Journal Club 01.09.2010

Gesundheitliche Vor– und Nachteile der Kastration von weiblichen und männlichen Tieren bei Hunden und Katzen

Kastration: Die Kastration bewirkt durch den Verlust von Keimzellen und Sexualhormonen eine Unterbrechung des Reproduktionsvermögens. Bei beiden Tierspezies ergeben sich durch die Kastration aber auch Veränderungen im Stoffwechsel mit Auswirkung auf die Inzidenz von Erkrankungen, sowie auf das Verhalten der Tiere und ihr äußeres Erscheinungsbild.

Auswirkung der Kastration auf den Reproduktionstrakt bei weiblichen Tieren: Bei beiden Tierspezies bewirkt die Kastration eine Unterdrückung von Tumoren an den Ovarien sowie Sexualhormon-abhängigen Erkrankungen wie Metropathien. Nachteilig wirkt sich der Wegfall der Sexualhormone auf die Enwicklung von Entzündungen an Vulva und Vagina bei Hündinnen aus, speziell dann, wenn bereits im Welpenalter kastriert wurde. Bei Katzen scheint dies jedoch ohne klinische Konsequenz zu sein. Mammatumoren (MT): Sie zählen zu den häufigsten Tumoren bei Hündinnen, davon sind 20–50 % bösartig.

Bei einer frühen Kastration vor Erreichen der zweiten Läufigkeit wird das Risiko von Hündinnen einen bösartigen MT zu erleiden um 92–95,5 % gesenkt. Ein Einfluss der Kastration auf die Überlebensrate bei Hündinnen mit MT ist nicht nachgewiesen. Bei Katzen stehen die MT an dritter Stelle der Tumor-Häufigkeit, davon sind über 85 % maligne. Eine frühzeitige Kastration bis zu einem Jahr senkt das Erkrankungsrisiko um bis zu 89 %, danach fällt der protektive Effekt steil ab: bei Kastration nach dem ersten bis zum Ende des zweiten Lebensjahres bis auf 11 %, nach zwei Jahren gegen Null.

Auswirkung auf den Reproduktionstrakt bei männlichen Tieren: Beim Rüden verhindert die bilaterale Orchiektomie Erkrankungen von Hoden und Nebenhoden sowie Androgen-abhängige Erkrankungen wie benigne Prostatahyperplasie oder Prostatitis. Dagegen scheint die Rate an Prostatatumoren, die zwar insgesamt selten, aber sehr bösartig sind, durch die Kastration um den Faktor 2,84 (insbes. Sheltie, Schottenterrier, Beagle, Englischer Springerspaniel, Deutsch Kurzhaar und West-Highland- Terrier sowie Mischlingsrüden) zu steigen. Beim Kater sind Tumoren und Erkrankungen der Gonaden und der Prostata sehr selten.

Ableitende Harnwege: Harninkontinenz ist bei intakten Hündinnen sehr selten, kommt dagegen bei kastrierten Hündinnen zu 3–21 % der Fälle vor. Das Risiko wird vom Gewicht, Zeitpunkt der Kastration (am niedrigsten bei Kastration kurz vor der ersten Läufigkeit!) und Rasse (Boxer, Dobermann, Bobtail, Riesenschnauzer, Rottweiler) bestimmt. Bei Katzen ist Harninkontinenz nach Kastration kein Thema. Die Häufigkeit von Harnwegserkrankungen im Zusammenhang mit der Kastration wird in der Literatur unterschiedlich diskutiert.

Fettstoffwechsel, Pankreas, Schilddrüse: Der Einfluss der Kastration auf die Entwicklung der Obesitas wird überwiegend als gering eingestuft und ist nach übereinstimmender Meinung durch Fütterungsverhalten, Rasse und/ oder Aktivität bestimmt. Dagegen ist das Risiko von Diabetes und Pankreatitis nach Kastration bei Rüden erhöht. Bei Hündinnen wird die Kastration zur simultanen Behandlung des Diabetes genutzt (Progesteron=Antagonist zum Insulin). Bezüglich des Auftretens von Hypothyreose nach Kastration gibt es zwar Berichte, aber keine Beweise. Bei Katzen gilt die Kastration dagegen als eindeutiger Risikofaktor für Obesitas. Kastrierte Kater erkranken 2–9-mal häufiger an Diabetes, als intakte Tiere. Verminderte Insulinsensitivität und erhöhte Leptinkonzentration in Korrelation mit der Insulinresistenz bei fetten Tieren werden als ursächlich angesehen.

Bewegungsapparat: Durch präpubertäre Kastration wird bei beiden Tierspezies der Schluss der Wachstumsfugen verzögert und das Knochenwachstum verlängert, beim Hund jedoch weniger ausgeprägt als bei der Katze, wo ein dysproportionierter Hochwuchs entsteht. Das Risiko für HD (beim Boxer um Faktor 1,5) und Kreuzbandriss (50 % aller kastrierten Hunde) ist nach Kastration erhöht.

Tumorerkrankungen: Das Risiko an einem Osteosarkom (zweifaches Risiko), Tumore des Herzens (rasseabhängig, Hündin vierfaches, Rüde 1,6-faches Risiko), Hämangiosarkome, Übergangsepithel-Karzinome (Schottenterrier 18-faches Risiko) Perianaladenome zu erkranken, ist für kastrierte Hunde höher als bei intakten Tieren. Bei Katzen gibt es keine Berichte über gehäufte Tumor-Inzidenz nach der Kastration.

Infektionserkrankungen und Erkrankungen des Immunsystems: Bei Hunden fehlen valide Studien über den Zusammenhang von Infektionskrankheiten mit der Kastration. Bei kastrierten Welpen sollen Infektionskrankheiten häufiger auftreten als bei später kastrierten Tieren (Howe et al., 2001). Bei Katzen werden Erkrankungen mit dem felinen Immunschwächevirus (FIV) bzw. dem felinen Leukämievirus (FeLV) und der felinen infektiösen Peritonitis (FIP) indirekt seltener bei kastrierten Tieren übertragen, da die Kastration die Aggressivität beim Deckverhalten und das Territorialverhalten günstig beeinflusst.

Kognitive Fähigkeiten und Verhalten: Bei Hunden scheint die altersbedingte Abnahme kognitiver Fähigkeiten durch die Kastration beschleunigt. Bei Katzen werden Aggressionsverhalten, Anhänglichkeit gegenüber dem Menschen und Markierverhalten durch die Kastration günstig beeinflusst. Das Markieren von Urin wird am meisten durch einen frühen Kastrationstermin im Welpenalter reduziert.

(Quelle: Reichler IM (2010): Pros and cons of gonadectomy in female and male cats, Schweiz Arch Tierheilkd 152 (6): 273-278; Pros and cons of gonadectomy on health condition in female and male dogs, Schweiz Arch Tierheilkd 152 (6): 267–272.)

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