Journal Club 30.01.2019

Bovine Virusdiarrhoe: Wirksamer Schutz ist möglich

Eine aktuelle Studie aus Wien gibt einen Überblick über die weltweite Prävalenz der Bovinen Virusdiarrhoe und belegt die Effektivität von Kontroll- und Eradikationsprogrammen.

Die Bovine Virusdiarrhoe (BVD) ist eine weltweit verbreitete Durchfallerkrankung bei Rindern mit gravierenden gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen. Morbidität und Mortalität sind hoch, die Fortpflanzungsrate reduziert. Hinzu kommen große wirtschaftliche Aufwände für die Kontrolle von Infektionen. In Deutschland regelt die „Verordnung zum Schutz der Rinder vor einer Infektion mit dem BVD-Virus“ die Bekämpfung und zeigt gute Erfolge. Doch wie sehen die Prävalenzen weltweit aus? Eine relevante Frage in Zeiten, in denen internationale Transporte lebender Tiere an der Tagesordnung sind.

6,5 Millionen untersuchte Tiere
Ein Forschungsteam der Vetmeduni Vienna hat nun eine Meta-Analyse von insgesamt 325 Studien aus 73 verschiedenen Ländern durchgeführt, um die räumliche und zeitliche Verteilung der BVD sowie die Wirksamkeit von Impfungen und Bekämpfungsprogrammen zu untersuchen. Einbezogen wurden Studien aus dem Zeitraum von 1961 bis 2016. Alles in allem analysierten die Forschenden Daten von 6,5 Millionen Tieren. Die Mehrzahl der Studien wurde auf regionaler Ebene (77,02 Prozent), gefolgt von nationaler Ebene (13,04 Prozent) und Betriebsebene (9,94 Prozent) durchgeführt.

Wird bekämpft, sinkt die Prävalenz
Die Analyse zeigt große Unterschiede in der Häufigkeit des Auftretens von BVD sowohl innerhalb als auch zwischen den zehn untersuchten Regionen (United Nations). Die Prävalenzen von persistenten BVD-Virus-Infektionen reichten laut der Meta-Analyse von niedrig (≤ 0,8 Prozent Europa, Nordamerika, Australien) über mittel (> 0,8–1,6 Prozent Ostasien) bis hoch (> 1,6 Prozent Westasien). In einigen Ländern bleibt die epidemiologische Situation in Bezug auf BVD unklar.

Die Analyse zeigt deutlich: Kontroll- und Eradikationsprogramme gegen BVD sind wirksam. In Ländern mit BVD-Bekämpfungsstrategie lag die Prävalenz auf Tier- und Herdenlevel im Mittel 1,5- mal niedriger als in Ländern ohne solche Maßnahmen. So wurden in Österreich 2006 noch 0,13 Prozent persistent mit dem BVD-Virus infizierte Rinder (2600 PI-Tiere) gezählt, 2017 waren es nur noch drei Tiere. In Deutschland sank der Prozentsatz von PI-Tieren von 0,48 Prozent im Jahr 2011 auf 0,01 Prozent im Jahr 2017. Schweden, Finnland und Norwegen konnten BVD komplett tilgen.

Die höchsten PI-Prävalenzen wurden in West- und Ostasien gefunden. Nationale Kontrollprogramme existieren dort nicht. Dies gilt zwar auch für Australien und Nordamerika; die dennoch relativ niedrige Zahl an PI-Tieren in Nordamerika erklären sich die Autoren mit der Durchimpfung der Rinderpopulation. In Europa sind nur etwa 20 Prozent der Rinder geimpft, in Ländern wie Österreich, Dänemark, Schweden, Finnland und Norwegen, in denen BVD-Eradikationsprogramme auf Basis serologischer Untersuchungen durchgeführt werden bzw. wurden, ist die Impfung grundsätzlich verboten. Die Kontrolle des BVD-Virus durch Vakzination kann die PI-Prävalenz wohl relativ niedrig halten, mithilfe einer nur auf Impfungen beruhenden Strategie scheint eine Eradikation des Virus jedoch nicht möglich. Erfolgreiche Bekämpfungsprogramme basieren auf der Entfernung der PI-Tiere.

