Der Praktische Tierarzt 31.03.2019

Entspricht die buiatrische Ausbildung den Anforderungen der modernen Rinderpraxis? Teil 1: Einschätzung der Situation durch Fachvertreter an den tierärztlichen Bildungsstätten

Does buiatric education meet the needs of the modern bovine practice? Part 1: Assessment of the situation by university professors for cattle diseases.

Zusammenfassung
Nicht nur in Deutschland wird seit Jahren diskutiert, ob das Ausbildungsziel einer omnikompetenten Tierärztin* angesichts des enormen Wissenszuwachses auf allen Gebieten und der gestiegenen Anforderungen heutzutage noch realistisch ist. Dabei stellt sich die Frage, ob nicht eine Spezialisierung bereits während des Studiums (Tracking-System) den Anforderungen der Praxis eher entsprechen würde. Dies gilt insbesondere auch für den Bereich der Nutztierpraxis. In persönlichen strukturierten Interviews mit 18 Fachvertretern° aus allen fünf deutschen und aus acht ausländischen tierärztlichen Bildungsstätten (Österreich, Schweiz, Frankreich, Italien, Niederlande, Großbritannien, USA) sowie mit einem Standesvertreter wurde ein Meinungsbild erstellt. Gegenstand der Befragung war die Situation der buiatrischen Ausbildung an den jeweiligen Bildungsstätten, die persönliche Einschätzung der Befragten des möglichen Reformbedarfs zur Verbesserung von Ersttagskompetenzen und der zukünftigen Bedeutung der Rinderpraxis. Die meisten der befragten Professoren halten das derzeitige Tiermedizinstudium für dringend reformbedürftig, wobei die Meinung vorherrscht, dass man zukünftig um eine Spezialisierung bereits während des Studiums nicht umhinkommen werde. Das in der deutschen Approbationsordnung vorgegebene Ausbildungsziel einer omnikompetenten Tierärztin gilt demzufolge als unrealistisch. Eine profunde klinische Ausbildung am Einzeltier halten die meisten der Befragten auch zukünftig für unabdingbar. Daneben sollten im Lehrplan aber auch Themen wie Herdenmanagement, Fütterung, Haltungssysteme und Agrarökonomie stärker berücksichtigt werden. Eine verpflichtende postgraduale Fort- und Weiterbildung wird als wichtig eingestuft, doch entspricht den meisten deutschen Fachvertretern zufolge die gegenwärtige nationale Fachtierarztausbildung nicht den Anforderungen der Praxis. Die europäische Ausbildung zum Diplomate im ECBHM sieht die Mehrzahl als rein akademische Weiterbildung und die Vorteile für die Praxis als gering an. Im Hinblick auf die zukünftige Bedeutung der Rinderpraxis gehen die meisten Fachvertreter davon aus, dass ihr Stellenwert etwa erhalten bleiben wird, wobei die Entwicklung sehr wesentlich von der Positionierung des Berufsstandes und damit nicht zuletzt von der Kompetenz der hier tätigen Tierärztinnen abhängig sein wird.

* Um den Lesefluss nicht zu beeinträchtigen wird im Folgenden für Angehörige des Berufsstandes Tiermedizin ausschließlich die weibliche Form verwendet. Sie bezieht sich auf Personen aller Geschlechter.
° Für andere Berufsgruppen wird ausschließlich die männliche Form verwendet. Sie bezieht sich dennoch auf Personen aller Geschlechter.

Schlüsselwörter
Tierärztliche Ausbildung, Anfangskompetenzen, Spezialisierung, Befragung

Summary
For decades not only German veterinarians have been discussing modernization of veterinary education. Is releasing an omnicompetent veterinarian out of university still contemporary? Rising expectations of society as well as modernization of agriculture suggest reconsidering the approach to veterinary training. Will tracking programs or obligate post graduate training meet future expectations, especially in the farm animal sector? These issues were considered by conducting personal structured interviews with 18 representatives of all five German veterinary faculties as well as eight foreign faculties (Austria, Switzerland, Great-Britain, Italy, Netherland, France and the US). Additionally, the head of a German veterinary federation was interviewed. The goal of the survey was on the one hand to get an idea of the buiatric education at the different faculties. On the other hand, personal evaluation of today’s education and the relevance of farm animal practice took place. Also we collected ideas for improvement of the under- and postgraduate curriculum, under specific consideration of first-day-competencies. Most stake-holders agreed that veterinary studies performed today are not up to date any more. To meet future requirements, the curriculum must be restructured. The majority would prefer specialisation in form of tracking during undergraduate studies. The goal of an omnicompetent veterinary graduate is therefore considered to be unrealistic. Today’s studies mostly concentrate on single animal diagnostic and therapy. All stakeholder belief this to stay important. Although herd health management, dairy-feeding and -housing as well as economics must gain significance. Post graduate education is also classified important. German stakeholders though criticize the regulations of advanced training to become a “dairy specialist” in Germany to be mostly inapplicably in practice. According to the majority the European specialization (ECBHM) is mostly academical. Benefits for practical work are low. Therefore, further training in terms of seminars and attending congresses are favored. The future relevance of bovine practice is thought to stay constant. Although the development fundamentally depends on the presentation of the profession and therefore also on skills and knowledge of new graduates.

Keywords
veterinary curriculum, first day competences, tracking, interviews

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