ITIS | Analgesie Katze 23.10.2017

Unzureichende Analgesie muss heute nicht mehr sein!

Lange Zeit wurde die perioperative Analgesie bei der Katze eher stiefmütterlich behandelt. Die Situation hat sich in den letzten Jahren durch diverse Neuzulassungen sehr verbessert.

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Einen aktuellen Überblick zu Schmerzerkennung und perioperativer Schmerztherapie bei der Katze hat Prof. Dr. Michaele Alef auf den Kölner Thementagen der Deutschen Veterinärmedizischen Gesellschaft 2017 gegeben. Auf der Homepage der Initiative tiermedizinische Schmerztherapie (ITIS) erklärt sie, wie Schmerzen bei Katzen beurteilt werden können und stellt die relevanten Wirkstoffe für die perioperative Therapie vor.

Im perioperativen Zeitraum werden häufig verschiedene Schmerzmittel kombiniert. Dies hängt zum einen mit deren unterschiedlichen Wirkungen zusammen und zum anderen damit, dass während und nach der Operation unterschiedliche

  • Schmerzarten (OP: stechend, post OP: meist eher dumpf)
  • Schmerzintensitäten (OP: stark, post OP: schwächer)
  • und Mechanismen der Schmerzentstehung (OP: Nozizeption, post OP: zusätzlicher Entzündungsschmerz)

auftreten. Was manchem als „analgetischer Overkill“ erscheint, ist häufig sinnvoll und notwendig.

Die Situation für die Katze hat sich in den letzten Jahren durch die Zulassung diverser Opioide und die Ausweitung der vorhandenen nicht-steroidalen Analgetika/Antiphlogistika sehr verbessert. Eine unzureichende Schmerzausschaltung muss heute nicht mehr sein. Allerdings bestehen nach wie vor mehr Probleme als beim Hund.

Opioide als Grundlage der analgetischen Therapie

Die Verwendung von Opioiden ist einer der großen Fortschritte in der Katzen-Medizin. Sie bilden intraoperativ die analgetische Grundlage und können, wenn erforderlich, postoperativ weitergeführt werden. Dabei ist die unmittelbar post-operative Phase (12 h) von entscheidender Bedeutung: eine gute Analgesie in dieser Zeit verhindert oder reduziert später entstehende Schmerzen.

Dabei muss das Nebenwirkungsrisiko beachtet werden: Unter Opioiden können Katzen eine Hyperthermie entwickeln. Eine Differenzierung zu Fieber als möglichem Hinweis auf eine Wundheilungsstörung ist oft nicht einfach. Eine Opioid-bedingte Mydriasis ist möglich und sollte beim Management des Tieres berücksichtigt werden. Einige Katzen wirken nach Opioiden dysphorisch.

Kurze Wirkung: Butorphanol

Der Agonist/Antagonist Butorphanol (0,1-0,5 mg/kg KM i.v., i.m., s.c.) hat zwar nur einen schwachen bis mittelstarken analgetischen Effekt, kann jedoch aufgrund seiner nur geringen atemdepressiven Wirkung gut mit etablierten Anästhesieprotokollen, z.B. auf Ketamin-Basis, kombiniert werden, um deren analgetischen Effekt zu optimieren. Je nach Kombination sind so auch schmerzhaftere Eingriffe möglich. Butorphanol (kein Betäubungsmittel) kann auch postoperativ weitergeführt werden, hat jedoch eine relativ kurze Wirkung (1-2-4 h). Es muss also oft injiziert werden.

Lange Wirkung, später Wirkeintritt: Buprenorphin

Der partielle Agonist Buprenorphin (BtM) bindet an µ-Rezeptoren, hat jedoch eine geringere maximale Wirkung als ein Vollagonist. Auch Buprenorphin (5-20 µg/kg KM i.v, i.m, buccal!) ist eher für schwache bis mittelstarke Schmerzen geeignet. In Kombination gilt Analoges wie für Butorphanol, allerdings wirkt Buprenorphin atemdepressiv, sodass die Kombination mit atemdepressiven Medikamenten/Protokollen nicht unproblematisch ist. Aufgrund seiner langen Wirkung (6-8 h) ist es sehr gut für die postoperative Schmerztherapie geeignet. Bei der Nutzung schon zur OP muss beachtet werden, dass der Wirkeintritt erst 30-45 min nach Injektion erfolgt. Der µ-Rezeptoragonist Methadon (BtM) hat die stärkste analgetische Wirkung, sodass er bei Operationen mit großer Schmerzhaftigkeit Mittel der Wahl ist (0,1-0,5 mg/kg KM i.v., i.m., s.c.). Sein atemdepressiver Effekt muss beachtet werden. Auch Methadon kann postoperativ bei Bedarf weitergeführt werden, wirkt jedoch mit 4-6 h etwas kürzer als Buprenorphin. l-Methadon ist analog einsetzbar (0,1-0,25 mg/kg KM), für die Katze jedoch nicht zugelassen.

