Dermatologie | Nebenwirkung 17.01.2019

Calcinosis cutis nach Glukokortikoidgabe

Eine seltenere Komplikation beim Einsatz von Glukokortikoiden ist die Ablagerung von Kalksalzen in der Haut. Dann gibt es nur eine Lösung: das Steroid ausschleichen!

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Foto: Astrid Heine

Derbe, scharf abgegrenzte, multiple Knoten und „Platten“, teils behaart, teils alopezisch, an Nacken, Vordergliedmaßen, Achseln und Rumpf: Ein Boxer hatte nahezu an der kompletten Körperoberfläche Kalziumablagerungen. Der Hund wurde seit fast einem halben Jahr wegen einer Steroid-responsiven Meningitis-Arteriitis (SRMA) behandelt, unter anderem mit Prednisolon. Nun war eine Calcinosis cutis entstanden, die über große Teile durch eine tiefe Pyodermie verkompliziert war. Die Infektion ließ sich durch systemische Antibiose und begleitende lokale antimikrobielle Therapie in den Griff bekommen. Doch was tun, um die Kalzinose zu reduzieren? Die Besitzerin, eine Tierärztin, hatte von Medikamenten wie Natriumthiosulfat gehört und fragte im Unterforum Dermatologie des Fachforums Kleintiere nach, ob der Einsatz für ihren Hund von Nutzen sein könne.

Kalzinose als Kortikoid-Nebenwirkung
Außer häufigen Nebenwirkungen wie Polyurie, Polydipsie und Polyphagie sowie Haut- und Muskel­atrophie ist die Calcinosis cutis eine bekannte, jedoch seltene Komplikation der Therapie mit Glukokortikoiden beim Hund. Unlösliche, anorganische Kalziumsalze lagern sich in dermalen und subkutanen Kollagen- und Elastinfasern ab. Dermatologe Georg Lehner empfahl: „Nachhaltig helfen kann in diesem Fall nur eine kausale Maßnahme, nämlich Prednisolon zügig auszuschleichen.“ Er riet dazu, auf eine alternative immunsuppressive Therapie, etwa mit Cytarabin oder Cyclosporin, umzusteigen.
Wie andere Symptome eines iatrogenen Hyperadrenokortizismus ist auch die kutane Kalzinose nach dem Ausschleichen der Glukokortikoide in der Regel reversibel, wenn die Mineralisationen vollständig transkutan eliminiert werden können. Zur mutmaßlichen Beschleunigung dieses Prozesses wird seit Langem lokal appliziertes Dimethylsulfoxid (DMSO) verwendet. Bewährt haben sich hierfür 60- bis 80-prozentige Lösungen oder Gels. Freilich ist von im Veterinärhandel befindlichen Kombinationen von DMSO mit Glukokortikoiden abzuraten.

Kalzinosen haben verschiedene Ursachen
Der Prozess der Kalzium-Ablagerung kann in Zusammenhang mit diversen Erkrankungen beobachtet werden. Der genaue Pathomechanismus ist jedoch unbekannt. Ätiologisch werden vier verschiedene Formen unterschieden:
Die dystrophische Form ist beim Hund am häufigsten. Ursächlich sind endogener Hyper­adrenokortizismus, aber weitaus häufiger iatrogener Hyperglukokortizismus. Eine Langzeittherapie mit Glukokortikoiden, etwa bei atopischer Dermatitis, immunmediierten oder autoimmunen Erkrankungen, wirkt begünstigend. Konstantes oder wiederkehrendes lokal begrenztes Trauma, etwa an Liegeschwielen oder Lefze, kann zu lokalisierten Kalkeinlagerungen führen, die dieser Form zugeschrieben werden.
Die urämische oder nicht-urämische metastatische Form mit stoffwechselbedingten Kalziumablagerungen in der Haut ist bei Tieren (Katzen) zwar beschrieben, aber sehr selten. Beim Menschen tritt eine Calciphylaxis hingegen meist als urämische metastatische Kalzinose im Endstadium von Nierenerkrankungen auf. Dann sind Imbalancen im Kalzium- und/oder Phosphormetabolismus ursächlich für die mineralische Deposition. Nur in diesen Fällen, wenn die Ursache eine Kalzium-Phosphor-Imbalance ist, könnte eine Therapie mit Kalziumbindern wie Natriumthiosulfat oder nicht-kalziumbasierten Phosphatbindern Erfolg versprechend sein. Bei Menschen und Katzen mit Calciphylaxie und bei Menschen in der Dialyse wird Natriumthiosulfat erfolgreich angewandt. Für dystrophische Kalkeinlagerungen kommt sie nicht infrage. Iatrogene Calcinosis cutis entsteht, wenn Kalzium transkutan absorbiert oder injiziert wurde. Die idiopathische Form kommt bei sonst gesunden Hunden vor, die jünger als ein Jahr sind, und ist selbstlimitierend.

Nur Absetzen hilft
Eine Umstellung auf Cytarabin hatte die Besitzerin bereits begonnen. Durch zusätzliche Cyclosporingaben konnte sie die Prednisolondosis in der Folge von zweimal täglich 0,3 mg/kg auf einmal täglich 0,16 mg/kg per os reduzieren. Nachdem sich die Haut zunächst verbessert hatte, nahmen die Kalkablagerungen vor allem an Kruppe und Rute allerdings wieder zu, bis der Hund aufgrund der panzerartigen Ummantelung starke Schmerzen hatte und es schwierig wurde, die Rute beim Kotabsatz zu heben. Trotz der Dosisreduktion sei die Ursache für die Verschlechterung noch immer beim Prednisolon zu suchen, meinte Experte Lehner. Das Medikament musste komplett abgesetzt werden. (Literatur beim Autor.) Georg Lehner, Viola Melchers

Falls Sie auch mit einer Fragestellung in der Praxis nicht weiterkommen, können Sie diese im fachforum kleintiere stellen.