Virologie | Vogel 27.03.2018

Bornaviren beim Kanarienvogel

Eingeschränkte Darmmotilität und ein stark vergrößerter Drüsenmagen – nicht nur bei Papageien sollten Sie die neuropathische Drüsenmagendilatation als wichtige Differenzialdiagnose im Kopf haben

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Foto: enens - stock.adobe.com

Gleichgewichtsstörungen, Polyphagie bei gleichbleibendem Gewicht und Sitzen mit gesträubtem Gefieder – mit diesen Symptomen wurde in der Tierarztpraxis Mein Tier plus im österreichischen Brunn ein Kanarienvogel vorgestellt. Ein anderes Tier aus dem Bestand war einige Monate zuvor verstorben, nachdem es ein ähnliches Krankheitsbild gezeigt hatte.
Die parasitologische und mykologische Kotuntersuchung war in beiden Fällen negativ. Der verstorbene Vogel war vor seinem Tod geröntgt worden, auf den Bildern ist ein deutlich vergrößerter Magen-Darm-Trakt erkennbar. Tierärztin Regine Anour-Sengstschmid erinnerte sich, über das Auftreten der von Psittaciden bekannten neuropathischen Drüsenmagendilatation (PDD) auch bei Kanarienvögeln gelesen zu haben.
Sie fragte im fachforum kleintiere nach, ob das eine mögliche Diagnose wäre: „Wäre hier eine Kontrastmittelröntgenaufnahme von Nutzen?“ Damit ist sie auf dem richtigen Weg, bestätigt Ziervogel-Experte Norbert Kummerfeld: „Eine Kontrastaufnahme sollte den Verdacht bestätigen.“

Weite Verbreitung bei Kanarienvögeln 
PDD ist bei Papageien bereits seit den 1970er-Jahren bekannt. Doch erst vor zehn Jahren kamen Wissenschaftler der Ursache dieser Erkrankung auf die Spur: Eine Infektion mit einem aviären Bornavirus. Fünf Jahre später konnte gezeigt werden, dass aviäre Bornaviren auch bei Kanarienvögeln in Deutschland weitverbreitet sind. Dennis Rubenstroth und Kollegen detektierten das Virus bei 40 Prozent der 30 getesteten Kanarienvogel-Bestände. Manche der infizierten Vögel zeigten gastrointestinale und neurologische Symptome, während andere klinisch gesund waren. Kanarienvögel, welche die Wissenschaftler experimentell mit dem Virus infiziert hatten, zeigten innerhalb einer Beobachtungsperiode von fünf Monaten jedoch keine Klinik.
Die Wissenschaftler führten im Anschluss auch ein Screening anderer wilder und im Haus gehaltener Singvogel-Arten (Passeriformes) in Deutschland durch, doch nur drei von 286 Proben waren positiv. Bestimmte Finkenarten können sich demnach ebenfalls infizieren, so häufig wie bei Psittaciden oder Kanarienvögeln scheint die Infektion bei diesen Spezies aber nicht zu sein.

Bornaviren greifen das Nervengewebe an 
Bornaviren sind stark neurotrop. Vor allem bei Pferd und Schaf sind neurologische Erkrankungen beschrieben. Beim Menschen werden Bornavirus-Infektionen mit psychiatrischen Erkrankungen in Zusammenhang gebracht. Beim Vogel kommt es nach der Infektion zu einer hochgradigen Infiltration des zentralen und peripheren Nervengewebes mit Lympho- und Monozyten. Die Motilität des Magen-Darm-Trakts ist eingeschränkt, was in einer starken Dilatation unter anderem des Drüsenmagens sowie Verdauungsproblemen resultieren kann.
Für Kanarienvögel mit gastrointestinalen Symptomen wie Gewichtsverlust und Anorexie, Regurgitation, unverdauten Körnern im Kot, aber auch Polyphagie sollte neben einer Infektion mit Macrorhabdus ornithogaster (. Kasten) also auch das aviäre Bornavirus als Ursache für die Erkrankung in Betracht gezogen werden.
Während bei Wellensittichen bislang noch kein Bornavirus gefunden wurde und bei den größeren Psittaciden M. ornithogaster klinisch keine Rolle spielt, kann bei Kanarienvögeln beides vorkommen – gegebenenfalls auch als Doppelinfektion.
Um die allgemeine Abwehrbereitschaft zu unterstützen und eine Dehydration zu vermeiden, können die Gabe von Vitamin B per os, Infusionen oder ggf. eine Zwangsfütterung mit Brei hilfreich sein. Gezielte Therapiemöglichkeiten gibt es für die PDD leider nicht, die Prognose ist daher immer sehr vorsichtig zu stellen.  vm

Originalpublikationen:  
Rubbenstroth D et al. (2013): Avian bornaviruses are widely distributed in canary birds (Serinus canaria f. domestica). Vet Microbiol 165, 287–295. DOI 10.1016/j.vetmic.2013.03.024.
  
Rubbenstroth D et al. (2014): Discovery of a new avian bornavirus in estrildid finches (Estrildidae) in Germany.
Vet Microbiol 168, 318–323. DOI 10.1016/
j.vetmic.2013.11.032.