Behandlung | Gastroenterologie 20.05.2019

Antibiotika bei akutem Durchfall?

Studien zeigen, dass zwei Drittel aller Hunde bei aktuem Durchfall Antibiotika bekommen. Stefan Unterer und Melanie Werner haben mit uns über Risiken und Nebenwirkungen gesprochen.

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Foto: Javier brosch - stock.adobe.com

Ein akuter Durchfall sistiert unter Antibiotika-Gabe innerhalb von bis zu sechs Tagen – ohne Antibiotika geht es genauso schnell. Doch der Anteil resistenter Bakterien im Darm nimmt zu. So das Ergebnis einer aktuellen Untersuchung der Gastroenterologen an der Medizinischen Kleintierklinik LMU München.

Welche Risiken sind mit der Antibiose verbunden?
Unterer: Zunächst einmal gibt es Hinweise, dass beim Hund durch manche Antibiotika gastrointestinale Kurzzeitnebenwirkungen wie Durchfall und Erbrechen ausgelöst werden können. Über Langzeitnebenwirkungen existieren in der Tiermedizin noch nicht viele Daten. Jedoch ergeben sich aus der Humanmedizin Hinweise, dass ein häufiger Antibiotikaeinsatz das Risiko erhöht, an chronischen Erkrankungen wie Morbus Crohn zu erkranken. Es ist allgemein anerkannt, dass der Antibiotikaeinsatz bei Kleinkindern ein Risikofaktor für das Entstehen von Allergien und immunbedingten Erkrankungen darstellt. Außerdem belegen viele Studien einen kausalen Zusammenhang zwischen der Gabe von Antibiotika und dem vermehrten Auftreten von resistenten Bakterienisolaten. Diese stellen ein großes weltweites Problem in Human- wie auch Tiermedizin dar.

Sie haben den Test gewagt und je acht Durchfall-Hunde mit Amoxicillin-Clavulansäure behandelt und acht mit Placebo. Welche Wirkung hatte die Therapie?
Werner: Die Hunde wurden über sieben Tage therapiert und der klinische Verlauf der Hunde über zehn Tage täglich mittels eines Besitzertagebuchs dokumentiert. Hierbei wurden die Parameter Aktivität, Appetit, Erbrechen, Kotabsatzfrequenz und Kotkonsistenz abgefragt. Alle Hunde beider Gruppen erhielten zusätzlich eine standardisierte symptomatische Therapie (Maropitant, Metamizol) und wurden mit einer gastrointestinalen Diät gefüttert. Alle Hunde erreichten normale Parameter nach im Median zwei Tagen. Wichtig zu erwähnen ist, dass sich an keinem Tag ein signifikanter Unterschied zwischen der Placebo- und der Antibiotikagruppe hinsichtlich des klinischen Verlaufes ergab. In unserer Studienpopulation zeigte der Einsatz von Amoxicillin-Clavulansäure keinen Vorteil im Vergleich zum Placebo.

Sie konnten zeigen, dass unter der Antibiotikatherapie der Anteil Amoxicillin- resistenter fäkaler E. coli signifikant zunahm. Warum?
Werner: Resistente Bakterienisolate sind bei nahezu jedem Individuum als Teil der Darmflora zu finden. Unter Therapie ergibt sich ein Wachstumsvorteil für resistente Bakterienisolate. Spannend ist, dass der Anteil resistenter E. coli auch drei Wochen nach Absetzen der Antibiose in der Amoxicillin-Clavulansäure-Gruppe im Vergleich zur Placebogruppe signifikant erhöht war. Die Darmflora ist also auch noch nach Wochen nach der Antibiotikagabe beeinflusst. Dies ist problematisch, da resistente Darmbakterien auch bei anderen Infektionen, wie aufsteigenden Harnwegs- oder Wundinfektionen, beteiligt sein können.

Also keine Antibiotika bei akutem Durchfall. Wie sieht die optimale Therapie dann aus?
Werner: Zunächst sollten bei jedem Patienten Endoparasiten als Ursache ausgeschlossen werden. Ist das getan, haben wir die Erfahrung gemacht, dass ein akuter, nicht blutiger Durchfall beim erwachsenen Hund häufig unter gastrointestinaler Schonkost sogar ohne weitere Therapie selbstlimitierend ist. Zusätzlich können Pro- und Präbiotika gegeben werden. Sollte der Hund auch erbrechen, kann einmalig ein Antiemetikum verabreicht werden. Eine sehr gute klinische Untersuchung ist jedoch bei allen Patienten besonders wichtig. Sollte ein Hund Fieber zeigen, stark dehydriert sein, apathisch wirken oder ein schmerzhaftes Abdomen zeigen, ist weitere Diagnostik indiziert.

Gibt es Bedingungen, unter denen Sie selbst bei Diarrhö Antibiotika geben würden?
Unterer: Ja, die gibt es. Wie schon erwähnt, sind das Signalement des Patienten und auch die klinische Untersuchung hier sehr wichtig. Bei juvenilen
Patienten sollte immer auf Parvovirose getestet werden. Diese Patienten sind immunsupprimiert aufgrund eines massiven Abfalls von Entzündungszellen und brauchen deshalb insbesondere bei Hinweisen auf eine gestörte Darmschranke (Blut im Stuhl) eine breite antibiotische Abdeckung. Außerdem sollten Hunde, die mit Immunsuppressiva therapiert werden, eng überwacht und bei ersten Anzeichen einer systemischen Entzündung antibiotisch behandelt werden. Grundsätzlich sollte bei allen Hunden, die Fieber oder ein sehr schlechtes Allgemeinbefinden zeigen, ein Blutbild angefertigt werden. Bei starker Neutrophilie, Neutropenie oder Anwesenheit von stabkernigen neutrophilen Granulozyten sollte mit einer antibiotischen Therapie begonnen werden. W
Studie: Die Untersuchung wurde von Melanie Werner in der Arbeitsgruppe Gastroenterologie der Medizinischen Kleintierklinik LMU München unter Leitung von Stefan Unterer durchgeführt und von dem Mikrobiomexperten der Texas A&M University Jan Suchodolski unterstützt. leer