Pferd | Virologie 13.05.2019

Das Equine Parvovirus als Auslöser der Theiler’s Disease

Ein erst kürzlich entdecktes Virus ist höchstwahrscheinlich der lang gesuchte Verursacher der equinen Serumhepatitis.

 - 
Foto: chelle129 - stock.adobe.com

Ein Pferd wird gegen Tetanus geimpft und vier bis zehn Wochen später kommt es zu lebensbedrohlichem Leberversagen: Genau so verlaufen Fälle der Theiler`s Disease häufig. Während die meisten Lebererkrankungen beim Pferd wegen der guten Kompensationsfähigkeit des Organs subklinisch bleiben, ist die equine Serumhepatitis wegen ihres akuten, fulminanten und häufig zum Tode führenden Verlaufs gefürchtet.

Die Hepatitis B des Pferdes
Zumeist kommt es nach einer Inkubationszeit von vier bis zehn Wochen nach Gabe eines equinen Blutprodukts zum akuten Leberversagen. Die Inzidenz einer fulminanten Hepatitis liegt bei den Pferden, welche dieselbe Charge eines kontaminierten Blutprodukts erhalten haben, bei 1,4–18 Prozent. Vorgestellt werden die Patienten im Allgemeinen wegen plötzlich einsetzender neurologischer Symptome wie Ataxie, cerebraler Erblindung, Apathie oder weil sie den Kopf gegen die Boxenwand pressen. Ikterus, eine Verfärbung des Urins, Kolikanzeichen oder Seitenlage wurden ebenfalls beobachtet. Ist der Funktionsverlust bereits soweit fortgeschritten, dass es zu solchen Symptomen kommt, ist davon auszugehen, dass ein Großteil des Lebergewebes geschädigt ist. Die Erkrankung führt meist innerhalb weniger Tage zum Tode oder zur Euthanasie.
Neben den Fällen von Theiler`s Disease infolge einer Serumadministration sind auch solche bekannt, in denen Tiere erkrankten, obwohl sie keinerlei Blutprodukte erhalten hatten. Dabei handelt es sich entweder um Kontakttiere oder um spontane Fälle, die häufig im Spätsommer oder Herbst auftreten. Es liegt also nahe, eine infektiöse, durch Blut übertragene Ursache zu vermuten. Historie, Inkubationszeit und histopathologische Befunde erinnern sehr an das Hepatitis-B-Virus des Menschen. Doch es blieb jahrelang ein Rätsel, welcher Erreger hinter der Theiler`s Disease stecken könnte.

Die Entdeckung des Equinen Parvovirus
Von Thomas Divers und Kollegen an der Cornell University in Ithaca, USA, wurde ein bis dato unbekanntes Parvovirus bei einem Pferd nachgewiesen, das 65 Tage nach Behandlung mit Tetanus-Antitoxin an der Theiler’s Disease verstarb. Die Forscher konnten das Virus auch in der Charge des Tetanus-Antitoxins entdecken, welche der Patient erhalten hatte.
Um die Prävalenz des Equinen Parvovirus zu bestimmen, testeten Divers und Kollegen 100 Serumproben gesunder Pferde auf das Virus. Bei 13 dieser Tiere konnten sie das Virus direkt nachweisen. Diese Pferde sowie zwei weitere waren seropositiv. Bei den 13 virämischen Tieren fanden sich keine Anzeichen einer Lebererkrankung.
Mit dem kontaminierten Antitoxin infizierten die Forscher experimentell zwei weitere Pferde. Beide Tiere erkrankten an akuter Hepatitis. Damit konnten die Wissenschaftler nicht nur einen klaren Zusammenhang zwischen dem neuen Virus und der Erkrankung aufzeigen, sondern auch nachweisen, dass der Erreger über kommerzielles, hitzebehandeltes Antitoxin übertragen werden kann. Publiziert wurden die Ergebnisse Anfang 2018.
Das Team aus Ithaca hatte einige Jahre zuvor auch das Theiler`s Disease Associated Virus (TDAV) entdeckt, von dem sich aber in der Folge herausstellte, dass es nur sehr selten vorkommt. Nach der Entdeckung des Equinen Parvovirus nahmen sich die Forscher die alten TDAV-positiven Proben noch einmal vor und konnten tatsächlich sowohl in allen Serumproben als auch im Botulinum-Antitoxin auch das Equine Parvovirus nachweisen. Damit gehen sie davon aus, dass es sich um eine Koinfektion handelte und auch in den damals beschriebenen Fällen das Parvovirus der eigentliche Auslöser der Theiler`s Disease gewesen sein könnte.

Ein Verdacht erhärtet sich
Die Wissenschaftler aus Ithaca blieben am Ball und veröffentlichten zwei weitere Studien, in denen sie der Prävalenz des Equinen Parvovirus auf den Grund gingen. Sie untersuchten 18 Pferde, bei denen klinisch und pathologisch eine Serumhepatitis diagnostiziert wurde. Bei allen konnten sie das Equine Parvovirus nachweisen. Die Tests auf TDAV, das Equine Pegivirus und das Equine Hepacivirus waren hingegen nur in Ausnahmefällen positiv. Konnte das Blutprodukt getestet werden, das die Pferde vor ihrer Erkrankung erhalten hatten, war auch dieses mit dem Equinen Parvovirus kontaminiert.
Weiterhin untersuchte die Gruppe um Thomas Divers zehn Pferde, die an einer akuten Hepatitis erkrankten, ohne vorher Blutprodukte erhalten zu haben. Bei neun der Patienten wiesen sie das Equine Parvovirus nach. Sie testeten in der Folge insgesamt 37 Kontakttiere der erkrankten Pferde und wiesen bei über der Hälfte dieser Pferde ebenfalls das Equine Parvovirus nach. Auch bei den Kontakttieren gab es einen signifikanten Zusammenhang zwischen einer Parvovirus-Infektion und einer (subklinischen) Hepatitis.
Diese Ergebnisse sprechen sehr stark dafür, dass mit dem Equinen Parvovirus nun tatsächlich der wahre Verursacher der Theiler`s Disease und ein Auslöser subklinischer Hepatitiden gefunden ist. Untersuchungen zum Vorkommen des Equinen Parvovirus in Deutschland und Österreich werden zurzeit an der Vetmed­uni Vienna und der Ruhr-Universität Bochum durchgeführt. Im Rahmen dieser Studie wurde das Virus auch hierzulande bereits nachgewiesen. Viola Melchers 

Originalpublikationen:
Divers T et al. (2018): New Parvovirus Associated with Serum Hepatitis in Horses after Inoculation of Common Biological Product. Emerg Infect Dis 24: 303–310.
DOI 10.3201/eid2402.171031.

Tomlinson J et al. (2019a): Viral testing of 18 consecutive cases of equine serum hepatitis: A prospective study (2014–2018). J Vet Intern Med 33: 251–257.
DOI 10.1111/jvim.15368.

Tomlinson J et al. (2019b): Viral testing of 10 cases of Theiler`s disease and 37 in-contact horses in the absence of equine biologic product administration: A prospective study (2014–2018). J Vet Intern Med 33: 258–265.
DOI 10.1111/jvim.15362.