Reo-, Rhino-, Adeno-, Coronaviren) oder unter dem Einfluss anderer prädisponierender Faktoren. Unter normalen Bedingungen ist die Prävalenz dieser Erreger von geringer Bedeutung; dies ändert sich in Stresssituationen, die die Vermehrung der Bakterien begünstigen.

In der Praxis stehen jedoch bei Tieren mit enzootischer Bronchopneumonie weniger der oder die Erreger im Vordergrund, sondern das klinische Bild. Dies ist weniger von den Erregern als vielmehr vom Immunstatus des Tieres, dem Infektionsdruck und der Erkrankungsdauer abhängig. Trotzdem sollte der Nachweis der Erreger ggf. vor Beginn der Medikation bei frisch erkrankten, unbehandelten Tieren erfolgen. Nasentupfer sind für den Nachweis viraler Erreger mittels Immunfluoreszenz oder Zellkultur (langes Tupferentnahmesystem für BRSV-Nachweis) zu verwenden. Viren sind jedoch häufig nur im Anfangsstadium der Erkrankung nachweisbar. Trachealtupfer oder Trachealspülproben sind für den Nachweis bakterieller Erreger wesentlich besser geeignet als Nasentupfer, in denen unter Umständen nur Kommensalen der Schleimhäute nachgewiesen werden, die mit dem eigentlichen Krankheitssystem in der Lunge nichts zu tun haben. Insgesamt wurden in den vergangenen Jahren bei den wichtigsten bakteriellen Erregern nur selten Resistenzen gegenüber der Mehrzahl der Wirkstoffe nachgewiesen. Stets sollte man jedoch berücksichtigen, dass die Diagnostik teuer ist, und die Behandlung aufgrund der Progredienz des Krankheitsgeschehens zwingend bereits vor Vorliegen der Ergebnisse begonnen werden muss. Es sind somit nur Maßnahmen indiziert, wenn sich aus den Ergebnissen Handlungskonsequenzen ableiten lassen (Resistenztest, Vakzination).

In der Regel beginnt das Krankheitsgeschehen mit einer Virusinfektion. Als erste Krankheitssymptome werden oft Fieber (>39,5 °C) und Abgeschlagenheit bemerkt. Die Tränkeaufnahme kann reduziert sein. Bei genauerem Hinsehen erkennt man bei vielen Tieren bereits vorher erhöhten Tränenfluss und vermehrt serösen Nasenausfluss. Die Atemfrequenz und die Atemintensität sind zunächst mäßig erhöht. Im weiteren Verlauf entwickelt sich eine gering- bis mittelgradige Entzündung der oberen Atemwege (Rhinitis, Tracheitis, Bronchitis) und eventuell eine interstitielle Pneumonie. Die eigentliche „Viruspneumonie“ kann nach raschem Rückgang des Fiebers innerhalb weniger Tage ohne Behandlung abklingen.

Dies ist heute allerdings eher die Ausnahme, da die Haltungsbedingungen insbesondere im Warmstall die Entwicklung einer bakteriellen Sekundärinfektion begünstigen. Es entwickelt sich dann innerhalb weniger Tage eine kaharrhalisch-purulente Bronchopneumonie. Klinisch leiden die Tiere unter Husten, die Körpertemperatur schwankt um die 40 °C und bei einigen Kälbern ist muco-purulenter Nasenausfluss vorhanden. Die Atemfrequenz ist erhöht, wobei auskultatorisch mittel- bis hochgradige, vor allem inspiratorische Atemgeräusche vor allem im Bereich der Spitzenlappen nachweisbar sind. Der Atemtyp ist vermehrt abdominal. Bei der Sektion findet man in der Regel alveoläre Herdpneumonien. Die Prozesse entstehen multizentrisch im Lungenparenchym als kleine Verdichtungen, die sich anschließend vergrößern. Vor allem sind die cranio-ventralen Lungenabschnitte betroffen.

Bei inkonsequenter oder ausbleibender Behandlung kann die Erkrankung chronisch werden.

Im Rahmen der Therapie ist die Bekämpfung der bakteriellen Infektionserreger die wichtigste Maßnahme. Bei rechtzeitiger Erkennung und sofortigem Beginn der Behandlung mit einem wirkungsvollen Antibiotikum bzw. Chemotherapeutikum tritt bei 85 bis 90 % aller betroffenen Tiere innerhalb von 24 Stunden eine nachhaltige Besserung des Krankheitsbildes ein. Eine wirkungsvolle Therapie ausschließlich virusbedigten Erkrankungen steht nicht zur Verfügung.

Zweifellos kann die Inzidenz von Atemwegsinfektionen durch Impfmaßnahmen und Medizinalfutter beeinflusst werden. Dennoch sind diese Maßnahmen letztlich nicht geeignet, um das Problem gehäufter Erkrankungen nachhaltig zu lösen.

Es hat sich inzwischen die Überzeugung durchgesetzt, dass der Schlüssel für die Lösung von Bestandsproblemen bei den Haltungsbedingungen der Kälber liegt. Zentrale Bedeutung haben hierbei die Schadgasemissionen, insbesondere die von Ammoniak. Ammoniakausdünstungen lassen sich in der Tierhaltung nicht gänzlich verhindern. Die in der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung aufgeführte maximale Ammoniakkonzentration von 20 ppm ist jedoch ein für die Praxis untauglicher und völlig inakzeptabler Grenzwert. Nach Untersuchungen in 122 schwedischen Milchviehbetrieben mit über 3000 weiblichen Kälbern steigt das Risiko von Atemwegserkrankungen bereits bei Ammoniakkonzentrationen in der Umgebungsluft von unter 6 ppm signifikant an. Anzustreben sind im Liegebereich der Kälber Ammoniakkonzentrationen von unter 3 ppm. Konzentrationen von mehr als 6 ppm werden bereits als charakteristisch stechender Geruch wahrgenommen. Entsprechend gilt, dass unabhängig von aufwendigen Messungen Handlungsbedarf praktisch in jedem Stall besteht, in dem deutlicher Ammoniakgeruch bei der Begehung auffällt.

(Quelle: M. Kaske, H.-J. Kunz (2008): Aktuelle Aspekte zur Kälbergrippe. bpt-Kongress 2008.)

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