Intoxikation | Therapie 16.10.2017

Der zerbissene Kühlakku

Bei Vergiftungen kommt es auf ein schnelles Handeln an. Im Falle von Ethylenglykol kann der anfängliche Rausch zu einer lebensbedrohlichen Azidose führen.

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Assistenztierärztin Agnes Rosewick erhielt im Notdienst den Anruf einer besorgten Besitzerin: Ihr Hund hatte einen Kühlakku aufgebissen und möglicherweise Inhalt verschluckt. Der Kühlakku war etwa 15 Jahre alt und mit keinerlei Informationen über seinen Inhalt bedruckt. Rosewicks Recherchen ergaben: Ältere Kühlpads und -akkus enthalten häufig das Frostschutzmittel Ethylenglykol, einen hochgiftigen Alkohol. Aufgrund des süßlichen Geschmacks wird die Substanz gerne von Kleintieren aufgenommen.

Der Hund bekam Apomorphin, erbrach sich nach einer halben Stunde und zeigte keine weiteren Symptome. Die Besitzerin wünschte keine weitere Therapie und nahm den Hund entgegen dem Rat der Tierärztin mit nach Hause. Rosewick jedoch fragte sich, wie sie eine Ethylenglykol-Intoxikation hätte frühzeitig erkennen und therapieren können. Sie wandte sich an Melanie Hamann, die Expertin für Pharmakologie und Toxikologie im fachforum kleintiere.

Eine Ethylenglykol-Vergiftung erkennen
Wie im Fall des zerbissenen Kühlakkus ist bei Vergiftungen häufig unklar, ob und wieviel eines potenziell giftigen Stoffs aufgenommen wurde und ob ein Tier überhaupt gefährdet ist. Ethylenglykol wird über den Magen-Darm-Trakt relativ schnell resorbiert. Die höchsten Plasmakonzentrationen sind eine bis sechs Stunden nach Exposition zu messen. Doch Veränderungen des Blutbildes, wie sie in der Literatur beschrieben sind, sind teilweise erst Tage später zu sehen – zur Diagnostik eines frühen Falls eignen sie sich daher nicht.

Wird ein Tier kurz nach der Aufnahme von Ethylenglykol vorgestellt, befindet es sich in der ersten Phase der Intoxikation. Melanie Hamann erklärt, dass es bei Hund und Katze in dieser Phase durch Reizung der Schleimhaut zu Erbrechen kommt sowie zu einem rauschähnlichen Zustand mit Ataxie und ZNS-Symptomen. Diese ersten Symptome treten häufig bereits 30 Minuten nach Giftaufnahme auf und dauern bis zu zwölf Stunden an. Im Verdachtsfall rät die Expertin daher – idealerweise unter sofortiger Einleitung der unten genannten Therapiemaßnahmen – zu intensivem Beobachten des Patienten. Treten keine „Betrunkenheitssymptome“ auf, ist die Aufnahme größerer Mengen des Frostschutzmittels eher unwahrscheinlich und es kann davon ausgegangen werden, dass die Intoxikation gerade bei rechtzeitiger Einleitung der Therapie nicht in die weiteren, lebensbedrohlichen Phasen eintritt.

Die drei Phasen der Intoxikation
Auf das Erbrechen und die ZNS-Symptome in Phase 1, die durch das Ethylenglykol selbst ausgelöst wird und mit einem Alkoholrausch vergleichbar ist, folgt nach etwa drei Stunden der Übergang in Phase 2 der Vergiftung. Nun wandelt die Alkoholdehydrogenase (ADH) das Ethylenglykol in toxische Metaboliten um, z. B. Ameisensäure und Glyoxalsäure. Diese führen zu einer lebensbedrohlichen Azidose mit Auswirkungen auf Atmung und Herzfunktion. Phase 3 tritt bei der Katze bereits nach 12–24 Stunden, beim Hund 36–72 Stunden nach Ethylenglykolaufnahme ein. Es kommt zu einem Nierenversagen, weil bereits sechs Stunden nach Gift-Exposition die Bildung von Kalziumoxalat-Kristallen in der Niere und deren Ablagerung in den Tubuli einsetzt. Auch Krämpfe sind infolge der Neurotoxizität der Metabolite möglich.

Therapie bei Frostschutzmittel-Aufnahme
Initial sollte eine Magenspülung zur Dekontamination vorgenommen werden, obwohl sie häufig bereits zu spät kommt. Sie ist wegen der Schleimhautreizung durch Ethylenglykol der Induktion von Erbrechen vorzuziehen. Aktivkohle ist ungeeignet, weil sie keine Glykole bindet. Um Phase 2 und 3 zu verhindern, sollte rasch – bei Katzen auf jeden Fall innerhalb von drei Stunden, beim Hund innerhalb von drei bis fünf Stunden nach Gift­exposition – eine Ethanol- oder Fomepizol-Therapie eingeleitet werden. Durch kompetitive Hemmung der ADH können so der Abbau von Ethylenglykol zu toxischen Metaboliten und darüber die Entstehung einer lebensbedrohlichen Azidose und eines Nierenversagens verhindert werden. Fomepizol (4-Methylpyrazol) hemmt die ADH über einen nicht-kompetitiven Mechanismus und soll weniger Nebenwirkungen haben als Ethanol. Bei Katzen muss das Fomepizol für eine erfolgreiche Therapie allerdings wesentlich höher dosiert werden als beim Hund, da die feline ADH eine geringere enzymatische Konzentration bzw. Kapazität in der Leber hat als die des Hundes. Durch die hohe Dosierung sind daher bei der Katze ggf. eher Unverträglichkeitsreaktionen zu erwarten als beim Hund.
Eine forcierte Diurese, um Ethylenglykol noch vor der Verstoffwechselung auszuscheiden, sollte nur unter sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abschätzung im initialen Anfangsstadium vorgenommen werden. Ist die Vergiftung bereits im Übergang in die Phase 2, könnten Diurese-induzierte Elektrolytverschiebungen die durch Azidose gestörte Herzfunktion ggf. noch verschlimmern. Ratsamer wären begleitende Infusionen zur Volumenversorgung und Kontrolle der einsetzenden Azidose (Bikarbonat). 

Fomepzil in welcher Dosierung?
Hund
20 mg/kg KG i. v. initial als Bolus, dann 15 mg/kg KG i. v. zwölf Stunden und 24 Stunden nach der Initialdosis, dann 5 mg/kg KG i. v. 36 Stunden nach der Initialdosis. Bei Bedarf weitere Verabreichungen im Abstand von zwölf Stunden (Thrall et al. 2013).
Katze
125 mg/kg KG i. v. initial, dann 31,25 mg/kg KG zwölf, 24 und 36 Stunden nach der Initialdosis. Bei Bedarf weitere Verabreichungen im Abstand von zwölf Stunden (Hassdenteufel et al. 2016, Tart und Powell 2011, Thrall et al. 2013).

Text: Viola Melchers