Fallbericht | Quiz 22.12.2019

Ätzender Kontakt: Was führte zur Zungenerosion?

Makroglossie, Ptyalismus, geschwollene Lefzen und Erosionen an der Zunge: So wurde ein Cocker-Spaniel im Notdienst vorgestellt. Haben Sie eine Idee, mit was der Hund in Kontakt gekommen sein könnte?

Vorbericht: Die in der Schweiz beheimatete Hündin hatte ohne Aufsicht im Wald gestöbert. Ihre Besitzerin reagierte nach Kontakt mit dem Hundemaul ebenfalls allergisch. Die einmalige Gabe von Amoxicillin und Dexamethason brachte keine klinischen Besserung.

 - Ventrale zystische Veränderungen und Erosionen des Zungenepithels.
Ventrale zystische Veränderungen und Erosionen des Zungenepithels.
Foto: Sarah Baur

 - Deutliche Abnahme der Schwellung. Schwarzfärbung der Zungenspitze.
Deutliche Abnahme der Schwellung. Schwarzfärbung der Zungenspitze.
Foto: Sarah Baur

 - Dorsale Erosionen.
Dorsale Erosionen.
Foto: Sarah Baur

Verdachtsdiagnose: Kontakt zu Eichenprozessionsspinnern (= Larven des Nachtfalters haumetopoea processionea und Thaumetopoea pityocampa).
- > Verbreitung in Zentraleuropa inkl. DL und Schweiz, Wanderung der Larvenstadien von Oktober-Mai. Hochgradige lokale Veränderungen und anaphylaktische Reaktionen auch ohne direkten Kontakt zur Raupe möglich ( abgeworfene Häarchen in leeren Gespinstnestern).

Was tun?
- Warmes Wasser inaktiviert das Toxin Thaumaetopoein. Maul ausspülen, aber Zunge nicht abreiben! Dies kann Haare abbrechen und weiteres Toxin freisetzen. Handschutz bei Besitzern.

  • Befindet sich das Tier in einem anaphylaktischen Schock, ist eine entsprechende Stabilisierung notwendig: Sicherung der Atemwege bei Anzeichen von Atemnot; Adrenalin (Epinephrin) 0,01 mg/kg i. v./i. m./s. c. oder 0,2 mg/kg intratracheal (falls intubiert); entsprechende Infusionstherapie zur Stabilisierung des Blutdrucks (Bruchim et al. 2005, Kaszak et al. 2015, Niza et al. 2012, Yildar und Güzel 2013).
    Ein Antihistaminikum (Diphenhydramin 1–2 mg/kg i. m. oder Chlorphenamin 0,5 mg/kg p. o. sowie Ranitidin 2 mg/kg i. v., 2–3 x tgl.) ist empfohlen (Kaszak et al. 2015; Sigrist 2017).
  • Ein Antihistaminikum (Diphenhydramin 1–2 mg/kg i. m. oder Chlorphenamin 0,5 mg/kg p. o. sowie Ranitidin 2 mg/kg i. v., 2–3 x tgl.) ist empfohlen (Kaszak et al. 2015; Sigrist 2017).
  • Kortikosteroide mit schnell wirksamem Effekt können zusätzlich verabreicht werden und sind hilfreich bei akuter Schwellung und Schmerzen (Dexamethason 0,1–0,2 mg/kg i. v./i. m. oder Methylprednisolon 1–3 mg/kg i. v./i. m.); falls sich der Patient in einem Schockstadium befindet, kann auch eine einmalige Dosis von Dexamethason 1–4 mg/kg i. v./i. m. langsam appliziert werden (Kraft et al. 2003, Sigrist 2017).
  • Bei fortschreitender lingualer Nekrose, entsprechendem Blutbild oder Klinik ist ein Antibiotikum empfohlen (in unserem Fall: Ampicillin 30 mg/kg i. v., 3 x tgl.); auf Reserveantibiotika sollte nur mit entsprechender Indikation und nach entsprechendem Antibiogramm zurückgegriffen werden (Bruchim et al. 2005).
  • Die Patienten müssen mit einer entsprechenden Analgesie, z. B. Methadon 0,1–0,2 mg/kg, 6 x tgl., oder Fentanyl 2–10 µg/kg/h, versorgt werden.

    Eine Amputation der nekrotischen Zunge ist v. a. bei kleinen Bereichen nicht zwingend nötig, da diese sich auch selbstständig ablösen und sekundär verheilen können.Je nach Ausmaß der Nekrose kann dieses Ablösen einige Zeit dauern. Eine partielle Glossektomie wird in der Regel gut von Hunden toleriert und sollte zu keiner Problematik bezüglich Futteraufnahme führen.

Den vollständigen Fallbericht "Hochgradige Zungenverletzung nach vermutetem Kontakt mit Prozessionsspinnerraupen – Auswirkungen und empfohlene Therapie beim Hund" mit vielen eindrücklichen Bildern von Sarah Baur und Bianca Hettlich können Abonennten der Kleintierpraxis in der Dezemberausgabe nachlesen.