Branchenentwicklung | Zusammenschluss 20.05.2019

Arbeitgeberverbund: "Bloß kein Strohfeuer"

Der neu gegründete Verbund unabhängiger Kleintierkliniken e. V. (VUK) vertritt die Interessen von Arbeitgebern. Was kann er bewirken?

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Foto: Alexander Heinrichs - stock.adobe.com

Arbeitszeitgesetz, Fachkräftemangel, gewachsene Ansprüche von Arbeitnehmern, Kliniksterben, Notdienstproblematik, Konkurrenz durch Klinikketten – die Liste der Herausforderungen von Leitern großer tierärztlicher Kliniken wird lang und länger. Eine Lösung: selbst zur Kette werden. Denn wer an AniCura oder Evidensia verkauft, wird fortan gemanagt. Doch die eigene Selbstständigkeit und Individualität aufzugeben ist für viele Inhaber kein gangbarer Weg. Dennoch drängt der strukturelle Wandel vielen Klinikchefs neben immer mehr Problemen vor allem folgende Fragen auf: Wo geht die Zukunft hin? Und: Können wir die Anforderungen noch allein bewältigen?

Miteinander statt Gegeneinander
Wir waren zu Besuch in Posthausen – Tim Bonin, der gemeinsam mit zwei Mitstreitern die große Kleintierklinik bei Bremen leitet, kann seine Kollegen beruhigen: Alle kämpfen mit den gleichen Problemen. Genau wie viele Klinikleiter ist er mit den Jahren in seine Position hineingewachsen. „Wir sind in der Regel leidenschaftliche Tierärzte und keine BWLer und sehen uns mit vielen Themen konfrontiert, die mit dem eigentlichen Beruf wenig zu tun haben.“ Der zunehmende Druck bei einer fehlenden reinen Arbeitgebervertretung sowie die Überzeugung, dass das „Einzelkämpfertum“ kein Modell der Zukunft ist, veranlassten den jungen Tierarzt dazu, mit seinem Kollegen Dirk Remien von der Tierklinik Lüneburg den Verbund unabhängiger Kleintierkliniken e. V. zu gründen und als Vorstand zu betreuen. Weitere Gründungsmitglieder sind die Tierklinik Rostock sowie die Tiergesundheitszentren Bramsche und Oerzen. „Wir wollen die Interessen der Arbeitgeber vertreten“, so Bonin, die Zeit war reif. Von den bestehenden Standesvertretungen fühlten sie sich nicht ausreichend berücksichtigt. „Arbeitgeber haben nun mal andere Interessen und Probleme zu bewältigen als Arbeitnehmer“, so der Chirurg. Es könne nicht sein, dass zugesehen werde, wie Kliniken sterben. Auch für die 60 Angestellten spürt er eine große Verantwortung: „Wir können die vielen Arbeitsplätze nur sichern, wenn wir nicht weiter an den Rand der wirtschaftlichen Leistungskraft gedrängt werden.“ Ziel des eingetragenen Vereins ist es, „Ressourcen und Wissen“ zu bündeln, um es in die Patienten investieren zu können.

Der VUK und die großen Verbände
Dirk Remien und Tim Bonin sind in Bielefeld proaktiv auf die BTK und den bpt zugegangen und auf offene Ohren gestoßen. Dem VUK gehe es laut Bonin um ein Miteinander statt Gegeneinander. So sei es nicht das Ziel, sich gegen bestehende Standesvertreter zu stellen, sondern konstruktiv zusammenzuarbeiten. Der Bund angestellter Tierärzte (BaT) ließ auf seiner Website verlauten, dass er die „Bemühungen der tierärztlichen Arbeitgeber, sich zu formieren und zu organisieren“, begrüße und einer möglichen Zusammenarbeit gespannt entgegenblicke. Als Interessenvertretung der Arbeitnehmer
wird der BaT vom VUK als potenzieller Tarifpartner gesehen und umgekehrt. Gemeinsam mit dem Bundesverband der Veterinärmedizinstudierenden (BVVD) soll die klinische Ausbildung des tierärztlichen Nachwuchses verbessert werden, die laut Bonin immer noch „ärgerlich schlecht“ sei. Hierfür wurde bereits ein Praktikumsleitfaden entwickelt, dessen Veröffentlichung auf den Websites der Partner kurz bevorsteht.

