Lokalanästhesie | Schmerz 11.04.2019

Einsatz von lokalanästhetischer Salbe vor intravenöser Katheterisierung

Eine britische Forschergruppe hat den Einsatz einer Lidocain und Prilocain enthaltenden Salbe (EMLA-Creme) zur Reduktion von Abwehrbewegungen von Hunden während des Legens von intravenösen Kathetern untersucht.

Hintergrund und Ziel der Studie
Aus der Humanmedizin und Studien an Labortieren (Hund, Katze, Kaninchen) ist bekannt, dass der Einsatz von EMLA-Creme vor intravenöser Katheterisierung die Hautsensibilität verringern kann. Untersuchungen an klinischen Patienten lagen für den Hund bisher nicht vor. Der Hersteller gibt an, dass die lokalanästhetische Creme 60 Minuten einwirken muss, um effektiv zu wirken. Einzelne Erfahrungsberichte deuten aber darauf hin, dass eine Einwirkzeit von 30 Minuten ausreichend sein kann, um die Hautsensibilität zu reduzieren.
Ziel der Studie war es, zu erforschen, ob die Applikation von EMLA-Salbe 30 oder 60 Minuten vor dem Legen eines intravenösen Katheters Abwehrreaktionen von klinischen, kaninen Patienten vermindert.

Was wurde untersucht?
Es wurde eine prospektive, randomisierte, Placebo-kontrollierte klinische Studie mit geblindetem Untersucher durchgeführt. Insgesamt nahmen 202 Hunde an der Studie teil. Diese wurden in vier Behandlungsgruppen eingeteilt: EMLA 30, EMLA 60, Placebo 30 und Placebo 60. Jeweils 1,5 g der Creme wurden über 10 cm2 geschorener Haut aufgetragen, mit einer Folie abgedeckt und konnten dann 30 oder 60 Minuten einwirken. Nach dieser Zeit wurde die Salbe entfernt und die Haut mit Chlorhexidin für die Katheterisierung vorbereitet.
Die Katheter wurden von klinischem Personal gelegt, dieses wurde hinsichtlich seiner Erfahrung in drei Gruppen (unerfahren, moderate Erfahrung, sehr erfahren) eingeteilt. Die Abwehrreaktionen wurden anhand einer einfachen numerischen Skala evaluiert. Die Zeit bis zur erfolgreichen Katheterisierung und die Anzahl der benötigte Versuche wurden notiert.

Weniger Abwehrreaktionen in der Gruppe EMLA 60
Der Großteil der Patienten reagierte nicht auf das Legen eines intravenösen Katheters. Auch in den Placebogruppen zeigten 49 und 61 Prozent der Tiere keine Abwehrreaktionen. Bei paarweisem Gruppenvergleich trat ein statistisch niedrigerer Verhaltensscore in der Gruppe EMLA 60 im Vergleich zu den Gruppen EMLA 30 und Placebo 60 auf. Es konnten keine Gruppenunterschiede hinsichtlich der Zeit bis zur erfolgreichen Katheterisierung und der Anzahl der benötigten Versuche festgestellt werden. Allerdings waren die benötigte Zeit und die benötigten Versuche zwischen Personen, die unerfahren waren, und den anderen beiden Personengruppen signifikant unterschiedlich.
Die Autoren schlussfolgern, dass die Anwendung von EMLA-Salbe über 60 Minuten Anzahl und Stärke von Abwehrreaktionen auf das Legen eines intravenösen Katheters reduzieren kann. Eine Einwirkzeit von 30 Minuten war nicht ausreichend, um diesen Effekt zu erzielen. Die Forscher empfehlen die Anwendung von EMLA-Creme besonders dann, wenn unerfahrene Personen die intravenöse Katheterisierung vornehmen. Alexandra Schütter 

Ist EMLA-Creme vor der intravenösen Katheterisierung klinisch praktikabel und sinnvoll?
ITIS: Die Studienergebnisse scheinen auf den ersten Blick vielversprechend zu sein und auf die Möglichkeit einer stressfreieren venösen Katheterisierung hinzuweisen. Allerdings bleibt die Praktikabilität für den täglichen klinischen Einsatz fraglich, da eine Einwirkzeit von 60 Minuten in vielen Fällen eine deutliche Verzögerung von Behandlungen bedeuten kann. Weiterhin bleibt zu diskutieren, wie stark der klinische Nutzen der lokalanästhetischen Salbe für den Routinepatienten wirklich ist, da 50 Prozent und mehr der Patienten in allen Behandlungsgruppen keine Reaktion auf das Legen des intravenösen Katheters zeigten, die Belastung der Tiere durch das Legen eines intravenösen Katheters also generell eher gering zu sein scheint.
Wie alle Arzneimittel kann auch EMLA-Creme zu unerwünschten Wirkungen führen. Eine potenziell fatale Nebenwirkung ist die Methämo­globin-Bildung, die besonders bei Katzen auftreten kann. Bei Hautdefekten (Abschürfungen, Brandwunden) sowie sehr kleinen Tieren und Welpen ist zudem die Gefahr einer Überdosierung der Lokalanästhetika gegeben.
In ausgewählten Fällen kann EMLA-Creme, wie von den Autoren beschrieben, bei einer im Katheterlegen unerfahrenen Person oder bei besonders sensiblen Tieren (Jungtieren) und besorgten Besitzern hilfreich sein.

ITIS – Initiative tiermedizinische Schmerztherapie
ITIS ist ein Fachgremium, besetzt mit führenden Spezialisten für veterinärmedizinische Schmerztherapie. Die Experten um die Professorinnen Dr. Michaele Alef, Dr. Sabine Kästner, Dr. Heidrun Potschka und Dr. Sabine Tacke sowie Dr. Julia Tünsmeyer setzen sich für ein optimales Schmerzmanagement bei Haus- und Nutztieren ein. Die Arbeit der ITIS wird von Sponsoren begleitet und ermöglicht. Derzeit wird die ITIS unterstützt von Boehringer Ingelheim, CP-Pharma, Elanco, Vétoquinol, Zoetis und der WDT. Aktuelle Fachinformationen rund um die Schmerztherapie finden Sie auf der Homepage.