Stimmen aus der Praxis | aktuelle Lage 20.03.2020

„Angerotzt und ein bisschen ängstlich“

Wie geht es unseren Tierärzten in Deutschland und Österreich zu Zeiten von Corona? Wir haben nachgefragt und zusammengetragen, wo Sie Hilfe finden.

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Foto: Monkey Business - stock.adobe.com

  • Tierarztpraxen und Kliniken sind weiter geöffnet, mussten ihren Alltag jedoch umorganisieren;
  • Im Bezug auf Termine und Umsätze gibt es unterschiedliche Rückmeldungen, einige haben mehr zu tun als vor der Krise, andere weniger;
  • Viele Tierärzte erleben, dass sich Tierhalter nicht an Vorgaben halten und bitten um mehr Rücksicht,
  • Kurzarbeit ist ein Thema und trifft Angestellte mitunter hart;
  • Auch Tierärzte werden von Gesundheitsämtern für die Auswertung von Proben herangezogen.

Als Teil der medizinischen Grundversorgung dürfen tierärztliche Praxen und Kliniken auch in Zeiten von Ausgangssperren weiterhin geöffnet bleiben. Doch die aktuelle Situation stellt Tierärztinnen und Tierärzte vor große Herausforderungen. Zum einen sollten sie den Praxisbetrieb so gestalten, dass möglichst wenig Infektionsrisiko besteht.

Umsatzeinbußen machen sich in einigen Praxen bereits bemerkbar. Standesvertreter und Politik arbeiten deshalb stetig daran, das Überleben der Betriebe zu garantieren. Die Möglichkeit, Angestellte zur Kurzarbeit anzumelden, haben bereits viele Arbeitgeber genutzt. Tipps gibt es auch auf dem Blog der Minijob-Zentrale. Einen Überblick über die rechtliche Situation und finanzielle Hilfen für Tierarztpraxen finden Sie hier. Soforthilfen, sortiert nach Bundesländern, sind hier zusammengestellt.

Wir haben in den Praxen nachgefragt, wie es den Tierärztinnen und Tierärzten einstweilen geht.

DEUTSCHLAND:

Die Rückmeldungen von Praktikern sind durchwachsen. Einige haben sogar mehr zu tun als vorher, andere bemerken einen Rückgang der Termine, bzw. versorgen nur noch Notfallpatienten. Durch die Terminsprechstunde schaffen viele Kollegen aber insgesamt weniger Patienten pro Tag. "Im Nutztierbereich sei der Kontakt zu den Landwirten eh begrenzt", berichtet eine Rinderpraktikerin. Arbeitgeber reagieren unterschiedlich auf die Krise. Gerade Kliniken benötigen Notfallpläne, damit die Versorgung stationärer Patienten garantiert ist. Wo Kurzarbeit angemeldet ist, kommt Sorge auf. „Mein Gehalt ist eh schon gering, ich weiß gar nicht wie ich mit 60 % über die Runden kommen soll“, erzählt eine Angestellte aus Bremen.

Ebenso besteht Sorge, dass bestimmte Medikamente ausgehen könnten, da der Versand unzuverlässig geworden ist. „Die Logistik klappt nicht, hier kamen schon leere Verpackungen an. Da ist man schon ein bisschen ängstlich, dass die Herzmedikamente ausgehen, oder Tabletten für die Krampfer “.

Leider scheinen viele Tierbesitzer auf die Veränderungen der Praxisabläufe wenig Rücksicht zu nehmen. „Die sehen das als Ausflugsziel, kommen verrotzt und wahren den Abstand nicht“, erzählt eine Kleintierpraktikerin aus Fulda. Das bestätigt auch eine Pferdepraktikerin aus Münster: „Ich sage bitte ein Besitzer pro Pferd, komme zum Patienten und da stehen drei.“

Eine weitere Erfahrung: Alle Coronaviren werden über einen Kamm geschert. Besitzer sorgen sich, dass sie ihre Katzen abgeben müssen. Ebenso gebe es Tierhalter, die ihre Tiere gern durchchecken lassen wollen, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist, falls sie denn doch in Quarantäne müssen. Auf der anderen Seite gibt es Stimmen, die von rücksichtsvollen Kunden berichten: „Unsere Besitzer sind sehr einsichtig. Ich habe das Gefühl, dass sie die Situation richtig einschätzen“, erzählt ein Tierarzt aus Göttingen. Auch aus Bremen kommt diese Rückmeldung: „Dass sie mit einem kranken Tier nicht mehr in die Klinik können ist für viele eine Horrorvorstellung. Die wollen auch nicht, dass wir dichtmachen müssen.“

Einige Kollegen setzen vermehrt Telemedizin ein, um den Kontakt zu Tierhaltern zu begrenzen. "Ich lasse mir schon vermehrt Bilder und Videos aufs Handy schicken", berichtet ein Kleintierpraktiker aus Duisburg. Dies komme natürlich auf den Fall und die Vorgeschichte an.

