Journal Club | Kleintier 28.04.2016

FHV-1-Infektion der Katze: Lysin ist wirkungslos

Dieses Review belegt, dass Lysin bei der Katze weder zur Prävention noch zur Behandlung der felinen Herpesvirus-1 (FHV-1)-Infektion geeignet ist, und fordert ein sofortiges Ende der Supplementierung.

FHV-1 ist ein hochansteckendes Agens mit großer Verbreitung in der Katzenpopulation. Die Infektion präsentiert sich mit grippeähnlicher Symptomatik und Schleimhautreizungen. Zwar erholt sich der Patient in der Regel ohne medikamentöse Behandlung, ein Tierarztbesuch empfiehlt sich aber in jedem Fall. Eine beliebte Maßnahme bei FHV-1-Infektionen ist offenbar die orale Supplementierung von Lysin – nach einer Umfrage der Autoren bei 23 Kleintierpraxen in Nordamerika, Australien und Großbritannien wurde sie von bis zu 90 % der Kleintierpraktiker empfohlen (Anmerkung: auch im deutschsprachigen Raum ist diese Maßnahme durchaus verbreitet). In diesem Review wurde die vorhandene wissenschaftliche Evidenz mittels einer systematischen Literaturauswertung auf den Prüfstand gestellt.

Methoden 
Die Datenbank PubMed des NCBI wurde nach Publikationen zu Lysin und FHV-1 sowie Lysin und dem humanen Herpesvirus 1 (HHV-1) durchsucht. Es wurden sieben Publikationen zu Lysin und FHV-1 (zwei In-vitro-Studien und fünf In-vivo-Studien) und zehn Publikationen zu Lysin und HHV-1 (drei In-vitro-Studien und sieben In-vivo-Studien) in die qualitative Analyse aufgenommen. Für die In-vitro-Studien wurden Daten über die verwendeten Zellkulturen, die Zahl der Viruspartikel pro Zelle bei der Infektion (multiplicity of infection, MOI), die Vitalität der Zellen, die Kultivierungsdauer und die verwendeten Arginin- und Lysinkonzentrationen im Kulturmedium (soweit verfügbar) ausgewertet. Zielgröße der Auswertung waren Replikationsunterschiede von FHV-1 oder HHV-1 bei unterschiedlichen Lysinkonzentrationen. Für die klinischen Studien wurden Daten zum Studiendesign, der Größe des Studienkollektivs, der Studiendauer, der Menge und Frequenz der Lysinsupplementierung sowie die Plasmakonzentrationen von Arginin und Lysin (soweit verfügbar) ausgewertet. Als Maß für den Behandlungseffekt wurden in den Katzenstudien Unterschiede in der Ansteckungshäufigkeit, Virusausscheidung, Häufigkeit und Schwere der klinischen Symptome und Genesungszeit, in den Studien am Menschen die Rezidivhäufigkeit, die Schwere der Symptome und die Genesungszeit im Vergleich zwischen Lysinsupplementierung und Placebo beurteilt.

Ergebnisse 
Umfassende Daten auf verschiedenen Ebenen belegen eindeutig, dass Lysin bei der Katze weder zur Vorbeugung noch zur Therapie der FHV-1-Infektion irgendeinen Nutzen hat. Lysin hat keinerlei antivirale Eigenschaften, es wird aber behauptet, dass es indirekt über eine Absenkung des Argininspiegels in der Zelle wirken soll. In der Tat ist es jedoch so, dass Lysin bei der Katze gar nicht als Arginin-Antagonist wirkt: Auch sehr hohe Dosen von Lysin führen nicht zu einer Absenkung des PlasmaArginins. Des Weiteren fehlen Belege dafür, dass ein niedriger intrazellulärer Argininspiegel die Virusreplikation hemmen könnte. Die Experimente, auf denen diese Behauptung beruhte, wurden seinerzeit mit immortalisierten Zellkulturlinien durchgeführt, deren Stoffwechsel sich von dem einer Körperzelle in wesentlichen Punkten unterscheidet. In primären Zellkulturen, die dem Zustand im Körper deutlich ähnlicher sind, konnte die Replikationshemmung nie bestätigt werden. Außerdem muss betont werden, dass eine Absenkung des Argininspiegels bei der Katze gar nicht wünschenswert wäre. Da diese Tierart die Aminosäure nicht selbst synthetisieren kann, würde Argininmangel in einer lebensbedrohlichen Hyperammonämie resultieren. Fütterungsversuche in den 1970er Jahren haben dies eindrücklich nachgewiesen. Vor allem aber belegen mehrere klinische Studien die völlige Wirkungslosigkeit der Supplementierung im präventiven und therapeutischen Kontext. Für die Humanstudien ist zu sagen, dass sich die auf den ersten Blick inkongruenten Ergebnisse der verschiedenen Publikationen bei näherer Betrachtung der Studiendesigns aufklären. Eine vermeintliche Wirksamkeit von Lysin wurde nur in Studien mit erheblichen methodischen Schwächen „nachgewiesen“ – also Studien ohne Kontrollgruppe, unverblindete Studien (d. h. Inkaufnahme von subjektiven Verzerrungen), Fragebögen als einzige Datenquelle usw. Methodisch hochwertige Studien hingegen erbrachten keinen Wirksamkeitsnachweis. Die Autoren weisen darauf hin, dass eine Lysinsupplementierung aufgrund fehlender klinischer Evidenz nicht in die einschlägigen Leitlinien zur HHV-1-Behandlung beim Menschen aufgenommen wurde. Nicht anders stellt sich die Situation bei der Katze dar. Auch hier blieben die methodisch sauberen Studien den Nachweis einer präventiven oder therapeutischen Wirkung von Lysin schuldig. Einige Studien berichten sogar über höhere Ansteckungsraten und schwerere Verläufe bei Katzen, die mit Lysin supplementiert wurden.

Schlussfolgerung
Die Autoren resümieren (a) den fehlenden klinischen Wirksamkeitsnachweis, (b) die fehlende Inhibition der Virusreplikation durch Lysin in vitro, (c) den nicht vorhandenen Antagonismus Lysin/Arginin bei der Katze, (d) den fehlenden Nachweis, dass ein niedriger Argininspiegel sich überhaupt auf die Virusreplikation auswirken würde, (e) die bei Argininmangel drohenden Mangelerscheinungen und (f) die fehlende Wirksamkeit von Lysin gegen HHV-1 bei Menschen. Ergo: Die Lysinsupplementierung sollte der Vergangenheit angehören.

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Bol S, Bunnik EM (2015): Lysine supplementation is not effective for the prevention or treatment of feline herpesvirus 1 infection in cats: a systematic review. BMC Vet Res 11: 284.