Reportage | Frauenpower 11.04.2019

Als Tierärztin mit fünf Kindern

Uschi Voit hat eine Großfamilie gegründet und nie aufgehört, Tierärztin zu sein. Zu Besuch bei einer Powerfrau.

Heute früh hat Uschi Voit bereits Hühnchenschnetzel angebraten. Wenn die fünf Kinder und ihr Mann nach Hause kommen, können sie selbst entscheiden, ob sie daraus ein Gericht mit Sahne- oder Tomatensoße werden lassen. Die Tierärztin muss los ins 11 km entfernte Berlin-Hellersdorf. Nun, da ihre Kleinsten aus dem Gröbsten raus sind, übernimmt sie seit Kurzem dreimal in der Woche die Sprechstunde in einer gutgehenden Kleintierpraxis als Assistentin auf 15-Stunden-Basis. Aufgehört, ihren Traumberuf auszuüben, hat sie, seit ihre Größte vor 17 Jahren geboren wurde, nie.
Damals hat Gode, ihr Mann, ein Jahr Erziehungszeit genommen und sich um das Baby gekümmert. Gemeinsam zogen sie ein Vierteljahr nach der Geburt nach Bayern auf den Hof eines befreundeten Tierarztehepaares. Uschi übernahm die Pferde- und Kleintiersprechstunde: „Das hat super geklappt, auch das Stillen war weiterhin möglich, da wir ja vor Ort wohnten. Gode musste nur die Treppe runter zu den Praxisräumen gehen.“ Nach dessen Erziehungsjahr und weil beide den Traum einer eigenen Großfamilie hatten, kauften sie einen verlassenen Hof in der Nähe von Berlin, nahe eines Regionalbahnhofs, damit der Vater, Dozent an einer Hochschule in Berlin, noch gut in die Stadt pendeln konnte. Aufgehört, ihren Traumberuf auszuüben, hat Voit nie. Am Anfang hat ihr Mann während anstehender Praxisvertretungen Urlaub genommen, um auf die Kinder aufzupassen (da waren es schon drei, nach der Geburt des ersten Zwillingspärchens).

Den Traumberuf stets vor Augen
Um Veterinärmedizin zu studieren, nahm Voit auch Wartesemester in Kauf und machte währenddessen in Hannover eine zum Beruf passende Ausbildung zur Veterinärmedizinisch-technischen und Röntgenassistentin. Die Kenntnisse daraus vereinfachten manche Prüfung im Studium und verhalfen ihr zum lukrativen Job als Röntgenassistentin, um sich ihr eigenes Pferd und das Studium zu finanzieren.
Nach dem Studium wurde die alljährliche bpt-Intensivfortbildung in Bielefeld zu einem wichtigen Ritual. Ein Must-have für Voit, um fachlich dranzubleiben, sich zu entspannen und sich die paar Tage im Jahr ohne Kinder frei zu fühlen. Dazu trägt auch die Party am Freitagabend bei. Wissbegierig sitzt die Tierärztin trotzdem gleich in der ersten Session am Samstagmorgen.
Wichtig auch das Zusammentreffen dort mit alten Freundinnen aus der Unizeit. Nicht jede, die sich für Kinder entschied, praktiziert heute noch. Eine Alleinerziehende mit zwei Kindern ging in die Wissenschaftskommunikation, eine andere mit vier Kindern hat den Beruf ganz an den Nagel gehängt, fährt ab und an mit ihrem Mann, einem Nutztierpraktiker im tiefsten Hessen, auf Praxistour. Auf dem Dorf hat auch sie zuvor als angestellte Kleintierpraktikerin gearbeitet. Bis ihr die Ansagen der Chefin deutlich zu übergriffig wurden. Sie solle doch für OPs in der Mittagspause und Überstunden ihre Kinder einfach vor den Fernseher setzen. Das mache sie, als zudem alleinerziehende Praxisbesitzerin, doch auch so. Im abgelegenen Gebiet gibt es für Tierärztinnen ohne Betreuungsmöglichkeit für den Nachwuchs nicht viele angemessene Alternativen, um nicht zu sagen: überhaupt keine. Heute erfüllen die vier Kinder und eine ehrenamtliche Tätigkeit als ambulante Hospizhelferin das Leben der Studienkollegin.

