Kongress | Wir berichten 01.02.2019

Niedersächsischer Tierärztetag: Praxistipps und erste Eindrücke

Der Niedersächsische Tierärztetag war ein voller Erfolg. Wir haben Praxistipps und erste Eindrücke aus dem Vortragsprogramm zusammengestellt.

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Foto: Karin Lason

Besucherrekord: Über 2.300 Fach- und Branchenteilnehmer gingen auf dem Niedersächsischen Tierärztetag vom 24. bis 26. Januar getreu dem Kongressmotto in Hannover "gemeinsam in die Zukunft." Waren Sie auch dabei?

Folgend ein paar erste Eindrücke aus dem vielfältigen Seminar-und Vortragsprogramm.

PODIUMSDISKUSSION: „Fast alle menschlichen Eigenschaften finden sich zumindest in Ansätzen auch beim Tier“, so ein Statement des Verhaltensbiologen Prof. Norbert Sachser. Der Autor des Bestsellers „Der Mensch im Tier“ diskutierte auf dem Niedersächsischen Tierärztetag mit Veterinären über eine Neubewertung der Mensch-Tier-Beziehung. Wo ziehen wir die Grenze zur Vermenschlichung? Wie lassen sich Missstände in der Nutztierhaltung verbessern, wenn die Verantwortung dafür von einem auf den anderen abgewälzt wird wie auf einem „Verschiebebahnhof“? Die Runde auf dem Podium beklagt zudem ein großes Wissendefizit über Tiere in der Bevölkerung. „Tierschutz findet heute oft abgekoppelt von jedem Tierverständnis statt“, bedauert Kleintiermedizinerin Julia Tünsmeyer. Peter Kunzmann, Professor für Tierethik, hält fest: „Die Würde des Tieres besteht darin, es mit seinen Bedürfnissen ernstzunehmen.“

ESEL: Esel sind wie Meerschweinchen; sie brauchen Kumpel, um sich wohlzufühlen, so Experte Manfred Stoll. Jegliche Futterverweigerung kann eine gerfährtliche Hyperlipidämie auslösen. Schnelldiagnose: Serum gegen das Licht halten. Bei Trübung: Erkrankung wahrscheinlich.

TFA: Notfall-Experte René Dörfelt gab den fortgeschrittenen TFAs folgenden Praxistipp für narkotisierte Patienten: Ist der Larynx nicht sichtbar kann ein mit Sauerstoff befüllter, abgeschnittener Rüdenkatheter helfen, den Tubus zu leiten. Besitzer sollten zudem darauf hingewiesen werden, dass "nüchtern bleiben" nicht bedeute, dass die Tiere nicht mehr trinken dürfen!

INSEKTEN: Nils Grabowski von der TiHo klärte über krabbelnde Nahrungsmittel auf: „Speiseinsekten sind letztlich nicht mehr, aber auch nicht weniger als Lebensmittel.“ Schaben sind übrigens sehr reich an Vitamin C!

ARBEITSSCHUTZ : Tierärzte mit Angestellten müssen für die Arbeitssicherheit ihrer Mitarbeiter einstehen und sich alle fünf Jahre für fünf Stunden im diesem Bereich fortbilden, wenn sie keinen externen Berater beauftragen wollen."Behörden kontrollieren in der Regel keine sehr branchenspezifischen Dinge, da sie davon selbst keine Ahnung haben", so Expertin Anne Marxen. Mit allgemeinen Hygienebestimmungen kennen sie sich hingegen gut aus.

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Foto: Karin Lason

PFERD: Hautspezialistin Marianne Sloet aus Utrecht riet ihren Kollegen bei Allergien zu Geduld. Ihrer Erfahrung nach heilen viele Hauterkrankungen von allein aus. "Ich verwende gern Biotinpulver, weil das sechs Wochen bis in die Haarspitzen braucht". In der Zeit hat die Haut Zeit selbst zu heilen und Besitzer müssen sich gedulden.

SCHWEIN: Sandra Blome vom Friedrich-Loeffler-Institut erklärte, warum die aktuelle Krankheitsdynamik der Afrikanischen Schweinepest nicht mit unserem Lehrbuchwissen zusammenpasst und räumte mit einigen Mythen auf: Nein, Wildschweinkadaver sind nicht innerhalb von 48 Stunden von kannibalistischen Artgenossen abgeräumt. Rekonvaleszente Tiere bleiben nur selten dauerhaft Carrier: Nach 50 Tagen ist noch Virus nachweisbar, nach 150 nicht mehr. Und schließlich: Der Wolf ist nicht der Überträger der ASP.

RIND: Die Enthornung ist für Kälber ein Stressor, der sich direkt auf die Gesundheit auswirkt, berichtet Johannes Kretschmann aus Leipzig. Seine Untersuchungen zeigen: Durch adäquates Schmerzmanagement beim Enthornen lässt sich das Risiko respiratorischer Erkrankungen minimieren.

NEUWELTKAMELIDEN: Neuweltkamele reagieren auf eine Infektion mit dem Kleinen Leberegel weitaus sensibler als Rinder. Praziquantel ist wirksam, muss aber deutlich höher dosiert werden als beim Wiederkäuer. Prof. Dr. Thomas Wittek aus Wien rät auf dem Niedersächsischen Tierärztetag stark davon ab, Lamas und Alpakas auf Weiden zu halten, auf denen der Parasit vorkommt.

AMTSVETERINÄRE: Immer wachsam: "Gewalt passiert, wenn wir am wenigsten damit rechnen", so Sven Seeger. Der erfahrene Dozent für den Rettungsdienst zeigte Amtstierärztinnen, was sie tun können, um sich selbst zu schützen. Diese erleben ihr Klientel als zunehmend verroht.

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Foto: Viola Melchers

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