Journal Club | Pferd 24.03.2016

Die Ursache für die atypische Weidemyopathie ist gefunden – was nun?

Die atypische Weidemyopathie (AM) tritt vor allem im Herbst, aber auch im Frühling auf. Von Herbst 2006 bis Januar 2015 wurden 1600 Fälle in Europa von der Atypical Myopathy Alert Group ausgewertet.

Die Aufnahme des Toxins Hypoglycin A aus dem Samen oder Keimlingen von Bergahorn (Acer pseudoplatanus) ist verantwortlich für die Entstehung einer AM. Das Toxin blockiert durch die Methylencyclopropyl-Essigsäure (MCPA) den Fettsäuremetabolismus. Dadurch kommt es zu einem Acetyl-Co-A-Defizit, sodass die Pferde keine Fette als Energiequellen mehr verstoffwechseln können. Dies betrifft vor allem die Typ-1-Muskelzellen der Haltungs-, Atmungs- und Herzmuskulatur.

Intoxikation im Herbst
Die bisher untersuchten Fälle traten vor allem auf feuchten, kahlen Weiden mit einem bestimmten Baum- und Strauchbestand auf. Obwohl Pferde sehr selektive Graser sind, scheinen sie im Herbst bei wenig Futterangebot die Flügelfrüchte des Bergahorn bzw. von anderen Bäumen wie Haselnuss, Esche, Pappel und Buche aufzunehmen. Ob nur die Frucht für die Intoxikation verantwortlich ist, ist noch nicht geklärt. Es wird vermutet, dass das Toxin möglicherweise auch abgegeben wird und die Umgebung kontaminiert.

Intoxikation im Frühling
AM-Fälle treten im Frühjahr meistens auf Weiden auf, auf denen im Herbst schon Ausbrüche waren. Wahrscheinlich nehmen die Pferde mit den Keimlingen das Hypoglycin A auf. Es wird vermutet, dass die Konzentration des Giftes in den Keimlingen noch größer ist als in den Flügelfrüchten. Die Aufnahme und das Vorhandensein des Toxins im Blut sind noch nicht zwingend mit einer klinischen Erkrankung verbunden. Es scheint einen Resistenzmechanismus zu geben, der aber noch nicht weiter erforscht ist. Außerdem scheint es eine Latenzzeit von ca. vier Tagen zu geben, in der die Tiere das Gift kontinuierlich aufnehmen müssen.

Diagnose und Prognose
Bei der atypischen Weidemyoglobinurie handelt es sich um eine perakut verlaufende Erkrankung. Die betroffenen Pferde zeigen Symptome wie Myoglobinurie, Muskelschwäche und -steifheit, Depression, Festliegen, Schwitzen, Muskeltremor, zyanotisch gestaute Schleimhäute und Dyspnoe. In den letzten Jahren wurden zusätzlich Herznebengeräusche, Schlundverstopfungen und Dysphagie beobachtet. Die Prognose für festliegende Pferde, die schwitzen, nicht mehr fressen, Dyspnoe und Tachykardie zeigen, gilt als schlecht bis infaust. Die Muskelenzyme sind für die Abschätzung der Prognose wenig hilfreich. Der Serum-Acylcarnithinwert hat sich jedoch als wertvoll für die Einschätzung der Prognose erwiesen. Der Parameter ist bisher jedoch nicht in europäischen Laboratorien validiert und somit noch nicht verfügbar.

Behandlung und ProphylaxeObwohl der Erkrankungsgrund gefunden ist, bleibt die Behandlung rein symptomatisch. Dabei wird die Gabe von Vitaminen, Antioxidanzien und Schmerzmitteln empfohlen. Der SäureBasen-Haushalt sollte ausgeglichen und Elektrolytimbalancen korrigiert werden. Da die Pferde nicht in der Lage sind, Lipide als Energiequelle zu verwerten, sollten Glukoseinfusionen verabreicht werden. Um eine Erkrankung zu verhindern, sollten die Pferde möglichst nicht auf Weiden gehalten werden, auf denen die Samen von Bergahorn liegen oder im Frühjahr die Keimlinge wachsen. Dabei sollte auch darauf geachtet werden, dass eine Kontamination durch Samen, nicht durch entfernt stehende Bäume erfolgt. Nach bisherigem Kenntnisstand muss angenommen werden, dass Hypoglycin A auch über das Wasser aufgenommen werden kann. Den Pferden sollte also möglichst Trinkwasser aus sauberen Eimern zur Verfügung stehen. Sollten die Weiden dennoch im Herbst benutzt werden, dürfen die Tiere maximal sechs Stunden pro Tag darauf verbringen.

Ausblick
Hypoglycin A ist die Ursache der atypischen Weidemyopathie. Weitere Untersuchungen sind jedoch erforderlich, um ein risikobasiertes Präventionsprogramm zu erstellen. Dringende Fragen sind unter anderem, wann die Konzentration des Giftes am höchsten ist und ob das Toxin auch von den Flügelfrüchten oder Keimlingen in die Umgebung abgegeben werden kann, sodass Gräser und Wasser verseucht werden. Weitere Forschung ist auch notwendig, um äußere Faktoren wie das Wetter und geografische Einflüsse wie Feuchtigkeit, Senken und Täler auf den Weiden als Risikofaktoren abzuklären. Welche dieser Faktoren triggern Ausbrüche? Warum kommt es nach einem Sturm zu gehäuftem Auftreten von AM? Ein anderes Forschungsgebiet sind die Patienten selbst. Bei Weidepartnern von erkrankten Pferden wurde das Toxin im Blut in höherer Konzentration nachgewiesen als bei den erkrankten Tieren selbst. Was für protektive Faktoren spielen hier eine Rolle? Ziel ist es, mithilfe der gesammelten Daten ein Präventionsprogramm zu erarbeiten. Zu diesem Zweck werden weiterhin Informationen zur atypischen Weidemyopathie auf der Webseite www.myopathie-atypique.be gesammelt.

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Voiton DM (2015): The cause of atypical myopathy has been discovered – what should we do now? Pferdeheilkd 31(6): 571–577.