Journal Club 11.09.2019

Bisphosphonate für das Pferd?

Über die Wirkungen und Nebenwirkungen von Bisphosphonaten beim Pferd ist das Unwissen deutlich größer als das Wissen.

Bisphosphonate wie Tiludronat und Clodronat werden beim Pferd vor allem bei Erkrankungen mit Beteiligung des Knochenstoffwechsels (z. B. Podotrochlose) eingesetzt. Allerdings kommen die Wirkstoffe inzwischen auch bei Rückenproblemen, Fesselgelenksarthrose und chronischen Lahmheiten aller Art zur Anwendung.

Die wissenschaftliche Absicherung solcher Anwendungen ist fraglich. In den wenigen publizierten Studien stand nicht die Wirkung auf den Knochen, sondern immer die klinische Symptomatik im Fokus. Es ist unklar, ob eine klinische Besserung überhaupt im Sinne einer Kausaltherapie auf Knochenumbau zurückzuführen ist, denn Bisphosphonate wirken auch analgetisch und antiphlogistisch. Die Autoren merken an, dass angesichts des „blindwütigen“ Einsatzes von Bisphosphonaten in der Pferdepraxis die Zahl der (publizierten) Positiverfahrungen erstaunlich gering ist. Allerdings werden auch wenige Negativerfahrungen berichtet; es gibt insgesamt viel zu wenige hochwertige Publikationen.

Wir tappen im Dunkeln
Angesichts der in der Humanmedizin bekannten Nebenwirkungen (insbesondere Kiefernekrosen und atypische Frakturen) stehen dem sorglosen Einsatz der Bisphosphonate beim Pferd mittlerweile Bedenken entgegen, inwieweit solche Nebenwirkungen auch bei Equiden zu befürchten sind. In der Humanmedizin geht der Anwendung in aller Regel eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung voraus, die aufgrund der besseren Datenlage dort auch zu klaren Ergebnissen führt. In der Tiermedizin fehlen die Daten. Die Autoren empfehlen, aufgrund der langen Halbwertszeit der Wirkstoffe keinesfalls die empfohlenen Dosierungen und Behandlungszeiträume zu überschreiten. Ansonsten lehrt uns der Blick auf die Humanmedizin: Die Wirkstoffe sind sehr potent und selbst schwerwiegende Nebenwirkungen werden mitunter erst nach Tausenden behandelten Patienten als solche erkannt. Da scheint Zurückhaltung geboten – und eine nachdrückliche Forderung nach guten Studien durch unabhängige Wissenschaftler.
CHRISTIANE FETZER

Originalpublikation:
Mitchell A, Watts AE, Ebetino FH, Suva LJ (2019): Bisphosphonate use in the horse: what is good and what is not? BMC Vet Res 15: 211.
DOI 10.1186/s12917-019-1966-x.