Massentierhaltung | Legehenne 13.03.2019

Hühner mit Verfallsdatum?

Für ein Leben nach der Intensivproduktion wurden Legehennen nicht vorgesehen: Norbert Kummerfeld über traurige therapeutische Grenzen auf dem Gnadenhof. Ein Interview.

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Foto: Norbert Kummerfeld

Es hört sich technisch-eiskalt an: Legehennen sind auf die Produktion von Eiern während ihrer ersten eineinhalb Lebensjahre hin optimiert. Bereits im zweiten Lebensjahr treten bei ihnen schwere Erkrankungen auf, obgleich ihr gepflegtes Federkleid nun durch die Klimareize im Freiland gutes Wohlbefinden suggeriert. Sohlenballengeschwüre mit aufsteigenden Infektionen und Schichteiperitonitis/Salpingitis stehen einer hohen Lebenserwartung im Wege, so Norbert Kummerfeld, der in der Klinik der TiHo bereits viele solcher Fälle gesehen hat und Tierärzte und TFAs hierzu sensibilisieren will:

Weshalb diese schweren Erkrankungen?
Kummerfeld: Die auftretenden Pathologien haben mehrere Gründe. Sie werden im Zusammenspiel von züchterisch gewollten Veranlagungen zu Stoffwechselhöchstleistungen (300 Eier pro Jahr statt um die 100 bei Omas Hofhühnern oder 8–10 bei der natürlichen Stammform Gallus gallus) und weiteren belastenden, weil nicht hühnergerechten Haltungsbedingungen mit gleichförmigen Licht-, Temperatur- und Futterspektren bei gleichzeitig geringer Mobilität verursacht. In der Regel liegen diese Probleme als chronische Krankheitsverläufe nach sekundärer (und zusätzlicher infektiöser) Pathogenese vor.
Wie kommt es zur Schichteibildung und woran erkennt man das?
Kummerfeld: Die Pathogenese der Schichteibildung, die man so nur bei Höchstleistungslegehennen gegen oder nach Ende der mehrmonatigen Legetätigkeit findet, ist im Detail nicht systematisch untersucht. Im Eileiter und Legedarm können sehr kompakte, häufig sterile, meist schichtartig aufgebaute, eiförmige Zubildungen entstehen und/oder sich im Eingeweidebauchfellsack amorphe Entzündungsmassen von teils erheblichem Umfang entwickeln. Diese Bilder sehen den Prozessen nach einer granulozytären Demarkation als typische chronische Entzündungsreaktion der Vögel sehr ähnlich, das könnte auf eine aufsteigende Legedarmentzündung zurückgehen.
Es wird als Ursache jedoch auch eine Fehlfunktion des Salpinx diskutiert, der eine Eibildung ohne Follikel nur mit Eiklaranlagerungen versucht. Die massiven Umfangsvermehrungen in der Peritonealhöhle werden möglicherweise auch von Follikeln induziert , die in die Bauchhöhle abgleiten. Die betroffenen Hühner leiden unter einem stark umfangsvermehrten (derben oder durch Aszites fluktuierenden) Abdomen. Manche Hennen entwickeln zusätzlich eine Atemnot, weil diese umfangreichen peritonealen Prozesse die Luftsäcke komprimieren. Das Kloakengefieder kann mit Sekret verklebt und beschmutzt sein, die betroffenen Tiere bewegen sich ungern. Akut dramatisch entwickelt sich diese Situation, wenn es aufgrund des Tenesmus durch die abdominalen Fremdkörper zum Vorfall der Kloake oder des Legedarms kommt.

