Praxis | Digitalisierung 28.11.2019

Notdienst-Organisation: Wo Apps helfen können

Die Not mit dem Notdienst ist schon sprichwörtlich. Zumindest die Organisation desselben kann mit moderner Technologie einfacher werden.

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Die Probleme beim Notdienst sind, wie so vieles in der Veterinärmedizin, multifaktoriell. Der Notdienst ist mühsam und kostet viel Geld. Laut Bundesverband praktizierender Tierärzte (bpt) ist ein zusätzlicher Umsatz von 60.000 Euro pro Monat notwendig, damit sich die 24-Stunden-Bereitschaft, wie sie für tierärztliche Kliniken vorgeschrieben ist, lohnt. Die hohen Kosten, aber auch das Arbeitszeitgesetz, das eine Ruhezeit von elf Stunden nach einem Arbeitstag vorschreibt, und der Fachkräftemangel haben zahlreiche Kliniken dazu veranlasst, ebendiesen Status aufzugeben. Das und der Landtierärztemangel führen dazu, dass mancherorts kein flächendeckender Notdienst angeboten werden kann.

Erste Lösungsansätze sollen die Situation entschärfen. Die Notdienst-GOT etwa, die Anfang 2020 in Kraft treten soll, sieht eine verpflichtende, pauschale Notdienstgebühr von 50 Euro für Behandlungen außerhalb der regulären Sprechzeiten und Abrechnung der tierärztlichen Leistung mit mindestens dem 2-fachen bis maximal vier-fachen Satz vor. Die erhöhten Tarife könnten auch einen erzieherischen Effekt für Patientenbesitzer haben. Denn ein beachtlicher Teil der im Notdienst vorstelligen Fälle sind keine Notfälle. Die Bundestierärztekammer (BTK) hat auch eine Broschüre für Tierbesitzer herausgegeben, damit diese Notfälle besser abschätzen können.

Digitale Lösungsmöglichkeiten
Ein anderer Aspekt ist die Organisation des Notdienstes. Hier gibt es immer mehr digitale Lösungen. Die App „Vetfinder“ etwa funktioniert wie ein Telefonbuch. Tierärzte können sich kostenpflichtig eintragen. Den Patientenbesitzern werden bei der Suche die nächstgelegenen Veterinäre angezeigt. Verschiedene Filtersuchen sind möglich, etwa auch nach Notdiensten.
Richtige Online-Sprechstunden bietet Dr. Sam. Im Zeitraum von 8 bis 24 Uhr wird reine Beratung, etwa ob es sich tatsächlich um einen Notfall handelt, angeboten. Bezahlt wird nach der GOT allerdings nur bei hilfreicher Beratung.
Einen Fixpreis pro Gespräch (meist 20 Minuten) bietet die Online-Plattform Vetelya. Patientenbesitzer finden hier Tierärzte für Videoberatung und Zweitmeinungen. Die Veterinäre sind nach Fachrichtung gegliedert, die Tierbesitzer suchen sich ihren Experten aus.

App nur für Notfälle
Rein nur für Notfälle ausgerichtet ist die App tino, die vom Start-up vetvise in Zusammenarbeit mit dem bpt entwickelt wurde. „Mit dem EXIST-Gründerstipendium, das von der EU und dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie ein Jahr gewährt wird, konnten wir tino unabhängig entwickeln“, so TA Johannes Schmidt-Mosig, der mit zwei Partnern vetvise gegründet hat. Ende Dezember wird die App deutschlandweit für Tierärzte geöffnet, damit sich genügend Veterinäre anmelden können, bevor im Februar 2020 die Anmeldung für Patientenbesitzer geöffnet wird. Die App selbst ist – für Tierärzte immer – kostenlos. Die Patientenbesitzer bezahlen für jede Kontaktaufnahme mindestens den zweifachen GOT-Satz, der zu 100 Prozent an den Tierarzt geht. Die App-Betreiber verrechnen eine geringe Bearbeitungsgebühr für die Patientenbesitzer. Mittels Fragebogen wird vorselektiert, ob es sich tatsächlich um einen Notfall handelt. Dann werden Notdiensthabende in der Nähe angezeigt. Tierärzte haben auch die Möglichkeit, eine Anfrage abzulehnen. Ein Kalender zur gemeinsamen Notdienstplanung unter Tierärztensoll in Zukunft in tino integriert werden. Für Dr. Petra Sindern, Vizepräsidentin des bpt, die federführend in der Zusammenarbeit mit dem Start-up ist, sind Aspekte wie die unverzügliche Meldung an die Haustierarztpraxis, wenn der eigene Klient an eine andere Praxis oder Klinik verwiesen wurde, wichtig. Sindern sieht auch eine Entlastung für angestellte Tierärzte, da die App überall und von jedem elektronischen Gerät verwendet werden kann. „Ein dem bpt ebenfalls wichtiger Aspekt ist es, eine neue Möglichkeit der ‚Home-Office‘-Tätigkeit zu schaffen. Die wird sicher interessant für all diejenigen werden, die etwa während einer Mutterschutzzeit am Ball bleiben und ihr tierärztliches Wissen weiter anwenden möchten. Für tierärztliche Arbeitgeber bietet sich umgekehrt die Option, einen mutterschutzgerechten Arbeitsplatz mit planbarerer Rückkehr­option in die physische tierärztliche Tätigkeit aufzubauen.“ Die digitale Entwicklung ist nicht aufzuhalten, das ist auch dem bpt bewusst. „Also muss dafür gesorgt werden, dass bpt-Mitglieder bestmöglich von solchen Entwicklungen profitieren“, so Petra Sindern. Helena Nageler-Petritz