Journal Club 10.05.2008

Bandscheibenvorfälle beim Hund: Retrospektive Studie

An der Klinik für Kleintiere der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover wurden die Unterlagen von 238 Patienten, die aufgrund eines Bandscheibenvorfalls in einer Zeitspanne von zwei Jahren (2003-2004)operiert worden sind, im Hinblick auf das langfristige Behandlungsergebnis ausgewertet.

Bandscheibenvorfälle beim Hund sind eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen in der Tiermedizin. Die klinischen Erscheinungsformen sind sehr vielfältig und reichen von Hyperästhesien bis zu Lähmungen der Gliedmaßen unterschiedlichen Ausmaßes. Hinsichtlich der Behandlungsmethode unterscheidet man zwischen der konservativen und der chirurgischen Therapie, wobei letztere in der Regel zu einer schnelleren Behebung der schmerzhaften Zustände und der Lähmungserscheinungen führt. In der vorliegenden Studie kamen 238 Hunde, die in der Zeit von 2003 bis 2004 in der Klinik für Kleintiere der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover aufgrund eines Bandscheibenvorfalls im Hals-, Brust- oder Lendenwirbelbereich chirurgisch versorgt wurden, zur Auswertung. Entsprechend der Lokalisation wurde zwischen Patienten mit einer Erkrankung im zervikalen bzw. thorakolumbalen und zwischen Patienten mit einer Läsion im Bereich des oberen motorischen Neurons (OMN) mit einer Normo- oder Hyperreflexie bzw. einer Läsion des unteren motorischen Neurons (UMN) mit einer Hyporeflexie unterschieden. Abhängig von der Lokalisation wurde eine radiologische Untersuchung im latero-lateralen und teilweise auch im ventro-dorsalen Strahlengang mit einer digitalen Rötgenanlage vorgenommen. Durch eine Myelografie, teilweise in Kombination mit einer Computertomographie oder Magnetresonanztherapie wurde der Vorfall genau lokalisiert. Die Beurteilung erfolgte hinsichtlich einer Verschattung des Zwischenwirbelspaltes (Mineralisation), einem verengten Intervertebralspaltes, einer Spondylose, einer Spondyloarthrose und einer Skoliose. Abhängig von der Lokalisation des Bandscheiben Vorfalls wurde ein ventraler Slot, eine Hemilaminekomie oder eine Laminektomie, ggf. in Komination mit einer Fenestration benachbarter Bandscheiben, durchgeführt. Zur Überprüfung des Therapieerfolges wurden die Hunde während des Klinik Aufenthaltes täglich einer neurologischen Untersuchung unterzogen. Mit 219 Patientenbesitzern konnte frühestens 6 Monate nach der Entlassung des Hundes telefonisch Rücksprache gehalten werden. 121 der Tiere kamen daraufhin erneut für eine neurologische Kontrolluntersuchung in die Klinik. Von den 238 untersuchten Hunden gehörten 77 % den kleinen Hunderassen ( 20 kg Körpergewicht). Männliche Tiere waren mit 62 % häufiger betroffen, als weibliche Tiere mit 38 %. Als Ursache werden sowohl eine erhöhte Neigung zu Fettleibigkeit bei männlichen Tieren als auch eine leichte Schutzwirkung durch weibliche Hormone in Betracht gezogen. Bei den kleinen Hunden trat der Bandscheibenvorfall meistens im Alter von 4 – 6 Jahren auf, während große Hunde am häufigsten zwischen dem 7. und 8. Lebensjahr erkrankten. Im Bereich der Halswirbelsäule waren die Bereiche C3- C4, C4-C5 und C6-C7 mit jeweils 23 % am häufigsten betroffen. Bei den Hunden mit einer Diskopathie an der Brust- oder Lendenwirbelsäule kamen die Vorfälle hauptsächlich am thorakolumbalen Übergang vor, mit einem Peak bei Th12-Th13. Insgesamt 198 Hunde (83 %) zeigten eine Läsion im Bereich des OMN, wobei in dieser Studie kein auffälliger Unterschied zwischen den beiden Lokalisationen festgestellt werden konnte. Bei 203 von 238 Patienten (85 %) war langfristig ein gutes Ergebnis zu verzeichnen. Die übrigen Patienten erlangten ihre Lauffähigkeit nach der Operation nicht zurück und/oder blieben schmerzhaft (11 %) oder verstarben (4 %). Sowohl die Größe des Hundes als auch das Vorhandensein von Tiefenschmerzsensibilität vor der Operation stellten sich dabei als wichtige prognostische Indikatoren für den Behandlungserfolg heraus. Die Rekonvaleszenzzeit, gemessen als Zeitspanne zwischen dem Tag der chirurgischen Versorgung und dem Tag, an dem ein paar Schritte ohne Unterstützung wieder gelaufen werden konnten, verlängerte sich mit Zunahme der neurologischen Ausfälle signifikant. So schnitten die paraplegischen Patienten, die keinen Tiefenschmerz mehr hatten, signifikant schlechter ab als die übrigen Patienten. Die besten Aussichten auf eine funktionelle Wiederherstellung hatten diejenigen Hunde, die ihre Schmerzempfindung innerhalb der ersten zwei Wochen nach der Operation zurückgewinnen konnten. Außerdem erholten sich Patienten mit einer zervikalen Rückenmarkskompression in der Regel schneller als solche mit einer Erkrankung im thorakolumbalen Wirbelsäulenbereich. Die unterschiedlichen anatomischen Verhältnisse im Hals- bzw. Rückenbereich könnten hierfür eine Erklärung liefern. In einem Beobachtungszeitraum von sechs Monaten bis drei Jahre nach der chirurgischen Versorgung traten bei 21 % der Patienten wiederholt Beschwerden in Form von Hyperästhesien im Bereich der Wirbelsäule bis hin zu Lähmungserscheinungen unterschiedlichen Ausmaßes auf. Patienten mit einem Körpergewicht über 20 kg hatten einen schlechteren langfristigen Operationserfolg. So wurde bei 78 % der großen Patienten, die post operationem nicht selbstständig laufen konnten, der Therapieversuch mit Rekonvaleszenzmaßnahmen bereits einen Monat nach der Entlassung abgebrochen, da die Besitzer Probleme mit der erhöhten körperlichen Belastung und der Motivation ihrer Hunde hatten. Der postoperativen Physiotherapie bei plegischen Hunden mit einem Bandscheibenvorfall wird ein signifikanter Einfluss auf das langfristige Ergebnis zugeschrieben. Die Auswertung der Daten ist hierbei allerdings problematisch, da sich die Patientenbesitzer umso weniger Zeit für die physiotherapeutischen Anwendungen nahmen, je früher klinische Erfolge bei den Hunden festgestellt werden konnten. Weitere Studien unter genormten Bedingungen sind nötig, um die genauen Auswirkungen der Physiotherapie ermitteln zu können. Zusammenfassend ist die Prognose einer Bandscheibenerkrankung beim Hund nach derzeit gängigen Behandlungsmethoden als günstig zu bezeichnen.

(Quelle: C. Bull, M. Fehr, A. Tipold (2008): Bandscheibenvorfälle beim Hund: Retrospektive Studie über den klinischen Verlauf von 238 Hunden (2003-2004); Berl. Münch. Tierärztl. Wochenschr. 121, Heft 3/4, 159-170 (2008))

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