bpt Kongress | Berufspolitik 28.10.2019

Gehört die Zukunft den Klinikketten?

Praxis neu denken – unter diesem Motto diskutierte auf dem bpt-Kongress 2019 ein internationales Panel aus Tierärzten in Praxis und Industrie. Das Hauptthema: Corporates.

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Digitalisierung und High-Tech-Medizin, Generationswechsel und Strukturwandel – die gewaltigen Umbrüche, mit denen sich die Branche in den letzten Jahren konfrontiert sah, werden unser Berufsbild verändern.

Feindbild oder Zukunftsvision
Die Herausforderungen sind zahlreich, doch die Diskussion auf dem bpt-Kongress konzentriert sich schnell vor allem auf ein Thema: Praxisketten. Sind sie „der Feind“, wie Tierarzt und Blogger Ralph Rückert provokativ formuliert? Praxisorientiertes Investment hat seiner Meinung nach in der Medizin nichts zu suchen. Rückert fürchtet für die Zukunft eine Monopolbildung der Klinikketten. Von seiner Ulmer Praxis kann er im Umkreis von 100 km nur an Kliniken überweisen, die zu AniCura gehören.
Alejandro Bernal, Mars/AniCura, sieht diese Gefahr naturgemäß nicht und beruft sich auf die steigende Nachfrage der Tierbesitzer nach hochqualitativer Versorgung. Diese Entwicklung sieht auch Joachim Hasenmaier, Vorstandsmitglied bei Boehringer-Ingelheim. Er hält für die Zukunft eine Differenzierung in kleine Praxen für die Grundversorgung und, ggf. an Ketten gebundene, hochspezialisierte Kliniken für möglich.
Bernal sagt, Tierarztketten seien letztlich Folge des Strukturwandels in der Tiermedizin und eine Antwort auf das ungelöste Problem der Suche von Klinikbesitzern nach Nachfolgern. Das bestätigt der ehemalige AVMA-Präsident John de Jong: Er verkaufte die eigene Praxis an eine Kette, nachdem sich der Tierarzt-Nachwuchs uninteressiert zeigte. Immer mehr Kollegen arbeiten lieber als Angestellte, in Amerika sind viele zudem hoch verschuldet.

Einzelpraxen wird es weiter geben
Die Gefahr, dass Einzelpraxen komplett durch Ketten ersetzt werden, sehen die Diskutanten nicht. Kurt Frühwirt, Präsident der Tierärztekammer des Gastlands Österreich, erinnert daran, dass sich die Ketten nach wie vor nur in einem kleinen Bereich der Tiermedizin bewegen und sich zudem nur dort engagieren, wo es etwas zu verdienen gibt – der öffentliche Auftrag bleibt dabei außen vor. Christophe Buhot, ehemaliger FVE-Präsident, und bpt-Präsident Siegfried Moder ermutigen kleine Praxen, sich zu vernetzen und neue Techniken zu nutzen, um den „Großen“ auch in Zukunft etwas entgegenzusetzen. (VM)