vor Ort | Tierschutz 09.10.2017

Diese Arbeit verdient Respekt

Das Berliner Projekt "Hundedoc" ist nichts für Sozialromantiker mit Helfersyndrom.

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Foto: Karin Lason

Von Sinnen tritt der blonde junge Mann gegen die verschlossene Metalltür der KuB Sozialstation unweit des Berliner Bahnhofs Zoo und wirft brüllend einen Pflasterstein gegen den nächsten Verteilerkasten: Die KuB hat kurzfristig für eine Woche dicht gemacht – just wegen wiederholter massiver Zerstörungen in der Einrichtung.

„Die Verrohung der Menschen ist derzeit eine deutliche Entwicklung in unserer Gesellschaft“, sagt Jeanette Klemmt in ihrem zur Kleintierkompaktpraxis umgebauten Rettungswagen eine Woche später. Vor nunmehr knapp 18 Jahren hat sie das Projekt „HundeDoc: Tierärztliche Versorgung an Berliner Brennpunkten“ ins Leben gerufen.
Im umgebauten Krankenwagen gibt es tiermedizinische Grundversorgung. Impfen, auch kastrieren und sich prophylaktisch um die Zähne kümmern, damit die Besitzer später nicht vor hohen Kosten stehen. Dauermedikation und Spezialuntersuchungen müssen Frau Klemmts Klienten übrigens – wenn irgendwie möglich – aus eigener Tasche bezahlen. Manchen Kollegen überzeugt Klemmt, trotz Spezialisierung und hohem Niveau, dafür nur den einfachen Satz der GOT zu nehmen. Finanziert wird das Projekt und ihre halbe Stelle über Stiftungsgelder und private Spenden, ob Großspenden durch einen Fernsehjournalisten oder die monatlichen fünf Euro von Georg aus Friedrichshain. Etwas Puffer gibt es, seit sich eine Stiftung engagiert, in deren Stiftungszweck Jugend und Tierschutz geschrieben steht. „Da passten wir hinein wie´n Schwein auf´s Sofa!“, sagt die Tierärztin erleichtert.

Against all odds
Viele ihrer Patientenbesitzer haben mittlerweile extreme psychosoziale Probleme, es fehlen grundsätzliche Werte. Ein Großteil der jungen Leute ist drogenabhängig, einige bereits in zweiter Generation. Die Straßenkinder, oft Punks, saßen früher mit ihren Hunden in Gruppen auf zentralen Plätzen. Mit der Verdrängung dieser Randgruppe aus dem öffentlichen Raum sind die Hilfebedürftigen nur noch sehr schwer zu finden – ebenso wie ihre Hunde.

Kikki hat´s geschafft. Seit über zehn Jahren ist sie Klientin bei Jenny Klemmt, von der sie, wie sie selbst sagt, mehr mitbekam, als die bloße tierärztliche Versorgung ihrer Tiere. Mit 17 war die damals extrem schüchterne junge Frau mit schwerem emotionalen Gepäck nach Berlin gekommen. Mit einem Abiwissen-Biologie-Buch in der einen Hand kommt sie heute in die Sprechstunde. Zweiter Bildungsweg. Danach will sie Veterinärmedizin studieren, oder Mathe und Chemie auf Lehramt! Unter Freunden muss Kikki ihren Fleiß oft verteidigen und bekommt zu hören: „Lern´ nich´ so viel, sonst kriegste ´nen Overkill!“ Doch: Sie ficht das nicht mehr an.

Authentisch mit Berliner Herz und Schnauze
Es bellt in der Jackentasche. Manchmal rufen Hartz-IV-Empfänger bei Jeanette Klemmt an und bitten um Hilfe für das neu angeschaffte Tier. Denen erteilt sie barsch eine Absage mit Ansage: „Das Leben ist kein Ponyhof! Wer ein Tier halten will, muss sich um es kümmern können.“ Das gilt zwar auch für ihre Patientenbesitzer, nur haben die wirklich gar nichts mehr. Um an die Straßenkinder ranzukommen, gehört zum Konzept ein „Trick“: Wer zu Tierärztin Jenny möchte, muss sich vorher über die Sozialarbeiter anmelden; das soll gewährleisten, dass sich die jungen Leute ihre Hilfe auch abholen.

