Journal Club 02.11.2009

Krankheitsverlauf einer Osteodystrophia fibrosa generalisata bei einem Satinmeerschweinchen

Erbkrankheit: Als Osteodystrophia fibrosa wird eine Stoffwechselerkrankung der Knochen bezeichnet, die mit einer erhöhten Resorption mineralisierten Knochens infolge gesteigerter Osteoklastentätigkeit und einem Ersatz des normalen Knochengewebes durch nicht ausreichend mineralisierten Osteoids sowie durch kollagenes Bindegewebe einhergeht.

Als zentraler Mechanismus liegt bei der Osteodystrophia fibrosa generalisata ein Hyperparathyreodismus vor. Dieser kann primär, sekundär (Störung der Regelprozesse, beispielsweise renale oder diätetische Ursachen) oder tertiär (Autonomie eines sekundären Hyperparathyreodismus) auftreten. Die häufigste Ursache eines primären Hyperparathyreodismus sind gutartige Adenome der Nebenschilddrüse, es können aber auch Karzinome, primäre Hyperplasien und sekundäre Hypertrophien vorkommen. Die Palpation des Halses im Rahmen der Allgemeinuntersuchung kann oft den ersten Hinweis auf eine Umfangsvermehrung im Bereich der Nebenschilddrüse geben. Ein sekundärer Hyperparathyreodismus entsteht als Gegenregulation auf eine länger anhaltende Hypokalzämie und/oder einen Mangel an Vitamin D-Metaboliten. Beim renalen Hyperparathyreodismus liegt eine chronische Niereninsuffizienz vor, beim alimentären Hyperparathyreodismus ein P-Überschuss und Ca-Mangel in der Nahrung. Bei der Osteodystrophia fibrosa des Satinmeerschweinchens wird seit kurzem vermutet, dass es sich um eine genetisch bedingte Erkrankung handelt. Eine Therapie derart erkrankter Meerschweinchen soll nicht möglich sein, vielmehr wird die Euthanasie angeraten. Im Folgenden wird der Fall eines Meerschweinchens mit Osteodystrophia fibrosa generalisata beschrieben, das 32 Monate nach Diagnosestellung und palliativer Therapie verstarb.

Bei dem Patienten handelte es sich um ein männliches Satinmeerschweinchen, welches zum ersten Mal im Alter von einem Jahr und vier Monaten in der Heimtiersprechstunde der Klinik für Heimtiere, Reptilien, Zier- und Wildvögel der Tierärztlichen Hochschule Hannover vorgestellt wurde. Am Tag der Erstvorstellung hatte das Meerschweinchen bereits sieben Tage kein hartes Futter mehr aufgenommen. Außerdem hatten die Besitzer ein vermehrtes Speicheln bei ihrem Tier entdeckt, zudem reagierte es auf gewohnte Berührungen mit lautem „Abwehr“-Quieken. Bei der Untersuchung fielen ein geringgradig reduziertes Allgemeinbefinden und ein mäßiger Ernährungszustand auf, das Körpergewicht betrug 0,49 kg (Normalgewicht 0,8–1,5 kg). Das Fell auf der Unterseite des Halses war vom Speichel stark verklebt. Bei Palpation und Manipulation, insbesondere von Kopf und Gliedmaßen, war eine allgemeine Dolenz festzustellen. Diese äußerte sich in Abwehrbewegungen und Schmerzlauten des Meerschweinchens. Eine Untersuchung der Zähne mittels Spekulum ergab eine hochgradige Zahnüberlänge der Backenzähne. Eine Röntgenaufnahme zeigte deutliche Veränderungen an den langen Röhrenknochen und am Schädel: die Markhöhle schien verschattet und insbesondere am Femur war die Kortikalis verdickt. Die Schädeldecke sowie die Bulla tympanica und die Mandibular erschienen wolkig aufgetrieben. Im Blutbild fiel ein erhöhter Leukozytenwert auf. Alle anderen Parameter befanden sich in der Norm.

