ITIS | multimodale Analgesie 19.12.2017

Akupunktur in der Schmerztherapie

Viele Patienten können von einer integrativen Schmerztherapie profitieren.

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Foto: Huang W et al. (2012): Characterizing Acupuncture Stimuli Using Brain Imaging with fMRI - A Systematic Review and Meta-Analysis of the literature. DOI 10.1371/journal.pone.0032960

Für die Initiative tiermedizinische Schmerztherapie (ITIS) gibt Dr. Doris Börner einen Überblick zu Akupunktur als nicht-medikamentöse Methode zur Schmerztherapie.

Akupunktur hat ihren Ursprung als eine der Behandlungsmethoden, die in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) eingesetzt werden. Die Indikationen für Akupunktur sind sehr vielseitig und reichen von inneren Erkrankungen, perioperativer Versorgung, neurologischen Erkrankungen über psychische Störungen bis zu Erkrankungen des Bewegungsapparates. Wie in der Humanmedizin macht die Schmerztherapie bei der Integration komplementärer Methoden einen sehr großen Anteil der Patienten aus. Ziel ist es, die Lebensqualität des Patienten zu verbessern oder zu erhalten, andere Therapien zu optimieren, Medikamentengaben zu reduzieren oder bestenfalls ganz zu ersetzten.
Gerade ältere, meist multimorbide Haustiere sind in der Praxis häufig vorgestellte Patienten, die sehr von einer integrativen Schmerztherapie profitieren können. Tiere mit neurologischen Ausfällen und Schmerzen aufgrund von Bandscheibenvorfällen sowie orthopädische Patienten stellen eine weitere große Gruppe dar.
   

Akupunktur beeinflusst somatosensorische, affektive und kognitive Prozesse 
Das Verständnis von Akupunktur geht inzwischen weit über die Hochregulation von endogenen Opioiden und den Mechanismus der absteigenden Inhibition hinaus, denn neue Untersuchungsmöglichkeiten in der Medizin (siehe Abbildung) ermöglichen eine Einsicht in die neurophysiologischen Abläufe und Wirkmechanismen im Nervensystem: Nicht nur somatosensorische, sondern auch affektive und kognitive Prozesse werden durch Akupunktur beeinflusst.
   

Chronischer Schmerz entsteht durch „Langzeitlernen“ 
So zeigten funktionelle MRT (Magnet-Resonanz-Tomographie) Untersuchungen bei Mensch und Tier deutliche Änderungen in den Verbindungen von Strukturen im Gehirn (u.a. Limbisches System, Hippocampus, Medialer Frontaler Cortex, Periaquäduktales Grau), die unter anderem eine Rolle bei der Entstehung und Verarbeitung von chronischen Schmerzen spielen (Egorova et al. 2015). Chronischer Schmerz entsteht durch ein „Langzeitlernen“ wobei nozizeptive Erinnerungen mit dem Unvermögen, negative emotionale Assoziationen wie Angst zu löschen, kumulieren.
Erst vor einiger Zeit wurde beim Menschen der Einfluss von Akupunktur auf das default mode network (DMN) beschrieben (Wenjing et al. 2012). Diese Gruppe von Gehirnregionen ist beim „Nichtstun“ aktiv und unter anderem an der Reflektion des eigenen emotionalen Status beteiligt.
   