Frustmomente
Im Laufe der nun bereits 17 Jahre und schon gleich von Anfang an wurden Tierärztin Klemmt immer wieder Steine in den Weg gelegt. Ausnahmeregelungen, für egal was, gab es nicht. Da half auch nicht die Bundesverdienstmedaille, die sie für ihre Arbeit erhielt. Falls aufgrund eines Fahrverbots für Diesel in Innenstädten nochmal ein neues Auto angeschafft werden müsste und sie noch immer keine Ausnahmeregelung erhielte, müsste Plan B her. Vielleicht eine halbe Stelle im öffentlichen Veterinärwesen. Andererseits wollte sie nie etwas anderes, als praktisch tierärztlich tätig zu sein: „Nach so vielen Jahren selbstständigen Arbeitens plötzlich als Assistent in einer anderen Praxis angestellt zu sein, fiele mir sehr schwer, auch wenn ich weiß, dass es derzeit vielen anderen Kollegen so ergeht. Am liebsten will ich hier bleiben und das Projekt weiterentwickeln!“

Gegenseitiger Respekt
Jeanette Klemmt erklärt gerne ausführlich. Nebenbei lernt so der Jugendliche mit seinem übergewichtigen Hund nicht nur Nützliches über Tierfütterung, sondern auch für seine eigene Ernährung. Dem Nächsten wird, im Zusammenhang mit einer eventuell nötigen Kastration seines Rüden, die Funktion der Hirnanhangsdrüse erklärt. Dabei scheut die Tierärztin nicht, medizinische Fachbegriffe zu verwenden, die sie – je nach Reaktion – näher erläutert. „Behandle die Menschen so, als wären sie, was sie sein sollten, und Du hilfst ihnen zu werden, was sie sein können.“ Das Zitat stammt im Original von Johann Wolfgang von Goethe. Als Leitsatz von Tierärztin Klemmt hängt es gut sichtbar an der Wand.

Der nächste Klient steigt ins HundeDocMobil und obwohl der Patient kein unkastrierter Kater ist, wabert mit einem Mal ein penetranter Puma-Geruch durch den engen, geschlossenen Krankenwagen. „Zum Teil sind die Patientenbesitzer furchtbar eklig!“ so Frau Klemmt, „Aber: Es ist für mich absolut klar, nie auf jemanden einzutreten, der schon am Boden liegt! Das Wichtigste ist: Respekt zeigen und haben und nicht überheblich werden. Das passiert leider vielen Kollegen. Aber damit erreicht man nichts und kann so auch den Tieren nicht mehr helfen.“

Im Projekt werden übrigens nicht nur Hunde vorgestellt. Snoopy hat zwar seit Kurzem einen Platz im Wohnheim, ihre Ratte allerdings noch keine Behausung. Frau Klemmt rät der Punkerin, die Connection der Sozialarbeiter zum Tierheim zu nutzen. „Da gibt es auch mal den einen oder anderen Käfig“. Verantwortung für sich und das Tier zu übernehmen, das lernen die jungen Leute bei Frau Klemmt. Und dabei – nicht minder wichtig – zu vertrauen und Hilfe anzunehmen. Auch das ist Tierschutz. Text: Karin Lason

Sie wollen sich ebenfalls engagieren? Ihre Erfahrungen gibt Jeanette Klemmt gerne weiter. Weitere Informationen bekommen Sie hier.

Sie führen ebenfalls eine besonderee Praxis, die wir in unserer vor-Ort-Reportage vorstellen sollen? Dann kontaktieren Sie uns gerne, vielleicht kommen wir vorbei! Kontakt: lason@schluetersche.de