ÖSTERREICH:

Christian Seifert betreibt gemeinsam mit seiner Frau Karoline die Tierarztpraxis Steinerkirchen in Oberösterreich:

Grundsätzlich haben wir alle nicht dringenden Termine, wie etwa Impfen, verschoben. Zudem bitten wir unsere Kunden, dass sie anrufen, bevor sie zu uns kommen und sich auch kurz melden, wenn sie am Parkplatz vor unserer Praxis stehen. Dann holen wir die Tiere dort ab. Generell sollen nur ein bis maximal zwei Personen in unserem Wartezimmer sein.

Wir haben noch das Glück, dass wir breit aufgestellt sind und auch den Großtierbereich abdecken. Aber im Kleintierbereich merken wir einen großen Einbruch, was besonders bitter ist, da wir unsere Praxis gerade neu umgebaut haben. Wir hätten am 16. März eine große Eröffnungsfeier geplant gehabt.

Unsere zwei Kinder sind 11 und 13 und bekommen über Lernplattformen jeden Tag Materialien zum Lernen. Vormittags ist dann sozusagen ihre Schulzeit. Meine Frau und ich wechseln uns bei der Betreuung ab.

Wir haben drei Angestellte und haben uns entschlossen zwei davon für die Kurzarbeit anzumelden. Ich bin froh über diese Möglichkeit, die uns eine finanzielle Erleichterung bringt und für unsere Mitarbeiterinnen kaum finanzielle Einbußen bedeutet. Ich befürchte, dass einige kleinere Praxen sehr ums Überleben kämpfen werden. Neuesten Einschätzungen zufolge kann dieser Shutdown ja bis Ende April, vielleicht sogar Ende Mai dauern. Den Leuten geht dann einfach das Geld aus. Wir hoffen halt das Beste.

Karl Grohmann ist Leiter Anicura Tierklinik Korneuburg (Niederösterreich):

Wir haben sämtliche nicht-dringenden Termine verschoben und informieren unsere Kunden auch, dass wir aktuell nur sofort notwendige Behandlungen durchführen, wie etwa Schmerz- oder chronische Patienten, Notoperationen und Bissverletzungen. So haben wir noch rund 30 bis 40 Patienten pro Tag.

Wir bitten um telefonische Terminvereinbarung und reduzieren den persönlichen Kontakt so weit wie möglich. Es befinden sich auch maximal drei Personen gleichzeitig in unserem Wartezimmer und wir bitten die Tierbesitzer dort zu warten, während wir ihr Tier behandeln. In den allermeisten Fällen zeigen die Tierbesitzer Verständnis. Ansonsten dürften sie nur mit Schutzmaske und Handschuhen in den Behandlungsraum.

Natürlich merken wir einen Kundenrückgang und Umsatzeinbußen, die sich glücklicherweise noch im verkraftbaren Bereich befinden. Wir haben allerdings auch das Glück, dass eine große Firma hinter uns steckt. Wir haben tägliche Telefonkonferenzen und ich muss sagen, dass hier sehr arbeitnehmerfreundlich agiert wird. Gerade in den ersten zwei, drei Tagen waren alle verunsichert und haben um ihre Jobs gefürchtet. Wir sind sehr bemüht, dass alle ihre Arbeitsplätze behalten können. Falls es notwendig wird, werden wir auch die Möglichkeit der Kurzarbeit nutzen. Wir werden das packen!

Monika Gruber betreibt eine Ein-Frau-Praxis in Wien:

Ich habe auf Terminpraxis umgestellt, auch wenn es nur darum geht Medikamente oder Futtermittel abzuholen. Nicht dringend notwendige Behandlungen verschiebe ich. Ich bitte die Tierbesitzer, dass sie alleine und ohne Kinder kommen. Es sind eigentlich alle Kunden verständnisvoll. Ich habe eher den Eindruck, dass die Leute froh sind, dass wir überhaupt da sind.

Vormittags bin ich sowieso immer alleine in der Praxis. Für nachmittags habe ich eine Kollegin in Teilzeit und drei Studentinnen, die geringfügig bei mir arbeiten. Behandlungen, bei denen ich Unterstützung brauche, lege ich mir also auf die Nachmittage. Bisher kommen wir gut zurecht. Ich denke auch, dass solange ich arbeiten darf, ich über die Runden komme. Denn die Leute brauchen ja trotzdem medizinische Versorgung und Medikamente oder Spezialfuttermittel für ihre Tiere. Und der Großhandel funktioniert glücklicherweise auch noch einwandfrei.

Wie Kollegen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie einschätzen, hat folgende Umfrage gezeigt.