Seronegative Populationen schützen
Es ist erklärtes Ziel der Meta-Analyse, über die Heterogenität der weltweiten BVD-Verteilung zu informieren und eine Grundlage für Entscheidungen über Bekämpfungsmaßnahmen zu liefern. Für die Zukunft wünschen sich die Autoren zu diesem Zweck vermehrt standardisierte, international vergleichbare epidemiologische Studien.

Einige Länder wie Dänemark oder die Schweiz setzen aufgrund der Erfolge bei der BVD-Bekämpfung bereits auf risikobasierte Überwachungen anstelle von flächendeckenden Kontrollprogrammen. Auch einige Bundesländer in Österreich haben die Probenahme-Strategie seit 2018 für Nicht-Milchviehherden dem geringen Infektionsrisiko entsprechend angepasst. Das Wiener Forschungsteam warnt davor, Kontrollmaßnahmen verfrüht abzubrechen. Eine weitgehend seronegative Rinderpopulation ist für BVD-Infektionen voll empfänglich und Neuausbrüche in seronegativen Populationen können zu großen Schäden führen. Um Neuinfektionen durch den globalisierten Handel mit Tieren vorzubeugen, braucht es Maßnahmen, die verhindern, dass Erkrankungen wie BVD Ländergrenzen überschreiten.
VIOLA MELCHERS

Originalpublikation:
Scharnböck B, Roch FF, Richter V, Funke C, Firth CF, Obritzhauser W, Baumgartner W, Käsbohrer A, Pinior B (2018): A meta- analysis of bovine viral diarrhoea virus (BVDV) prevalences in the global cattle population. Sci Rep 8: 14420.
DOI 10.1038/s41598-018-32831-2.

Drei Fragen an die korrespondierende Autorin Beate Pinior

Warum wird nicht in allen Ländern eine flächendeckende BVD-Bekämpfung eingeführt?
»Pinior: Es gibt dafür mehrere Gründe: Es existiert keine internationale Rechtsgrundlage, die eine BVDV-Bekämpfung vorschreibt. Die Eradikation von BVDV ist langwierig und mit einem hohen Ressourceneinsatz verbunden. In vielen Ländern liegt der Schwerpunkt in der Tierseuchenbekämpfung noch auf Krankheiten, die auf den Menschen übertragen werden; sie stellen kaum Mittel zur gezielten Bekämpfung einer Tierkrankheit ohne zoonotisches Potenzial zur Verfügung.

BVD-Fälle sind relativ selten geworden. Ist eine generelle Untersuchungspflicht weiterhin sinnvoll?
»Pinior: BVD-Fälle sind in bestimmten Ländern relativ selten geworden, weil in diesen Ländern auch gezielt bekämpft wurde. In vielen Ländern ist die epidemiologische Situation jedoch immer noch unklar, da keine Untersuchungen bzw. keine flächendeckenden Bekämpfungsprogramme durchgeführt werden. Dies bedeutet wiederum für Länder mit einer geringen BVDV-Prävalenz oder einer BVDV-Freiheit, dass durch den Tierhandel ein gewisses Risiko für Neuinfektionen besteht.
Grundsätzlich ist eine generelle Untersuchungspflicht weiterhin auch in Ländern mit geringen Krankheitshäufigkeiten oder BVDV-Freiheit sinnvoll, um einen Überblick über die epidemiologische Situation zu haben, insbesondere aufgrund des Infektionsrisikos durch den (grenzüberschreitenden) Tierhandel. Der Umfang der Untersuchungen ist jedoch langfristig gesehen auf die epidemiologische Situation im eigenen Land aus ökonomischer Sicht anzupassen.

Sind in Zukunft Maßnahmen zum Schutz seronegativer Populationen nötig?
»Pinior: Ja, da eine seronegative Rinderpopulation für BVD-Infektionen voll empfänglich ist und Neuausbrüche in seronegativen Populationen zu großen Schäden führen können.

Beate Pinior, promovierte Diplom-Ökotrophologin am Institut für Öffentliches Veterinärwesen der Vetmeduni Wien