Toxikologie | Gefährdung 29.08.2017

Fipronil: eine aktuelle Einschätzung

Seit das Insektizid in belgischen Eiern entdeckt wurde, ist die Verunsicherung groß. Auch Tierbesitzer sind besorgt. Pharmakologe Wolfgang Bäumer über Risiken des Kontaktgifts.

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Welche pharmakologischen Eigenschaften hat der Wirkstoff Fipronil?
Fipronil ist ein Kontaktgift, das als Monotherapie oder in Kombination mit anderen Ektoparasitika zur Behandlung von Floh- und Zeckenbefall bei Hund und Katze eingesetzt wird. Die insektizide Wirkung entsteht durch die Blockade von GABA-gesteuerten Chloridkanälen. Die Bindungsaffinität von Fipronil zu GABA-gesteuerten Chloridkanälen ist beim Säugetier erheblich geringer als bei Insekten, daher gilt Fipronil für Tier und Anwender als relativ sicher – sofern Vorsichtsmaßnahmen berücksichtigt werden.

Wie bedenklich ist Fipronil nach Ihrer Einschätzung?
Die Anwendung von Fipronil ist bei lebensmittelliefernden Tieren nicht erlaubt, daher hat es in unseren Lebensmitteln nichts verloren – egal in welcher Konzentration. Fipronil wird aber auch als Pflanzenschutzmittel eingesetzt.
Vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BFR) gibt es eine Risikoabschätzung zum Fipronilgehalt in Lebensmitteln tierischer Herkunft. Hiernach ist eine akute Gesundheitsgefährdung selbst bei Kindern eher unwahrscheinlich. Die höchsten Mengen an Fipronil, die in belgischen Eiern gefunden worden sind, lagen bei 1,2 mg/kg Ei. Die akute Referenzdosis für Fipronil liegt bei 9 µg/kg oder 0,009 mg/kg. Zu dieser Dosis wird dann noch ein Sicherheitsfaktor von 100 eingerechnet, um mögliche Speziesunterschiede zu berücksichtigen. Ein Worst-Case-Szenario wäre also ein 10 kg schweres Kleinkind, das ein hochkontaminiertes Ei (1,2 mg/kg) isst: Das Kind darf maximal 0,09 mg Fipronil aufnehmen. Ein Ei wiegt 70 g, d. h., dass das Kind dann 0,084 mg Fipronil aufnehmen würde (gesetzt den Fall, Fipronil wird zu 100 % resorbiert). Das wäre dann immer noch knapp unter der akuten Referenzdosis. Allerdings liegt die akzeptable Tagesdosis laut europäischer Pestizid-Datenbank erheblich niedriger. Dies verdeutlicht, dass Fipronil im Hühnerei wahrscheinlich keine akute Gefahr darstellt, aber trotzdem ganz sicher nichts im Ei verloren hat.

Hund und Katze werden mit Fipronil behandelt. Können daraus gesundheitliche Probleme entstehen?
Hierzu gibt es eine recht aktuelle Arbeit, die toxikologische Daten sowie Informationen, die über die mögliche Aufnahme von Fipronil beim Menschen existieren, zusammenfasst (Cochran et al. 2015). Es gibt mehrere Untersuchungen an Hunden und Katzen, wie viel Fipronil über die Hand aufgenommen wird, wenn die Tiere direkt nach Auftragen des Arzneimittels gestreichelt werden. Je nach Studie liegt die Gesamtmenge am ersten Tag der lokalen Applikation bei etwa 0,5 bis 2,5 % der aufgetragenen Menge. Die Menge nimmt dann kontinuierlich ab. Die Aufnahme über die Haut ist mit 1 % jedoch ziemlich gering. Eine „sekundäre“ Exposition (z. B. über Haare, Schuppen) wird als vernachlässigbar angesehen. Es wurde auch eine Abschätzung zu einer möglichen chronischen Belastung durchgeführt. Da die Halbwertzeit von Fipronil beim Menschen je nach Studie bei max. 55 Stunden liegt, wird nicht davon ausgegangen, dass es zu einer Akkumulation von Fipronil im Körper kommt. Die Autoren der Studie kommen daher zu dem Schluss, dass nach derzeitigem Kenntnisstand das Risiko für den Verbraucher durch die monatliche Applikation von Fipronil als gering anzusehen ist.

Wie sieht es bei Kindern aus, die behandelte Tiere anfassen?
Kinder sind natürlich besonders gefährdet, da bei ihnen noch die Gefahr hinzukommt, dass sie den Hund streicheln und dann ihre Hand ablecken (zusätzliche orale Exposition). Diese Risiken sind, soweit das möglich ist, in der oben erwähnten Studie mit kalkuliert worden. Die Hersteller tragen dem ja auch Rechnung mit den Sicherheitshinweisen auf den Präparaten. Werden diese eingehalten, ist das Risiko auch für Kinder nach derzeitiger Kenntnislage als gering anzusehen. 
Lisa-Marie Petersen