Flexibilität und klare Absprachen
Neben den Kongressbesuchen in Bielefeld las Voit zum Dranbleiben Artikel in Fachzeitschriften und verfolgte Diskussionen in Netzforen, sobald die Kinder im Bett waren. Vor Kurzem hat sie zudem Online-Webinare für sich entdeckt. Hilfreich war es, das Erlernte während der Vertretungen praktisch anzuwenden. Das stärkt zudem Selbstbewusstsein und so die Verhandlungsbasis gegenüber Arbeitgebern. Zuletzt gingen die Praxisbesitzer auf den Wunsch Voits ein, während des eigenen Urlaubs die Sprechstunden so zu verschieben, dass es der mittlerweile fünffachen Mutter möglich war, früher zu Hause zu sein, statt während der langen Mittagspause in der Praxis untätig auszuharren. Der Mangel an erfahrenen Vertretungstierärzten in ländlichen Gebieten kam ihr bei den Verhandlungen zusätzlich entgegen. Voit übernahm damals weitere Vertretungen und sammelte Erfahrungen. Das jüngste Zwillingspärchen ging da schon in die Kita. Auch bei ihrer Assistenzstelle sind klare Absprachen wichtig. Voit arbeitet immer zu festen Zeiten: Montag und Donnerstag ganztags, den Dienstag am Morgen sowie jeden zweiten Samstag. Die Sprechstundenplanung und Zusammenarbeit mit dem übrigen Praxispersonal klappt so gut, dass es nach hinten raus maximal eine Stunde länger wird. Stehen wichtige Termine an, tauscht Voit die Schicht mit ihrer Kollegin. Da diese ebenfalls Kinder hat, beruht das auf Gegenseitigkeit. „Ich habe den großen Vorteil, dass mein Mann eine Festanstellung im öffentlichen Dienst hat. Da kann er auch relativ unkompliziert zu Hause bleiben, wenn ein Kind plötzlich krank wird. Komplett ausreizen wollen wir das aber nicht.“ Von Freundinnen, insbesondere die mit eigener Praxis, kennt Voit auch andere Geschichten, z. B. dass ein Kind auch mal mit in die Praxis genommen und auf dem Sofa im Aufenthaltsraum platziert werden musste, als es eine Woche lang wegen einer Otitis nicht zur Kita konnte.

Herausforderungen beim Wiedereinstieg
Bei Vertretungen legen Praxisbesitzer OPs normalerweise in die eigene Schicht. Als Assistentin gab es dann endlich die Möglichkeit, wieder mehr zu operieren und auch neue Techniken zu lernen, so Voit. „Zum Beispiel habe ich von meinem Chef gelernt, wie man mit dem Laser umgeht, um Epuliden zu entfernen. Auch Rüden kastrieren war mir nicht mehr geläufig. Ich lerne quasi das OP-Handwerk neu.“ Da ihr Chef, Karsten Radermacher, eine zweite Praxis im Nachbardorf ihres Wohnortes hat, kann Voit bei spannenden Fällen auch spontan dorthin fahren. Einmal auch mit ihrer eigenen Hündin, als die von einem Auto angefahren wurde. Letztens hat sie begeistert bei einer Kreuzband-OP assistiert Während der eigenen Schicht dann eine Katzengeburt, die nicht recht voranging. Am Ende waren es nur zwei Welpen. Kein Problem für die Tierärztin: mit Zwillingsgeburten kennt sie sich aus.

Wie schaffst Du das bloß?
... staunen Uschis Freunde oft. „Ich arbeite total gerne als Tierärztin. Wenn ich nur zu Hause bin, werde ich unruhig“, so beschreibt Voit den sich auch auf das Familienklima positiv auswirkenden Effekt ihres Traumberufs. Auf die Frage, ob und welche Hilfen sie für den Wiedereinstieg in Anspruch genommen habe, zuckt sie mit den Schultern und meint: „Ich muss gestehen, dass ich darüber gar nicht nachgedacht habe. Vielleicht gibt es ja so was.“ Für den Haushalt hat sie sich jedenfalls eine Putzhilfe organisiert. „Ich war einfach total heiß darauf, endlich wieder regelmäßig als Tierärztin zu arbeiten.“
Ach ja, nur mal so nebenbei bemerkt: Voit hat auf ihrem Hof auch sechs Schafe, zwei Katzen, einen verrückten Hund und eine wechselnde Schar Hühner – je nachdem, wie viele davon Marder, Fuchs und Co. gerade übrig gelassen haben. Und nein: Uschi Voit ist kein Fake. Es gibt sie wirklich! 

Als Redaktion auf unsere Reportage haben wir zahlreiche Lesernriefe erhalten, die wir in der Maiausgabe von Der Praktische Tierarzt veröffentlichen.