Bissprävention | Kinder 09.01.2018

Für weniger Hundebisse

Mit der Lernsoftware Der Blaue Hund sollen Kinder lernen, das Verhalten und auch Warnsignale von Hunden richtig zu interpretieren.

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Foto: Blue Dog Trust / DVG

"Was denkst Du über diesen Hund?", fragte Psychologin Kerstin Meints ihren kleinen Sohn und zeigte ihm ein Foto. „Der lacht laut!“, antwortete das damals vierjährige Kind, „ich möchte hingehen und ihn fest umarmen.“ Der Hund auf dem Bild hatte das Maul geöffnet, fixierte sein Gegenüber und zeigte die Zähne – er drohte aggressiv und angriffsbereit.

„Kinder verstehen die Signale nicht“, erläutert Meints auf dem Kongress der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft (DVG) in Berlin, wo sie von dieser Unterhaltung erzählte. Sie forscht an der Universität Lincoln in Großbritannien unter anderem zu Mensch-Tier-Interaktion und Hundebiss-Prävention. In einer Longitudinalstudie testete die Professorin, wie gut Kindergartenkinder und ihre Eltern anhand von Fotos bzw. Videos die Signale von Hunden interpretieren können: Die Fehlerrate bei subtileren Stress-Signalen wie Nase-Lecken oder Gähnen lag sogar bei den Erwachsenen bei fast 70 Prozent, bei den Kindern deutlich höher. Hundehalter schneiden nicht besser ab als Leute ohne Haustier.
Dabei machen vor allem kleine Kinder häufig den verhängnisvollen Fehler, aggressive Signale als „fröhlich“ zu deuten. Die gute Nachricht: Menschen sind lernfähig. Nach Meints‘ Training können 74–100 Prozent der Erwachsenen Gesichtsausdrücke und Körperhaltung der Hunde richtig einordnen. Auch Kinder lernen das und erzielen umso bessere Ergebnisse, je älter sie sind.

Der Blaue Hund ist eine Lern-Software für Kinder zwischen drei und sechs Jahren. Entwickelt wurde das Programm vor zehn Jahren in Belgien durch ein europäisches und interdisziplinäres Team aus Tier- und Kinderärzten, Ethologen, Psychologen, Pädagogen und Künstlern. Kinder erleben im Spiel 15 Alltagsszenen mit dem Familienhund, in denen es bei falschem Verhalten zu einem Biss kommen könnte wie „Kann ich mal probieren, was der Hund da frisst?“ oder „Was tue ich, wenn wir beide dasselbe Spielzeug haben möchten?“. Hund „Blue“ reagiert mit einem Knurren oder belohnt sicheres Verhalten mit einer kleinen, lustigen Geschichte. Für die Eltern gibt es ein ausführliches Begleitheft.

Weitere Infos und Links zum Thema:

  • Mit Unterstützung der DVG auch eine App entstanden: in App- und Play Store zu finden unter „The Blue Dog“
  • Tapsi komm ist eine Broschüre des Schweizer Bundesamts für Lebensmittel­sicherheit und Veterinärwesen, die Kindern ab vier Jahren in lustigen Bildern erklärt, wie sie sich gegenüber einem Hund verhalten sollten-
  • Beißt der? ist ein evaluiertes Schulprojekt, in erster Linie für die zweite Klasse. Das Projekt baut auf angloamerikanischen „Prevent-a-bite“-Programmen auf und wurde von Hildegard Jung modifiziert.

Textauszug aus dem Blickpunkt "So viele Missverständnisse" von Viola Melchers aus der aktuellen Ausgabe von Der Praktische Tierarzt.