Infektion | Zoonose 06.06.2018

Katzenpocken − wenn der erste Eindruck täuscht

Eine Fallserie aus Hannover zeigt, dass auch hinter völlig untypischen Läsionen Orthopox-Viren stecken können.

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Foto: Eleonore Horiot - stock.adobe.com

Obwohl häufig noch als Kuhpocken bezeichnet, wird das Orthopox-Virus heutzutage vor allem von Katzen übertragen, die auf Nagerjagd gehen und anschließend zum Kuscheln kommen. Die Hälfte der humanen Patienten hat sich bei einer Katze angesteckt. Während Orthopox-Infektionen beim Tier in der Regel meldepflichtig sind, gibt es beim Menschen keine Meldepflicht und damit keine genauen Daten zur Häufigkeit.

Auch bei Katzen ist die Infektion ziemlich selten: Eine retrospektive Studie berichtet von nur 46 Katzen, die zwischen 2004 und 2010 in Deutschland als infiziert gemeldet wurden. An Katzenpocken wird in der Tierarztpraxis daher meist nur gedacht, wenn die Tiere mit typischen Läsionen vorgestellt werden. Das sind ulzerierende oder verschorfte kleine Pusteln an Kopf, Nacken oder Vorderbeinen, eventuell begleitet von Fieber und leichten Störungen des Allgemeinbefindens. Sekundäre Hautveränderungen können wenige Wochen später auftreten: kleine epidermale Knoten und Ulzera, die mit Juckreiz einhergehen können. Bei immunsupprimierten Katzen kann die Infektion letal sein. Das histologische Bild einer Hautbiopsie ist typisch für Pockeninfektionen. Die Diagnose kann über Immunhistochemie oder einen direkten Virusnachweis bestätigt werden.

Fünf Fälle in vier Wochen
An der TiHo Hannover hatten die behandelnden Tierärzte zunächst keinen Verdacht auf Katzenpocken, als innerhalb von vier Wochen fünf verschiedene Katzen in der Klinik an Lahmheit und Hautveränderungen an den Hintergliedmaßen litten. Ihre Haut war an den betroffenen Stellen hochgradig ödematös und hyperämisch geschwollen, häufig mit plaqueartigen Läsionen und Erosionen. Die Symptome waren völlig untypisch für eine Orthopox-Infektion, nur zwei der fünf Katzen hatten wenige Knötchen an Kopf und Vorderbeinen. Auch die Anamnese gab keinen Hinweis: Die Vorstellungsgründe waren Lahmheit, die Folgen eines Autounfalls oder eine chronische Nierenerkrankung. Doch in der Pathologie wurde bei der Untersuchung von Hautbiopsien bzw. nach dem Tod dreier Tiere Orthopox- Virus isoliert.
Histopathologisch zeigten sich in allen fünf Fällen typische Pocken-Läsionen. Eine Gen-Sequenzierung ergab, dass eine der Katzen mit einem bisher unbekannten Orthopox-Virus infiziert war, während bei den vier übrigen Tieren ein anderes Virus vorlag. Dieses war auch schon in früheren Fällen in der Region Hannover sowie in Großbritannien diagnostiziert worden – vermutlich ein Hinweis darauf, dass es permanent in den Reservoir-Populationen zirkuliert.
Wie sich die Katzen infiziert hatten, blieb unbekannt, sie waren aber alle fünf Freigänger und Mäusejäger. Die identische virale Gensequenz in vier Fällen lässt eine gemeinsame Infektionsquelle vermuten. Weil bei drei Katzen die Hautprobleme erst während des Klinikaufenthalts begannen, wäre es möglich, dass das Virus dort übertragen wurde.

Die Autoren des Fallberichts raten aus dieser Erfahrung heraus dazu, auch bei ungewöhnlichen Symptomen die Katzenpocken als Differenzialdiagnose zu berücksichtigen. Viola Melchers

Originalpublikation: Jungwirth N, Puff C, Köster K, Mischke R, Meyer H et al. (2018): Atypical Cowpox Virus Infection in a Series of Cats. J Comp Pathol 158: 71–76. DOI 10.1016/j.jcpa.2017.12.003.