Journal Club | Kleintier 31.01.2016

Der Einfluss der Gesichtsform bei Hunden: Das brachycephale Syndrom

Das Brachycephalic Obstructive Airway Syndrome (BOAS) tritt nur bei Hunden auf, deren Schnauze weniger als die Hälfte der Kopflänge ausmacht. Je kürzer die Schnauze, desto größer das Risiko für die Erkrankung.

Reinrassige Hunde werden stark nach ästhetischen Kriterien selektiert, die von Rassestandards vorgeschrieben werden. Seit einigen Jahren nimmt die Popularität brachycephaler Hunderassen wie Mops oder Französische Bulldogge international zu. Die Brachycephalie ist eine das Skelett betreffende Mutation, die durch verändertes Wachstum der Schädelknochen zu einer Verkürzung der basicranialen Achse führt. Das Ziel der hier vorgestellten Studie war es, den Zusammenhang der brachycephalen Gesichtskonformation mit BOAS zu bestätigen und zu quantifizieren. Es wurde überprüft, ob extreme brachycephale Gesichtsformen mit einem höheren Risiko für BOAS einhergehen als eine moderat oder nur wenig kurzschnäuzige Gesichtsform. Das praktische Ziel war es, Daten zu liefern, anhand derer quantitative Empfehlungen möglich sind, um das BOAS-Risiko zu senken.

Das Brachycephalic Obstructive Airway Syndrome
BOAS ist ein Atemwegssyndrom, bei dem weiches Gewebe die Atemwege blockiert. Quantitative Studien zum Zusammenhang von Brachycephalie und BOAS fehlten bisher. Der Name des Syndroms beruht auf einigen in der internationalen Literatur beschriebenen Fallserien, bei denen brachycephale Rassen überrepräsentiert waren. Bei brachycephalen Rassen ist die Schnauze deutlich kürzer, die Weichteile in der Maulhöhle wie weicher Gaumen, Zunge und Mandeln sind jedoch nicht proportional kleiner ausgebildet. Die Gewebe blockieren daher Larynx und Nasopharynx und behindern über eine interne und externe Obstruktion der Nase deren thermoregulatorische Funktion. Innerhalb der Nase blockieren relativ zu groß ausgeprägte Nasenmuscheln den Luftstrom, extern ist der Nasenflügel bei vielen brachycephalen Hunden deformiert, was zu einer Verengung der Nasenlöcher führt. Diese primären Abnormalitäten können zu Schweratmigkeit führen. Ein Larynxkollaps ist die häufigste ernsthafte sekundäre Folge. Klinisch ist BOAS durch chronische Kurzatmigkeit und daraus folgende Probleme beim Laufen, Rennen und Spielen gekennzeichnet. Hunde mit BOAS neigen zum Überhitzen, Atemgeräusche wie Schnarchen und Schnorcheln sind verstärkt hörbar, ein niedriges Blut-Sauerstoff-Level kann zu Zusammenbrüchen führen. BOAS hat ernsthafte Konsequenzen für das Wohlbefinden der Tiere, denn jede Form von Stress, Anstrengung oder Aufregung kann eine ernsthafte Atemnot zur Folge haben.

Studienpopulation und Durchführung 
In Studie 1 wurden Gesichtsform und klinischer Status von Hunden jeder Rasse betrachtet, die in eine veterinärmedizinische Klinik kamen – gleich, wegen welcher Erkrankung (N = 700). Um zu klären, ob wirklich die Gesichtsform und nicht irgendein anderer Aspekt wie genetischer Hintergrund oder Lebensstil mit BOAS zusammenhängen, wurde in einer zweiten Studie eine andere Population aus ausschließlich brachycephalen Hunden untersucht (N = 154). In der Studie wurden Maße verwendet, die Züchter und Besitzer mit einem einfachen Maßband selbst ermitteln können. Vermessen wurden Schnauzenlänge, Kopflänge, Kopfbreite, Augenbreite, Halslänge, Halsumfang, Brustumfang, Brustbreite, Körperlänge, Körperhöhe am Widerrist und am Schwanzansatz, Umfang der Vordergliedmaße und Hintergliedmaße. Der Grad an Brachycephalie wurde durch die CFR (craniofacial ratio) erfasst: die Schnauzenlänge geteilt durch die Kopflänge. Außerdem wurde das Vorhandensein einer nasalen Falte überprüft. Darüber hinaus wurden Körpergewicht und Body Condition Score ermittelt sowie die skeletale Gesamtgröße und die Breite des Hundekörpers errechnet. Eine Untersuchung der oberen Atemwege in Vollnarkose war bei den meisten Hunden nicht möglich, BOAS wurde daher mithilfe eines Fragebogens für die Besitzer und einer klinischen Untersuchung diagnostiziert.

Ergebnisse 
In Studie 1 waren 70 von 700 Hunden von BOAS betroffen. Sie gehörten 12 verschiedenen Rassen an. Der Anteil erkrankter Hunde fiel mit steigender Schnauzenlänge steil ab. Über 80 % der Hunde mit einer CFR < 0,1 waren betroffen, aber kein Hund mit einem CFR von 0,5 oder mehr. Auch ein großer Halsumfang war signifikant mit einem höheren BOAS-Risiko assoziiert. Als die drei Rassen mit dem größten Erkrankungsrisiko wurden Mops, Französische Bulldogge und Bulldogge identifiziert. In Studie 2 litten 59 von 154 Patienten am BOAS. Auch in dieser Population ließen kleine CFRs und größere Halsumfänge das BOAS-Risiko signifikant steigen. Außerdem stieg das Risiko auch bei übergewichtigen oder kastrierten Tieren.

Diskussion 
Die Studie zeigt zum ersten Mal, dass eine stärker ausgeprägte Brachycephalie tatsächlich mit einem höheren Risiko für BOAS einhergeht. Es mag daneben andere Einflussfaktoren geben und die Empfänglichkeit für BOAS variiert zwischen den Rassen. Dennoch ist es nach Ansicht der Autoren sehr wahrscheinlich, dass eine Zucht weg von extremer Brachycephalie das BOAS-Risiko generell senken würde. Allerdings würde selbst das Ziel, BOAS um 50 % zu reduzieren, bedeuten, auf die Zucht von Rassen wie der Französischen Bulldogge mit einer durchschnittlichen CFR von 0,2 zu verzichten. Alternative Maßnahmen, um die Situation zu verbessern, wären die Selektion von Hunden mit moderater Morphologie, ein Gesundheitsscreening extrem brachycephaler Hunde, die Entwicklung genetischer Tests sowie das Einkreuzen rassefremder Tiere bei Rassen, bei denen es nicht ausreichend Individuen mit moderater Gesichtsform gibt. Bei der Zucht von Haustieren sollte deren Gesundheit stets eines der wichtigsten Kriterien sein.

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Packer RMA, Hendricks A, Tivers MS, Burn CC (2015): Impact of facial conformation on canine health: Brachycephalic Obstructive Airway Syndrome. PLoS ONE 10(10): e0137496. doi: 10.1371/ journal.pone.0137496.