Journal Club 10.02.2008

Aspirationspneumonie bei 40 Kühen

29 von 40 Kühen mussten aufgrund einer Aspirationspneumonie nach peroraler Behandlung euthanasiert werden.

Die Aspirationspneumonie tritt auf, wenn Stoffe wie Tränke, Futter oder Arzneimittel, welche für den Verdauungskanal bestimmt sind, nach Fehlschlucken oder fehlerhaftem Eingeben in die Lunge gelangen. Die Aspiration großer Flüssigkeitsmengen kann zum sofortigen Tod führen, hingegen werden kleinere lösliche Flüssigkeitsmengen sehr rasch aus der Lunge absorbiert und mindern das Krankheitsbild. Unlösliche Substanzen in der Lunge führen zur gangränösen Pneumonie. Die Prognose bei allen Formen der Aspirationspneumonie ist sehr vorsichtig.

In der vorliegenden Untersuchung wurden die klinischen Befunde und der Verlauf bei 40 Milchkühen mit Aspirationspneumonie beschrieben.

Alle Kühe waren mit Medikamenten oder Hausmitteln per os behandelt worden und unmittelbar danach an respiratorischen Symptomen erkrankt.

Da die vom Haustierarzt durchgeführte antibiotische Behandlung erfolglos war, wurden die Tiere ins Züricher Tierspital eingeliefert.

Das Allgemeinbefinden war bei allen Kühen mittel- bis hochgradig gestört. Die rektale Temperatur lag zwischen 37,8 und 41,1°C, die Herzfrequenz zwischen 48 und 150/Minute. Die kapilläre Füllungszeit war bei 14 Kühen verlängert. Die wichtigsten abnormen Befunde betrafen den Atmungsapparat oder gingen von diesem aus. Die Atemfrequenz war bei 32 Kühen erhöht (16-96/Minute). Bei 30 Kühen bestand eine abdominale Atmung. 20 wiesen ein permanentes exspiratorisches Stöhnen auf, 10 Kühe davon zeigten zusätzlich Maulatmung. Weiter wiesen 10 Kühe ein subkutanes und ein retropetritonales Emphysem auf. Bei der Auskultation der Lunge wurden verschärftes Vesikuläratmen, bei 8 Kühen Giemen und bei 3 Kühen Rasseln gehört. In 10 Fällen war zudem Nasenausfluss vorhanden und bei 17 Kühen wurde Husten beobachtet. Bei 2 Kühen roch die Atemluft aasig-faulig. Am Magen-Darm-Trakt fiel bei den Tieren eine reduzierte bis aufgehobene Pansen und Darmmotorik auf. Bei 11 Tieren waren die Fremdkörperschmerzproben positiv. Bei der Blutuntersuchung fiel bei 35 Kühen ein verkürzter Glutaltest, bei 31 Tieren ein erhöhtes Fibrinogen und bei 22 Tieren eine Leukozytose mit Linksverschiebung auf.

16 Kühe wurden unmittelbar nach der Untersuchung euthanasiert. Die restlichen Tiere wurden einer intensiven medikamentellen Behandlung unterzogen, 19 erhielten für 28 Tage Danafloxacin und 5 Amoxicillin. Zusätzlich erhielten sie je 10l Glukose-NaCl-Lösung intravenös. 22 Kühe erhielten zudem Bromhexin-HCl, 6 Kühe Flunixin meglumin, 10 Kühe Dexamethason und 10 Kühe Tripelamin. Trotz Behandlung mussten weitere 13 Kühe nach einer durchschnittlichen Behandlungsdauer von 5,6 Tagen infolge Verschlechterung des Zustandes euthanasiert werden. 11 Kühe konnten erfolgreich therapiert und nach 4 bis 14 Tagen nach Hause entlassen werden. Eine telefonische Nachfrage nach 8 bis 34 Monaten ergab, dass 3 Kühe aus verschiedenen Gründen geschlachtet werden mussten. Von den 8 Kühen, die sich komplett erholt hatten, hatten 4 bei der Einlieferung ursprünglich exspiratorisches Stöhnen, 2 ein subkutanes und retroperitoneales Emphysem und eine Kuh einen aasig-faulen Atemgeruch gezeigt.

Die pathologisch-anatomische Untersuchung der 29 euthanasierten Kühe ergab in allen Fällen hochgradige, fibrinös-eitrige bis nekrotisierende Lungenveränderungen. Bei 17 Kühen lag zudem ein hochgradiges alveoläres oder interstitielles Lungenemphysem vor.

Im Zentrum der klinischen Befunde standen die Symptome am Atemapparat. Zuerst bestand eine inspiratorische oder gemischte Dyspnoe und nach Hinzutreten eines Lungenemphysems kam es zur exspiratorischen Dyspnoe, welche durch betont abdominale Atmung, exspiratorisches Stöhnen und Maulatmung gekennzeichnet war. Das Hinzutreten eines subkutanen und retroperitonealen Emphysems zeigt, dass emphysematöse Bullae in der Lunge rupturierten und durch die ausgetretene Luft ein Pneumothorax oder ein Pneumomediastinum entstehen kann. Subkutane und retroperitoneale Emphyseme können auch entstehen, wenn Alveolen infolge Lungennekrosen rupturieren und die Luft ohne Bullabildung direkt in den Pleuralspalt gelangt. Der Übergang der gemischten zur hochgradigen expiratorischen Dyspnoe stellt immer ein ungünstiges prognostisches Kriterium dar. Der therapeutische Erfolg bei 11 Kühen belegt, dass nicht jede Aspirationspneumonie tödlich verlaufen muss. Allerdings sollte bei gangränöser Pneumonie und Aspirationspneumonie mit hochgradiger expiratorische Dyspnoe keine Therapie mehr durchgeführt bzw. eine laufende Therapie abgebrochen werden.

(Quelle: Braun et al. (2007): Aspirationspneumonie bei 40 Kühen nach peroraler Behandlung Schweiz. Arch.Tierheilk. 149 Heft 8, 363–365.)

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