Warum ein Akupunktur-Punkt an der Pfote auf völlig andere Organe wirkt 
Abgesehen von der Neurophysiologie liefert die Segment-Anatomie Ableitungen aus der Embryologie, welche die anatomischen Grundlagen für die Wirkungsweise von Akupunktur beschreiben (Wancura-Kampik 2017). Sie erklärt, warum ein Akupunkturpunkt an der Pfote auf Hautareale, Muskelgruppen oder auf Organe an einer völlig anderen Lokalisation wirken kann. Zentral bei der Segment-Anatomie ist der aufeinander folgende, metamere Aufbau des Organismus, demzufolge jeder Spinalnerv sich entsprechend den Urwirbeln in Versorgungsgebiete für Haut (Dermatom), Muskel (Myotom), Knochen (Sklerotom), Enterotom (Organe) und Nerven (Neurotom) gliedert. Durch die Embryonalentwicklung (z.B. Aussprossung der Gliedmaßen) werden zusammengehörige Gebiete an unterschiedliche Orte „verschoben“, stehen aber nach wie vor über ihren Spinalnerv miteinander in Kontakt.
Durch die Beschreibung des Faszien-Systems können weitere anatomisch-funktionelle Zusammenhänge beschrieben werden, denn Faszien weisen Perforationsstellen für Gefäße und Nerven auf, die häufig mit Akupunkturpunkten korrelieren. Zudem liegen viele Akupunkturpunkte auf den faszialen Linien, die zum Teil von der Oberfläche bis tief in den Körper reichen (Langvin 2002).
 

Mindestens fünf Behandlungen sollten es sein 
Die Anzahl, Methode und Frequenz der Behandlungen ist abhängig von der Indikation und der Reaktion bzw. Konstitution des Tieres. In der Regel erfolgen die Behandlungen zunächst im wöchentlichen Abstand. Die Frequenz der Behandlungen wird dann dem individuellen Patienten im Verlauf angepasst. Generell sollte beim Kleintier ein Minimum von fünf Behandlungen eingeplant werden. Neben den klassischen Akupunkturnadeln, können auch Elektroakupunktur, die Injektion von Flüssigkeiten an Akupunkturpunkten oder Moxibustion (Verglimmen von Beifußkraut über Therapiepunkten) zum Einsatz kommen. Die Implantation von Gold wird ebenfalls praktiziert, allerdings auch noch sehr kontrovers diskutiert. Weitere Methoden sind sogenannte Mikrosysteme, bei denen nur ein Teil des Organismus als Projektionsort stellvertretend für den gesamten Körper genadelt wird (z.B. Ohr Akupunktur).
 

Evidenz für Akupunkturbehandlungen 
Bezüglich der Evidenz von der Akunktur wurden durch qualitativ hochwertige, kontrollierte Studien in der Humanmedizin bereits sehr viele Daten gesammelt, die auch in der Tiermedizin relevant sind. Generell ist die Konzeption von klinischen Studien in der Tiermedizin aufgrund der niedrigen Fallzahlen bzw. der Vergleichbarkeit der Gruppen schwieriger – dennoch existieren auch in der Tiermedizin bereits viele hochwertige Studien (Royard 2017, Ribeiro 2017). Auch die Ausbildungstellen im In- und Ausland initiieren weitere kontrollierte Studien (Xie 2012), um eine noch höhere Evidenz für Akupunkturbehandlung in der Tiermedizin zu erreichen.
  

Ein qualifizierter Therapeut ist wichtig 
Akupunktur ist ein sicheres Verfahren zur Schmerztherapie, sollte allerdings von einer Fachperson durchgeführt werden, um die Qualität der Behandlung zu gewährleisten. Akupunktur bei Tieren ist in Deutschland keine geschützte Berufsbezeichnung. Bei der Überweisung sollte aus diesem Grund darauf geachtet werden, dass der Therapeut entweder die Zusatzbezeichung Akupunktur führt, oder von einer bei der IVAS (International Veterinary Acupuncture Society) akkreditierten Ausbildungsstellen zertifiziert ist. Dr. Doris Börner

ITIS ist ein Fachgremium, besetzt mit führenden Spezialisten für veterinärmedizinische Schmerztherapie. Die Experten rund um die Professorinnen Michaele Alef, Sabine Kästner, Heidrun Potschka und Sabine Tacke sowie Dr. Julia Tünsmeyer setzen sich für ein optimales Schmerzmanagement bei Haus- und Nutztieren ein. Zurzeit wird ITIS unterstützt von den Sponsoren Boehringer Ingelheim, CP-Pharma, Elanco Animal Health, Merial, ROYAL CANIN, Vétoquinol, Zoetis und der WDT. Die Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG ist ein Partner der ITIS.