Der Praktische Tierarzt 31.01.2020

Entspricht die buiatrische Ausbildung den Anforderungen der modernen Rinderpraxis? Teil 2: Einschätzung der Situation durch Rinderpraktikerinnen und Landwirte

Does buiatric education meet the needs of the modern bovine practice? Part 2: Assessment of the situation through farm animal practitioners and dairy farmers

Zusammenfassung
Dieser zweite Teil unserer Untersuchungen basiert auf einer deutschlandweiten Umfrage unter Rinderpraktikerinnen1 und rinderhaltenden Landwirten2. Darin beurteilen beide Berufsgruppen die derzeit im Tiermedizinstudium vermittelten Kenntnisse und Fertigkeiten im Hinblick auf die Anforderungen der modernen Rinderpraxis. Die Mehrzahl der 174 teilnehmenden Tierärztinnen1 hält retrospektiv ihre praktische Kompetenz als Anfangsassistentinnen für überwiegend unzureichend, abgesehen von klinischer Untersuchung und Diagnosestellung. Als Gründe hierfür wurden unzureichende theoretische Kenntnisvermittlung (60 %), eine ungenügende praktische intramurale (63 %) und extramurale (40 %) Ausbildung, aber vor allem die fehlende Erfahrung (72 %) genannt. Die Wahl eines Tierartenschwerpunktes im Studium hält die Mehrzahl (63 %) für sinnvoll, wobei fast allen (90 %) der Erhalt der allgemeinen Approbation wichtig ist. Tierärztliche Haupttätigkeiten in der heutigen Rinderpraxis sind nach wie vor die Einzeltier- oder Gruppenbehandlung (97 %), gefolgt von Bestandsbetreuung (78 %). Einen deutlich geringeren Stellenwert (43 %) besitzt die Beratungstätigkeit hinsichtlich Tierhaltung, Fütterung und Melktechnik. Unzureichende tierärztliche Kompetenz auf diesen Gebieten sowie mangelndes Verständnis der Produktionsbedingungen und der ökonomischen Zusammenhänge werden auch von fast der Hälfte der 232 teilnehmenden Landwirte als Grund dafür genannt, dass sie hierbei nicht-tierärztliche Berater bevorzugen. Daher plädieren viele der befragten Tierärztinnen für eine vermehrte Berücksichtigung dieser Fächer im Studium. Die Bestandsbetreuung wird laut beider Berufsgruppen weiter an Bedeutung gewinnen, wobei man einhellig der Meinung ist, dass auch zukünftig das Einzeltier seinen hohen Stellenwert behält. Angaben der befragten Tierärztinnen zufolge sei es sehr schwierig (53 %) bis fast unmöglich (16 %), neue Assistentinnen für die Rinderpraxis zu gewinnen. Hauptgründe hierfür seien ungünstige Arbeitsbedingungen (43 %), die Tätigkeit in ländlichen und damit für manche der Tierärztinnen unattraktiven Regionen (42 %) und eine unzureichende Ausbildung im Bereich der Nutztiermedizin (28 %). Nur 20 % machen den hohen Frauenanteil im Studium für den mangelnden Nachwuchs in der Rinderpraxis verantwortlich. Die Ergebnisse deuten auf die Notwendigkeit einer Reform der prä- und postgradualen Ausbildung. Verschiedene Ansätze zur besseren Qualifizierung der nach dem Studium in der Nutztierpraxis tätigen Absolventen werden diskutiert.

Schlüsselwörter
Tiermedizinstudium, Umfrage, Ersttagskompetenz, Anfangsassistentin/Anfangsassistent

1 Für Angehörige des Berufsstandes Tierarzt wird im Folgenden ausschließlich die weibliche Form verwendet. Sie bezieht sich auf Personen aller Geschlechter.
2 Für andere Berufsgruppen wird ausschließlich die männliche Form verwendet. Sie bezieht sich auf Personen aller Geschlechter.

Summary
This second part of our investigations on the knowledge and skills currently imparted in veterinary studies with regard to the requirements in cattle practice is based on a nationwide survey of veterinarians working in this field using structured questionnaires and on an online survey of German cattle farmers. Most of the 174 participating veterinarians retrospectively assessed their first day competences as inadequate, apart from clinical examination and diagnostics. The reasons given for this were inadequate theoretical knowledge transfer (60%), inadequate practical intramural (63%) and extramural (40%) training, but predominantly a lack of experience (72%). The majority (63%) of the practitioners surveyed consider it (very) useful to have a specialization already during their studies (tracking). At the same time 90% favor retaining the general license (approbation). According to these survey results, the main activities of veterinarians in today’s cattle practice continue to be individual or group treatment (97%), followed by herd management (78%). The importance of counselling on animal husbandry, feeding and milking techniques is much lower (43%). Inadequate veterinary competence in these areas and a lack of understanding of economic interrelationships are cited by almost half of the 232 participating farmers as reasons why they prefer non-veterinary advisers. Many of the veterinarians interviewed therefore argue for these subjects to be given greater consideration in the curriculum. This also applies to herd management, which in the opinion of both occupational groups will continue to gain in importance. Although individual animal treatment will also continue to play an important role in cattle practice in the future. Most of the veterinary practitioners interviewed consider it very difficult (53%) to nearly impossible (16%) to recruit young graduates for cattle practice. The main reasons for this are unfavorable working conditions (43%), working in rural regions which are often considered to be unattractive (42%) and inadequate training in livestock medicine during their studies (28%). The results of this study therefore show again the urgent need for a reform in the veterinary curriculum. One overall acknowledged solution is tracking, i.e. qualifying in a limited number or in only one species-group, but only a few European veterinary schools already perform such programs.

Keywords
Survey, veterinary education, first-day-competences, assistant practitioner

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