Journal Club 06.10.2019

Neurologie: Vom Hund zum Kaninchen

Bis zu elf Prozent der Kaninchen werden mit Verdacht auf eine neurologische Erkrankung vorgestellt. Die übliche Untersuchung wurde für Hunde entwickelt – jetzt gibt es eine Alternative.

Kaninchen sind keine Hunde – und doch beruht ihre neurologische Untersuchung zumeist auf Protokollen, die für Kaniden entwickelt wurden. Eine direkte Übertragung kann nicht gut funktionieren: Nicht nur die Anatomie unterscheidet sich, auch die Reaktionsmuster sind beim Fluchttier Kaninchen anders als beim Fleischfresser.

Wissenschaftler aus Kopenhagen haben eines der üblichen Protokolle an 26 gesunden Kaninchen getestet und bewertet, welche neurologischen Tests bei der Spezies überhaupt durchführbar sind und ob sie aussagekräftige Ergebnisse liefern.

Kopfnerven
Einige Tests der Kopfnerven wurden von den Autoren als für das Kaninchen ungeeignet befunden. So lässt sich die Drohreaktion üblicherweise nicht auslösen und sagt somit nichts über das Sehvermögen des Patienten aus. Auch der indirekte Pupillarreflex hat wenig diagnostischen Wert, wahrscheinlich weil sich beim Kaninchen nur ein geringer Anteil der optischen Nervenfasern überkreuzt. Auf das Öffnen des Mauls oder das Herausziehen der Zunge sollte wegen des Verletzungsrisikos besser verzichtet werden. Alternativ kann man Kaninchen beim Mümmeln beobachten und ihnen ein wenig Honig unter die Nase schmieren, den die Tiere dann ablecken.

Haltungs- und Stellreaktionen
Ob Hüpfen, Überköten oder die Schubkarre – diese Tests liefern zumeist inkonsistente Ergebnisse. Als Beutetier reagieren Kaninchen auf stressige Situationen wie plötzliche Haltungswechsel selten mit einer Korrektur, sondern eher durch Erstarren. Eine realistischere Möglichkeit, Auskunft über eine pathologische Körperhaltung, Gangveränderungen, Lahmheiten, Kreislaufen oder Fallen zu bekommen, ist es, sich auf Schilderungen des Besitzers oder Videoaufzeichnungen zu verlassen.

Reflexe
Speziell der Patellarreflex erfordert einen sehr erfahrenen Untersucher. Zudem war er meist verstärkt, sodass eine Hyperreflexie nicht als Zeichen eines Problems im OMN-System gewertet werden kann. Alternativ können Kaninchen in der Bewegung beobachtet werden, um spastische Paresen/Paralysen oder propriozeptive Defizite zu erkennen.

Modifizierter Untersuchungsgang
Abschließend empfehlen die Autoren für Kaninchen eine verkürzte und damit stressfreiere neurologische Untersuchung, die auf alle Tests ohne große Aussagekraft bei dieser Spezies verzichtet.
VIOLA MELCHERS

Originalpublikation:
Warnefors E, RuelØkke ML, Gredal H (2019): Results of a Modified Neurological Examination in 26 Healthy Rabbits. J Exot Pet Med 30: 54–59.
DOI 10.1053/j.jepm.2018.01.010.