bpt-Kongress | Prothesen 12.10.2017

Amputation – und wann eine Prothese helfen kann

Susanne Lauer spricht auf dem bpt-Kongress in München über Gliedmaßenamputationen bei Hund und Katze. Sie klärt, wann und wie amputiert wird und welche Patienten von Prothesen profitieren können.

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Patientenbesitzern macht eine Amputation häufig Angst. Sie befürchten, dass sich ihr Tier nach einer solchen Operation nicht mehr uneingeschränkt bewegen kann und glauben, den Anblick eines dreibeinigen Haustiers nicht ertragen zu können. Die Operation wird oft abgelehnt, vielleicht auch aus der Sorge heraus, das Tier würde den Verlust eines Beins als ähnlich traumatisch empfinden wie ein Mensch.

Tierärzte hingegen sind meist gegenteiliger Auffassung und gehen davon aus, dass sich Hund oder Katze schnell an das Laufen auf drei Beinen gewöhnen können. Eine kürzlich erschienene Studie scheint diese Auffassung zu bestätigen: 90 Prozent der befragten Hundebesitzer konnten nach einer Amputation keine veränderte Haltung beobachten und gaben an, dass die Lebensqualität ihrer Tiere mit drei Beinen nicht oder nur wenig eingeschränkt sei. Bei traumatischen Verletzungen oder Knochentumoren ist eine Amputation ohnehin häufig die letzte Rettung oder trägt zumindest temporär zur Verbesserung der Lebensqualität bei.

Drei Beine tragen eine größere Last

Die Komplikationsrate klassischer hoher Amputationen wird als gering eingeschätzt. Probleme wie Neurome oder Phantomschmerzen sind bisher jedoch nicht sehr gut dokumentiert und über langfristige Folgen einer Amputation ist bis dato wenig bekannt. Susanne Lauer, Professorin an der Kleintierklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München, berichtet von einer Ganganalyse bei dreibeinigen Hunden und Katzen. Dabei wurde festgestellt, dass der Verlust eines Beins mit einer erhöhten Belastung der verbleibenden Gliedmaßen einhergeht. Dies könnte degenerative Gelenkerkrankungen beschleunigen und zu Muskelkontrakturen führen.

„Die Bedenken in Hinblick auf potenzielle negative Langzeitfolgen von Amputationen sind größer geworden“ , fasst Lauer zusammen. Das hat dazu geführt, dass alternative Methoden häufiger eingesetzt werden. Patienten, die mehrere Beine verloren haben oder an neurologischen oder orthopädischen Erkrankungen leiden, können häufig nur mithilfe Gliedmaßen erhaltender Operationen, Stumpfprothesen oder ITAP (Intraosseous Transcutaneous Amputation Prosthetics) erfolgreich behandelt werden.

Neue Pfoten für Oscar

Kater Oscar erlangte 2010 als „bionische Katze“ Berühmtheit. Der britische Veterinärchirurg Noel Fitzpatrick hatte ihm nach einem Mähdrescher-Unfall mittels ITAP-Technologie zwei Prothesen eingesetzt. Die ITAP-Prothese wird direkt im Knochen verschraubt. Die von einem Hirschgeweih inspirierte poröse metallische Oberfläche verbindet sich mit dem Gewebe, an dem durch die Haut dringenden Teil wird eine externe Prothese verschraubt. Seit dieser weltweit ersten ITAP-Operation verhalf die Technik nicht nur weiteren Katzen und Hunden zu mehr Mobilität, sie wird auch in der Humanmedizin erprobt. Hier ist im Video zu sehen, wie Oscar mit Prothese läuft.

Gliedmaßen aus Kunststoff und Metall

Während traditionell möglichst hoch an Thorax oder Abdomen amputiert wird, ist die funktionelle Prognose für Stumpfprothesen umso besser, je mehr von der amputierten Gliedmaße erhalten werden kann. In Frage kommen sie vor allem bei Amputationen im distalen Antebrachium/Unterschenkel, besser noch distal des Karpus/Tarsus. An den Hinterbeinen lassen sich die Prothesen leichter anpassen.

Patientenbesitzer müssen sich den künstlichen Beinersatz nicht nur finanziell leisten können, sie müssen auch Zeit und Aufmerksamkeit investieren, um täglich den Amputationsstumpf zu pflegen, die Prothesen anzubringen und das Tier langsam daran zu gewöhnen. Die Erfahrungen mit möglichen Komplikationen wie Stumpfinfektionen sind noch limitiert, sodass keine weitreichende Empfehlung ausgesprochen werden kann. Doch bietet sich hier eine neue Möglichkeit, Tieren wieder auf die (vier) Beine zu helfen, für die eine Amputation früher nicht in Frage gekommen wäre. vm

Vortrag:
„Amputation der Gliedmaße wann, wie, wie weit? Und können Prothesen/Orthesen hilfreich sein?“ auf dem bpt-Kongress in München am Samstag, 21. Oktober 2017 um 17.25 Uhr.