Ausland | Praxis 16.08.2017

Eine Tierärztin in Neuseeland

Gudrun Clark ist nach dem Studium auf den grünen Inselstaat ausgewandert - der Liebe wegen. Unsere Reportage zeigt, welche Herausforderungen ihr dabei begegnet sind.

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Foto: privat

Der Traum von einem von Tieren begleiteten Leben im Ausland hat sich für Gudrun Clark mehr als erfüllt; denn die 400 Hektar Land nahe Waipukurau an der Ostküste der Nordinsel Neuseelands teilt die deutsche Tierärztin nicht nur mit ihrem Mann Sam, sondern auch mit 14 Hunden, acht Pferden, zwei Schweinen, 200 Kühen und − nicht zu vergessen − 1200 Schafen. „Was für andere viel klingen mag, ist für Neuseeland nix Großes“, erzählt die 30-Jährige schmunzelnd. Doch der Weg ins Land der anderen Dimensionen war alles andere als geradlinig: Bis heute gehörten Steine zum Alltagsprogramm der deutsch-neuseeländischen Familie Clark.
Zeitsprung. Noch bis zum Ende ihres Studiums in Budapest und Berlin sahen die Pläne der Ulmerin ein wenig anders aus. Nach Amerika sollte es gehen, wo sie in der Nähe guter Freunde als Pferdetierärztin arbeiten und ihrem größten Hobby frönen wollte: dem Westernreiten. Umgeschmissen wurde dieser schon lange geschmiedete Plan erst im Praktischen Jahr, als es Sam, dem Freund und Farmmanager einer Bekannten, gelang, die Deutsche um den Finger zu wickeln. Schnell war klar, dass es für eine gemeinsame Zukunft in Sams Heimat gehen sollte − ein Land, in dem es zwar weniger Westernreiter, dafür aber umso mehr Wiesen und Schafe gab.

Noch einmal von vorne, bitte
Das erste Problem für die deutsche Tierärztin: Das mühsam erkämpfte deutsche Staatsexamen wird in Neuseeland nicht anerkannt. Ausländer, die auf dem Inselstaat im Südpazifik praktizieren möchten, haben demnach nur zwei Optionen: Sie müssen sich entweder an der einzigen tiermedizinischen Universität einschreiben und die letzten zwei Studienjahre wiederholen oder das dreiteilige National Veterinarian Exam (NVE) absolvieren. Beide Möglichkeiten sind sehr teuer und Letztere äußerst anspruchsvoll. Denn da die Semester in Neuseeland kleiner sind, ist ein praxisnäheres Studium möglich, dementsprechend höher sind die Erwartungen an die Prüflinge im Examen. Gudrun Clark, die sich dem NVE gestellt hat und im Kleintierteil der Prüfung eine Hündin kastrieren musste, bestätigt: „Die praktische Prüfung war der Horror. Irgendwie habe ich es geschafft, aber ich würde es nicht nochmal machen wollen.“ Nur ungern erinnert sie sich an die drei Monate harter Vorbereitung und den Schreckmoment zurück, als sie durch eine kleine Teilprüfung des Examens gefallen ist. „Für mich kam das einem Weltuntergang gleich, da ich dachte, nie richtig durchstarten zu können“, berichtet Clark, zumal dieser Teil der Prüfung auch noch in Australien stattfand. „Zum Glück gab es eine Beisitzerin, die sich für mich eingesetzt hat“, sagt die Schwäbin. So konnte sie dieses kleine Prüfungsfitzelchen zeitnah in Neuseeland wiederholen. „Ohne finanzielle und emotionale Unterstützung wäre das alles nicht möglich gewesen.“

Arbeitsalltag fern von zu Hause
Doch auch das Durchstarten nach bestandenem NVE war gar nicht so einfach. Denn rund um Waipukurau, wo die Familienfarm von Sam angesiedelt ist, gab es kaum Jobs. Und die wenigen Praxen, die überhaupt auf der Suche waren, erwarteten bereits mehr praktische Erfahrung. „In Neuseeland ist alles eben sehr weitläufig“, so Clark. Dennoch sieht die Auswanderin vor allem ihre Bindung an einen bestimmten Ort als Problem. „Wer flexibler ist, findet auf alle Fälle eine Anstellung“, meint sie. Für ihren Berufsstart in einer großen Klinik, die sowohl Klein- als auch Großtiere versorgt, musste Clark allerdings zwei Stunden Richtung Westen ziehen. Dort erlebt sie den Arbeitsalltag als sehr stressig − vor allem die Notdienste am Wochenende.

Ähnlich und doch anders
Und wie ist es sonst so, am anderen Ende der Welt zu arbeiten? „Ähnlich, aber auch irgendwie anders.“ Gut findet die Tierärztin, dass auch Anfänger gleich ein ordentliches Gehalt bekommen. Entsprechend wird aber auch viel erwartet − und das sofort. Als grundlegenden Unterschied sieht sie, dass es weniger Einzelkämpfer und mehr Gemischtpraktiker gibt. „Mit der Spezialisierung hängen die Neuseeländer noch hinterher“, so Clark. Eine große Arbeitserleichterung sind hingegen die sehr gut ausgebildeten Tiermedizinischen Fachangestellten. „Sie nehmen mir viel Arbeit ab“, grinst Clark.
Die Tierärztin ist froh, sich dem NVE gestellt zu haben und nicht wie andere Zugezogene als Helferin arbeiten zu müssen. Bald geht es aber wieder zurück nach Waipukurau. „Nach neun Monaten habe ich die Fernbeziehung satt“, sagt Clark. Außerdem vermisse sie ihre Tiere und das Farmleben. Wie es jobmäßig weitergeht, muss abgewartet werden. Ein Anfang ist auf alle Fälle gemacht.