Der VUK und die Klinikketten
Obwohl Kliniken oder größere Praxen, die z. B. zu Evidensia gehören, nicht Mitglied im VUK werden können, arbeitet der Verbund nicht grundsätzlich gegen Franchise-Unternehmen. „Auch wir haben darüber nachgedacht, zu verkaufen“, so Bonin und ergänzt: „Es geht nicht darum, eine Kampfansage zu machen.“ Dennoch müsse laut Ansicht des VUK den Kliniken, die nicht verkaufen wollen, die Gelegenheit zur gemeinsamen Weiterentwicklung gegeben werden, indem Wissen geteilt und gebündelt werde.

Der VUK und der Tarifvertrag
Da die erste Resonanz nach Veröffentlichung der Pressemitteilung Bonin zufolge „durch die Decke ging“, glaubt der Verbund an ein schnelles Wachstum. Innerhalb von zwei Wochen sind bereits sieben Kliniken dem VUK beigetreten und weitere Kollegen haben einer Mitgliedschaft schon zugestimmt (Stand 12.04.2019).
Auf der ersten bundesweiten Versammlung in Kassel Anfang April waren bereits 20 Kliniken anwesend, die alle über deckungsgleiche Probleme klagten. „Die Kollegen erhoffen sich, dass wir Gewicht und eine Durchsetzungskraft erlangen“, so der Klinikleiter. Interessant war für den VUK die Erkenntnis, dass auch Arbeitgeber sich einen Tarifvertrag wünschen. „Wir dachten, dass andere Punkte, wie die Notdienstregelung, die Gründung einer Einkaufsgemeinschaft oder ein gemeinsamer Datenschutzbeauftragter viel mehr interessieren, aber nein, perspektivisch wünschen sich auch Arbeitgeber vieler Angestellter den Tarifvertrag.“ Dieser böte auch ihnen Vorteile: So wäre es – ähnlich wie in der Humanmedizin – möglich, Schichten zu planen, die über die derzeit erlaubten elf Stunden hinausgehen. „Wir wollen das Arbeitszeitgesetz nicht aushebeln, fühlen uns aber derzeit sehr geknebelt“, so Bonin. Dennoch, darüber sind sich die Arbeitgeber bewusst, die konkreten Verhandlungen werden schwierig und bedürfen juristischer Unterstützung.

Der VUK und Studenten
Die tierärztliche Nachwuchsförderung gehört zu Bonins Steckenpferden: „Ich habe mich als Student immer darüber geärgert, wie schlecht die klinische Ausbildung ist.“ Zwei Stunden Nahtkurs an irgendwelchen Lappen und das soll`s gewesen sein? Wer dann auch noch Pech mit seinen Praktika hat, ist angeschmiert. „Es muss möglich sein, dass Kliniken Studenten bereits während ihrer Hochschulaktivität mit ausbilden, damit die First-Day-Kompetenzen besser sitzen“, so der Tierarzt. Denn die Erfahrung zeigt: Anfangsassistenten können bei Berufsstart immer noch wenig bis gar nichts und brauchen in der Regel ein Jahr, bis sie Not- und Nachtdienste gut bewältigen können. „Da sind die Gehaltsforderungen des BaT einfach zu hoch gegriffen.“ Im Praktikumsleitfaden, der in Zusammenarbeit mit dem BVVD entstanden ist, wird katalogisiert, welche Tätigkeiten die Praktikanten innerhalb von vier bzw. acht Wochen Praktikum durchgeführt haben müssen. Ziel ist, dass sich die VUK-Mitgliedskliniken dieses Katalogs annehmen und entsprechende Fertigkeiten weitergeben. „Das wird etwas Zeit brauchen, aber ich bin guten Mutes“, so Bonin, dessen Praktikumsstellen in Posthausen bis 2020 bereits ausgebucht sind.

Und wie geht es jetzt weiter?
Im Juni findet das zweite bundesweite Treffen des VUK statt. Derzeit wird schon mit Pharmaunternehmen über gute Einkaufskonditionen für die Mitglieder verhandelt, ebenso will der Verbund Druck auf die Kammern ausüben, was die Notdienstsituation und das Arbeitszeitgesetz betrifft. Zudem steht ein Kennenlernen mit dem BaT auf dem Plan. „Wir sondieren die dringlichsten Probleme unserer Mitglieder und gehen diese als Erstes an“, so Bonin. Großen Ankündigungen sollen schließlich auch Taten folgen. Der neue Verbund will kein Strohfeuer sein, das nur kurz aufflackert und dann erlischt.