Und die Sohlenballengeschwüre?
Kummerfeld: Die Pododermatitiden zeigen sich als Krankheitsbilder der Fußballen mit unterschiedlich tiefen Ulzerationen und Nekrosezonen, die man jedoch nicht nur bei diesen Legehennen, sondern bei vielen Vogelarten unter nicht mehr artgerechten Haltungsbedingungen (aber nicht bei Wildvögeln) finden kann. Diese Prozesse am Ballen beginnen mit einem zunächst harmlos erscheinenden Dekubitus oder einer kaum sichtbaren Mikroscarifizierung, die sich mit der Zeit und insbesondere nach Eindringen von Schmutzkeimen/Eitererregern hochgradig entwickeln. Möglicherweise werden diese zunächst unscheinbaren Verletzungen bei Übernahme der abgelegten Hennen auf dem Gnadenhof nicht sofort erkannt und die Keime können sich – zunächst unerkannt – im Ballengewebe infiltrativ ausbreiten.

Welche therapeutischen Möglichkeiten gibt es und ab wann ist die Prognose infaust?
Kummerfeld: Die therapeutischen Optionen für solche Hennen können nicht die geschilderten eigentlichen Ursachen der manchmal dramatischen und komplexen Situationen im Sinne einer Heilung abstellen, sondern nur symptomatisch die klinisch pathologischen Folgen mildern.
In den Fällen der Schichteibildungen und Eiperitonitiden ist therapeutisch bei deutlichen Störungen des Allgemeinbefindens ein operativer Eingriff in Form einer Hysterektomie, gegebenenfalls mit zusätzlicher Ausräumung der Entzündungsmassen aus der Bauchhöhle, unumgänglich. Dies kann sich zu einer komplizierten Operation ausweiten, da häufig die Dünndarmschlingen in die Entzündungsmassen eingebaut sind und unversehrt herausgeschält werden müssen.
Die therapeutischen Optionen bei den Sohlenballengeschwüren sind abhängig vom Umfang der nekrotischen Alterationen vielfältiger und ziehen sich oft über einen längeren Zeitraum hin. Bei akuten Prozessen muss zunächst die bakterielle Entzündung antibiotisch auf Grundlage eines „Resistenztestes“ gründlich behandelt werden. Erst danach lässt sich der verhärtete Nekrosepfropf mit Erfolg in toto exstirpieren, die bakteriell besiedelten Nischen und Kammern zwischen den Beugesehnen sind auszuspülen und die Wunde abschließend mit einer stabilen Naht zu schließen. Mit einem feuchtigkeitsresistenten stabilen Polsterverband, der die OP-Zone zentral entlastet, wird der Wundbereich abgedeckt, sodass das Huhn möglichst nicht im Bewegungsablauf sowie seiner Aktivität eingeschränkt ist (mehr Bewegung –> mehr Durchblutung –> bessere Heilung). Dieser Verband ist regelmäßig zu kontrollieren und zu wechseln.
Die längerfristigen Prognosen sowohl für die Eiperitonitis als auch für die Pododermatitis sind vorsichtig abhängig vom jeweiligen Einzelfall zu stellen. Der Zeitpunkt, wann ein fortschreitender Leidensprozess in ein tierschutzrelevantes Stadium abgleitet und ein solches Tier erlöst werden muss, ergibt sich individuell für jedes Gnadenhof-Huhn und sollte rechtzeitig mit deren Pflegern abgestimmt werden.

Ist durch vermehrte Haltung von 2-Nutzungshühnern Besserung in Sicht?
Kummerfeld: Zu dieser Frage gibt es leider noch keine aussagefähigen Erfahrungen bzw. genügend Fälle. Die Hoffnung erscheint aber berechtigt, da sich sowohl die Ziele dieser Zuchtrichtung als auch die Haltungsbedingungen deutlich in Richtung einer „tiergerechteren“ Haltung von Legehühnern verschieben. Bei den weiterhin gehaltenen Legehybriden aus der intensiven Bodenhaltung besteht solche Hoffnung zum Besseren eigentlich nicht (zur Befriedigung der enormen kommerziellen Nachfrage nach Eiern und Geflügelfleisch wird es diese intensive Haltungsform weiterhin geben müssen).