Ketamin: Auch postoperativ eine Option

Das in Deutschland traditionell zur Katzenanästhesie genutzte, in anderen Ländern lange umstrittene Ketamin (NMDA-Rezeptor-Agonist, evtl. opioide Wirkungen) gilt heute auch in niedrigen Dosen als exzellentes Analgetikum. Es kann deswegen nicht nur intraoperativ in herkömmlicher Weise genutzt werden, sondern auch zur postoperativen Analgesie oder bei Traumapatienten (0,1-1 mg/kg KM i.m., 0,5-1 mg/kg/h als Dauertropfinfusion). In diesen niedrigen Dosierungen ist keine Kombination mit relaxierenden Stoffen nötig.

Komplettiert wird die analgetische Palette durch die alpha2-Agonisten, die vor allem viszeral analgetisch wirken bzw. deren potenzierender Effekt intra- und auch postoperativ im Rahmen der Schmerztherapie genutzt werden kann. CAVE: Auch für die Nebenwirkungen gibt es einen potenzierenden Effekt!

Gerne auch beides: Lokalanästhesie als Ergänzung zur Allgemeinanästhesie

Auch wenn eine Allgemeinanästhesie notwendig ist, macht eine Kombination mit einer Lokal-/Regionalanästhesie Sinn. Sie verhindert eine Weiterleitung der Reize an das Zentralnervensystem. Positive Effekte sind eine mögliche Reduzierung der notwendigen Anästhesietiefe, eine fehlende Sensibilisierung des ZNS und damit eine Reduktion der weiteren Schmerzen. Gerade die Leitungsanästhesien am Kopf bieten sich bei der Katze an.

Lokalanästhetika werden von Katzen allerdings schlechter vertragen als von Hunden. Hohe Dosen müssen wegen dem Risiko von Herz-Kreislauf-Nebenwirkungen vermieden werden. So wird die beim Hund propagierte intravenöse Lidocain-Gabe für die Katze aufgrund ihrer kardiovaskulären Nebenwirkungen nicht empfohlen.

NSAIDs und Metapyrin

Bestehen keine Kontraindikationen (z.B. schlechte Kreislaufsituation, Magen-Darm-Erkrankung, Niereninsuffizienz) wird schon präoperativ ein klassisches NSAID appliziert. Bei Zahn-/stomatologischen Patienten sollte das schon bei der Diagnosestellung geschehen. So wird die postanästhetische Schmerztherapie rechtzeitig begonnen und etwaige schon intraoperativ vorhandene Effekte werden genutzt.

Zu beachten ist, dass NSAIDs bei der Katze wegen ihrer Nebenwirkungspotenz oft nur für den OP-Tag selbst oder als Anschlussmedikation für einige wenige Tage zugelassen werden (Meloxicam + 4 Tage, Robenacoxib + 2 Tage; siehe Gebrauchsinformation).

Metapyrin gilt heute als sehr potentes Analgetikum, ihm fehlt allerdings eine entzündungshemmende Wirkung. Es kann dann eingesetzt werden, wenn klassische NSAIDs kontraindiziert sind oder auch ihn Kombination mit diesen. 20-30(-50) mg/kg werden zwei- dreimal täglich bzw. nach Bedarf zur perioperativen Schmerztherapie, bei abdominalen oder muskeloskeletalen Schmerzen appliziert. Benzylalkoholfreie Präparate werden auch von der Katze gut toleriert.

Last, not least

Eine angenehme stressfreie Umgebung und ein entsprechender Umgang mit der Katze, aber auch Maßnahmen wie Käfigruhe, Verbandsbehandlung unter anderes sind integrale Bestandteile der Schmerztherapie. Prof. Dr. Michaele Alef

Initiative tiermedizinische Schmerztherapie

ITIS ist ein Fachgremium, besetzt mit führenden Spezialisten für veterinärmedizinische Schmerztherapie. Die Experten rund um die Professorinnen Michaele Alef, Sabine Kästner, Heidrun Potschka und Sabine Tacke sowie Dr. Julia Tünsmeyer setzen sich für ein optimales Schmerzmanagement bei Haus- und Nutztieren ein. Zurzeit wird ITIS unterstützt von den Sponsoren Boehringer Ingelheim, CP-Pharma, Elanco, Merial, Royal Canin, Vétoquinol, WDT Wirtschaftsgenossenschaft deutscher Tierärzte eG  und Zoetis. Die Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG ist ein Partner der ITIS.