Aufgrund der klinischen Symptome und der röntgenlogischen Untersuchungsbefunde wurde die Verdachtsdiagnose Osteodystrophia fibrosa generalisata gestellt. Obwohl zur Therapie einer Osteodystrophia fibrosa generalisata keine Hinweise bekannt sind, wurde auf Wunsch der Besitzer eine palliative Behandlung begonnen. Dazu erhielt das Meerschweinchen zunächst ein nichtsteroidales Antiphlogistikum (Metacam ®, 0,15 mg/kg KGW, einmal täglich), womit vorübergehend eine weitgehende Beschwerdefreiheit erzielt werden konnte. Zur Stärkung der Knochensubstanz erhielt das Tier zusätzlich Natriumrisedronat (Actonel®, 0,25 mg/Tier, einmal täglich oral). Daneben wurden bei wieder auftretender Inappetenz regelmäßige Zahnsanierungen in den Therapieplan aufgenommen. Dabei zeigte sich im Zeitverlauf, dass die Zeitabstände zwischen den notwendigen Zahnkürzungen zunehmend geringer wurden. Das Meerschweinchen hatte sich während der Beobachtungsphase auf ein relativ konstantes Körpergewicht von 0,42 bis 0,44 kg eingependelt. Im Krankheitsverlauf zeigte es zunehmend einen hoppelnden Gang, da sich der Bewegungsradius insbesondere die Hüftgelenke zunehmend verringerte. Die Besitzer berichteten jedoch von einem guten Allgemeinbefinden zwischen den Zahnsanierungen, überwiegend selbständiger Futteraufnahme und Lebendfreude ihres Tieres. Das Meerschweinchen verstarb dann unerwartet im Alter von drei Jahren und zehn Monaten, eine Sektion wurde verweigert. Obwohl nicht alle Satinmeerschweinchen an einer Osteodystrophie erkranken, wird wegen familiärer Häufungen eine genetisch bedingte Knochenerkrankung vermutet. Osteodystrophia fibrosa kommt auch bei Pferd und Ziege sowie Hund, Katze und Schwein vor. Als Krankheitsursache wird dabei in der Mehrzahl der Fälle ein falsches Kalzium-Phosphor- Verhältnis in der Nahrung angesehen. In dem hier beschriebenen Fall handelte es sich um ein Satinmeerschweinchen, dass eine nagergerechte Nahrung erhielt, die vorwiegend aus Heu sowie Grünfutter und angemessenen Rationen Fertigfutter bestand. Bei Tieren mit Störungen des Knochenstoffwechsels ist es wichtig, die Serumkalzium- und phophorwerte zu überprüfen. Bei dem hier beschriebenen Patienten zeigte eine Blutuntersuchung bei Erstvorstellung keine Abweichungen von der Norm. Bei einer Laborkontrolle 30 Monate später ergab, dass der Kalziumwert weiterhin im Normbereich lag, der Phosphorwert allerdings erniedrigt war. Typischerweise ist eine Hypokalzämie bei Normo- oder Hyperphosphatämie zu erwarten. Ein erniedrigter Phosphorwert kann dabei durch einen primären Hyperparathyreodismus, Osteomalazie, Rachitis, aber auch durch einen zu geringen Anteil an Phosphor in der Nahrung bedingt sein.

Ist die Ursache der Osteodystrophie eine Veränderung der Nebenschilddrüse, so gilt als einzig wirksame Therapie deren Exstirpation. Bei dem beschriebenen Patienten lagen klinisch keine Anhaltspunkte für eine Nebenschilddrüsenvergrößerung vor, da sowohl die Palpation als auch die sonografische Untersuchung des Halses unauffällig waren.

Bezüglich der beschriebenen klinischen Symptome muss differentialdiagnostisch an eine Arthrose gedacht werden. Auf den Röntgenbildern derart erkrankter Tiere sind allerdings nur die Gelenke betroffen, die Knochensubstanz der langen Röhrenknochen erscheint normal. Das Meerscheinchen erhielt Natriumrisedronat, was bei Menschen mit Osteoporose und Morbus Paget zur Stärkung der Knochensubstanz eingesetzt wird. Risedronsäure ist ein Biphosphonat, das die Aktivität der für den Knochenabbau verantwortlichen Osteoklasten hemmt. Außerdem verbinden sich Biphosphonate mit den Mineralstoffen im Knochen und verhindern, dass diese aus dem Knochen herausgelöst werden. Hierdurch wird die Entmineralisierung des Knochens aufgehalten sowie Schmerzen und Frakturen vermieden. Bisher liegen noch keine Studien über den Einsatz von Actonel® bei Meerschweinchen vor. Eigene Untersuchungen an einer kleineren Tierzahl ergaben, dass die Tiere dieses Medikament gut vertragen und damit möglicherweise eine Verzögerung des Krankheitsverlaufes erreicht werden kann. Die Gabe von Kalzium hat keinen Einfluss auf die Erkrankung. Sie ist bei Meerschweinchen kontraindiziert, da über die Nieren ausgeschiedenes Kalzium im alkalischen Milieu der Blase ausfällt und so zu Blasengriess und -steinen mit der Folge von Zystitiden führen kann.

(Quelle: Ch. Rapsch Dahinden et al. (2008): Krankheitsverlauf einer Osteodystrophia fibrosa generalisata bei einem Satinmeerschweinchen. Schweiz. Arch. Tierheilk., Band 151, Heft 5, 233–237)

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